Wünsch dir was! Warum Weltflucht produktiv ist

Träumen, sich in Gedanken verlieren und sich flüchten in Geschichten: Viele von uns wünschen sich gerade weg, irgendwo anders hin. Diese Art von Weltflucht kann eine Form der Erkenntnis darstellen – meint Max Sippenauer in einem Essay.

Von: Max Sippenauer

Stand: 21.01.2021

Wünsch dir was! Für die neue Zeit, die kommen wird; irgendwann, hoffentlich. Gibt es nicht genug bessere Welten, von denen wir träumen möchten? Ferne Planeten am Rande unbekannter Galaxien oder im outer Cyberspace? Doch etwas hemmt mich, solch einem Eskapismus zu verfallen. Mir ist, als hätte ich das Wünschen verlernt. Und das gerade jetzt, wo die Zukunft ein weißer Fleck ist.

Richtig so!, meint der Philosoph Arthur Schopenhauer. Für den Pessimisten und Antiwunschdenker wartet in jedem Wunsch eine Enttäuschung. Hat er am Ende Recht? Ist diese Zeit der Desillusionierung der Beginn für einen neuen Wirklichkeitssinn? Der Psychoanalytiker Tobias von Geiso sieht eher die Gefahren: „Die Wirklichkeit legt uns dauernd Enttäuschungen auf. Die zwischenmenschlichen Beziehungen legen uns Enttäuschungen auf, die Pandemie legt uns massivste Enttäuschungen auf. Und was kann ich da draus machen im Spannungsfeld mit meinen vorhandenen Wünschen? Das kann für Menschen gefährlich sein.“

Die Flucht in Geschichten reinigt uns

Mein beliebter Weg, diesem Wunschfrust vorzubeugen, ist die Flucht in Geschichten. Denn hier gibt es Helden, die für mich begehren, entsagen und vor allem Erfüllung finden. Für den Psychoanalytiker Geiso ein vertrautes Verhalten: Menschen suchen sich ihr Märchen aus, das ihnen eine Identifikation erlaubt: „Die Märchen, die haben jedem etwas anzubieten. Jeder hat unterschiedliche Zielmärchen oder Wunschmärchen, die ihm am besten gefallen. Und das hat damit was zu tun, dass von seiner Thematik und zwar von seiner Wunsch-Thematik in die Märchen etwas vorkommt.“ Dieses Miterleben der eigenen Fantasien, übrigens auch dunkler, kann eine entlastende Wirkung haben. Katharsis haben das die Griechen genannt: eine „Reinigung“ von Affekten.

Geschichten können das eigene Wunschdenken für eine bestimmte Zeit außer Kraft setzen. Aber natürlich kann man nicht ewig auf dem fliegenden Teppich bleiben. Nach der Wunscherfüllung des Heldens wird es langweilig. Deshalb enden da auch die klassischen Heldenreisen.
Meine eigene Realität dagegen, endet nicht. Deshalb sagt Philosoph Schopenhauer hilft gegen diesen ständigen Wunsch- und Willensdrang eigentlich nur eine meditative Entsagung: Etwa die des Zen-Buddhismus. Denn während einen das Kontemplieren in der Kunst nur vorübergehend von den Erwartungen retten kann, die man an die Welt stellt, befreit – Erwartungen, die man weder selbst, noch die Welt je erfüllen können – kann der Zustand des Wunschlos einen dauerhaft entlasten. Also eine neue Bewusstseinsebene schaffen.

Wer wünscht, der glaubt: Die Dinge lassen sich ändern

Aber ist das wunschlose Unglück (das Schophenhauer wie Handke besangen) wirklich das Non plus ultra der menschlichen Existenz? Oder gehören unsere Wünsche nicht zu uns, so naiv und weltfremd sie auch sein mögen. Brauchen wir unsere Wünsche nicht, um uns an der Wirklichkeit zu reiben? Lehrt uns die Enttäuschung nicht erst, die Dinge so zu sehen, wie sie sind? Sind Wünsche nicht auch Lokomotiven der Geschichte? Wünschen wir uns nicht alle, wie Alice, die aus dem Wunderland, schon vor dem Frühstück sechs unmögliche Dinge gedacht zu haben? Der Psychoanalytiker von Geiso warnt jedoch vor einem Wünschen, das keine Grenzen kennt, weil es in Verleugnung und Weltflucht enden könne: „Das Verleugnen ist etwas ziemlich Gängiges. Ist natürlich der Wunsch. Es ist der Wunsch, das grauenhafte Leid nicht erleben zu müssen. Das ist das Verleugnen und das ist, glaube ich, auch jetzt Manifeste. Für die Leute ist das einfach grauenhaft, was passiert. Und Verleugnung ist der Versuch, davon wegzukommen.“

Verleugnen oder sich mit Erwartungen überfordern? Egal wie es ist, ganz hinten, tief versteckt in mir, glimmt stets die Hoffnung, dass der Traum Wirklichkeit wird. Auch wenn ich weiß, dass die Welt ein dunkler Ort ist – dafür braucht es keine Schopenhauer-Lektüre. Auf eine Enttäuschung mehr kommt‘s da nicht an. Also wünschen wir uns was! Immerhin: Wenn ich wünsche, glaube ich, dass sich etwas ändern lässt.

Zum Beitrag von Max Sippenauer in Capriccio geht's hier entlang.