Weltflucht als Medizin Wieso wir Museen gerade so vermissen

Wir alle wollen im Museum die Originale sehen. Aber spielt etwas anderes nicht auch eine Rolle, etwa die Nähe und Verbundenheit zu anderen Besuchern und Besucherinnen?

Von: Martin Zeyn

Stand: 29.01.2021 | Archiv

Leere Alten Pinakothek | Bild: Bayerischer Rundfunk 2020

Abends in einem norditalienischen Restaurant. Während des kurzen Zeitfensters im letzten Jahr, als die geschundene Gegend fast keine Corona-Fälle hatte. Kaum Gäste und trotzdem dauert es, bis das elektronische Bezahlen klappt. Die Kellnerin macht währenddessen Smalltalk, wo man herkomme, was man angesehen habe. Als ich das Museo del Novecento erwähne, da leuchten ihre Augen geradezu auf. Welche Arbeiten mir am besten gefallen hätten? Na, die Futuristen. Und dann erzählt sie, dass sie während des Studiums mindestens zweimal die Woche in dieses Museum gegangen ist, um sich immer wieder die Futuristen anzuschauen, Balla, Boccioni, Carrà.

Meine Frau musste ziemlich lang warten, bis ich an den Tisch zurückkam, aber ich hatte ja eine gute Ausrede: Hat so lange gedauert, bis die Karte akzeptiert wurde. Weswegen ich das Ganze hier erzähle? Nun, normalerweise ist der Besuch eines Museums eine ziemlich einsame Sache. Kommunikation beschränkt sich meist darauf, sich nicht in die Sichtachse eines anderen Besuchers zu stellen. Das ist übrigens eine der ganz wenigen Sachen, die bei Online-Ausstellungen besser sind: Niemand drängelt sich einfach so vor einen. Und wir können per Zoom dem Bild so nahe kommen, wie es kein Museumswärter je erlauben würde. Bei einem Gemälde von Goya haben so Wissenschaftler ein Detail entdeckt, das selbst dem Fachpublikum bisher entgangen war.

Das Schaffen einer Gemeinschaft

Aber ein Museumsbesuch stiftet auch eine Gemeinschaft, schafft eine Gemeinde von Menschen, die sich alle für dasselbe interessieren. Natürlich geht es beim Besuch vor allem um die Aura des Originals, also darum, dass das Gemälde vor uns nur einmal in der Welt existiert und ich mit ihm gerade eine Verbindung aufnehme. Aber es geht auch darum zu wissen, ja zu spüren, es gibt Menschen, gar nicht so wenige, die diese Vorliebe teilen. Was anders als bei menschlichen Partnern auch kein Problem darstellt. Die Liebe zur Kunst mit vielen teilen zu müssen, macht sie nicht kleiner. Eine Kerze spendet ja auch nicht weniger Licht, wenn ich damit eine andere anzünde.

Und es ist eben nicht nur die Kunst allein, die ich an einem Museumsbesuch schätze, sondern auch die Atmosphäre, die Ruhe, sogar – wenn es nicht gar zu viele sind wie bei einer Blockbuster-Ausstellung – die Mitbesucherinnen und die deutlich weniger Mitbesucher.

Eine Dosis Weltflucht, um der Welt ins Auge sehen zu können

Ich habe die Studentin gut verstanden. Während eines Auslandssemesters in Leningrad (das hieß erst später wieder St. Petersburg, wurde aber von den Bewohnern eh nur "Peter" genannt) bin ich mindestens zweimal pro Woche in die Ermitage gegangen. Natürlich um sich die unfassbar schönen Bilder von Matisse anzusehen oder die großartigen Rembrandts. Aber auch, um dem Land kurz zu entfliehen, dass da draußen vor die Hunde zu gehen schien. Die Sowjetunion zerfiel – und der Stress war den Menschen anzumerken. Nur hier im Museum war es ruhig. Ich lernte den Gruppen auszuweichen, kannte bald die Zeiten, an denen fast nichts los war. Und dann saß ich manchmal 20 Minuten allein vor "La Danse" von Matisse.

Natürlich war das eine Weltflucht. Aber ich bin jemand, der ab und zu eine bestimmte Dosis Weltflucht braucht. Um dann, beruhigt, ja fast ein bisschen glücklich, der Welt wieder ins Gesicht zu sehen. Die Studentin, die als Kellnerin jobbte, mag vielleicht etwas Ähnliches empfunden haben.

Und heute? Natürlich fehlen mir die Bilder. Aber genauso fehlen mir die Blicke im Museum, die Gespräche hinterher, fehlt mir das Erspüren von Gemeinschaft. Und mir fehlt nach zehn Monaten Corona die Weltflucht. Öffnen die Museen wieder, mache ich mich wieder sofort auf. Und ich bin sicher, es gibt viele Menschen, die genauso wie ich empfinden.

Dieser Beitrag lief am 28.1. im KulturLeben auf Bayern 2.