US-Autorin Jia Tolentino Wieso eine 16-Jährige ins Reality-TV will

Jia Tolentino setzt sich als Autorin des renommierten Magazins "The New Yorker" immer wieder kritisch mit der Selbstvermarktung in den sozialen Netzen auseinander. Vor allem, weil sie selbst als Teenie ganz anders gehandelt hat.

Von: Martin Zeyn

Stand: 01.03.2021 | Archiv

Jia Tolentino mit Mikrofon | Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Sachelle Babbar

Mit 16 nimmt Jia Tolentino an einer Reality-TV-Show in Puerto Rico teil. Lange Jahre war dies "eines der bestgehütetsten Geheimnisse" ihres Lebens. Zwar erzählte sie hin und wieder davon, spielte es zu einer kuriosen Episode einer Teenagerin herunter. Erst bei der Arbeit an ihrem autobiografischen Essay "Mein Reality-TV-Ich" wird ihr klar, dass "eine Sechzehnjährige nicht einfach so in Bikini und Pigtails im Fernsehen landet, wenn sie nicht auch danach schreit, gesehen zu werden". Wie kam es dazu, dass sie sich vor laufender Kamera in äußerst knapper Bekleidung zeigte? Also beginnt sie zu recherchieren, trifft sich mit der damaligen Produzentin der Serie und kontaktiert alle, die damals als Jugendliche mitgemacht haben.

Traum einer durch und durch narzisstischen Person

Angefangen hat alles mit einem Mini-Casting in einer Mall. Für sie überraschend wird Tolentino tatsächlich ausgewählt. Für drei Wochen erhält sie 2004 eine Schulbefreiung und fliegt nach Puerto Rico (nachdem sie erst einmal den Abflug ihres Fluges verträumt hatte). Sie nimmt an Challenges teil und sorgt wie alle für möglichst viel Drama, d.h. für eine Form der fernsehtauglichen Wirklichkeit, für die Reality-TV steht. Die vier Jungen und vier Mädchen sollten gut aussehen, athletisch sein und möglichst unterschiedliche Typen verkörpern. Genauso wichtig sei gewesen, verrät die Produzentin, die für die Auswahl zuständig war: "Im Reality-TV braucht man Leute, die null unsicher sind. Oder aber jemanden, der so unsicher ist, dass er komplett durchdreht."

Selbst die Teenager durchschauen schon das Spiel, das mit ihnen getrieben wird. Aber sie spielen dennoch mit. Ihr Wunsch, ja, ihre feste Überzeugung, dass das eigene Leben filmreif ist, lässt sie übersehen, dass sie ausgebeutet werden. Rückblickend stellt die Autorin fest: "All das ist der wahrgewordene Traum einer durch und durch narzisstischen Person." Und Tolentino stellt fest, dass sie keineswegs nur Opfer ihrer Naivität gewesen ist - sie wollte von der gesamten Welt gesehen werden. Und sie zieht Verbindungen zur Jetztzeit: "Beim Anschauen der Show fühlte ich mich genauso, wie wenn ich in New York im Zug sitze und durch Twitter scrolle. Ich denke auf der einen Seite: Wo sind wir hinter all dieser willkürlichen Wichtigtuerei? Und auf der anderen: Sind wir nicht alle genau das, was wir zu sein scheinen?"

Vieles ist Verarsche

Tatsächlich bekommen einige aus dem Team hinterher kleine Rolle im Fernsehen – ein Filmstar wird aber niemand. Denn wie sich zeigt, sollte man die Teilnahme bei einem Reality-TV-Format lieber nicht im Lebenslauf vermerken. Die einzige, die richtig Erfolg hat, ist Angela. Allerdings nicht als Schauspielerin. Sie "wechselte in die Immobilienbranche. 'Es geht um selbstsicheres Auftreten, vieles ist Verarsche. Ich habe mich wirklich gut geschlagen. Es ist genau dasselbe.'"

Tolentino selbst hat nie wieder versucht, ins Fernsehen zu kommen. Ihr Weg zur Berühmtheit war es, zu schreiben. Das wusste sie schon mit 16, sagt ihr ein Mitspieler von damals: "Wir wollten alle berühmt sein. Außer dir. Ich weiß noch, wie wir einmal alle zusammensaßen und darüber gesprochen haben. Und du warst die einzige, die wirklich kein Interesse hatte. Du hast gesagt, wenn du jemals berühmt werden solltest, dann müsse es einen Grund dafür geben. Du meintest: 'Ich will nicht für diesen Scheiß hier berühmt werden. Ich will berühmt werden, weil ich ein Buch geschrieben habe.'"

Tolentino hatte die Lektion gelernt. Neben ihrem Blog ist sie auf Instagram sehr aktiv. 62.000 Follower hat sie und zeigt wie damals mit 16 ihre Bikinifigur – allerdings nun mit Babybauch. Nun ist sie es, die ihr Bild bestimmt. Denn neben den ersten Kinderbildern findet sich die Bestenliste aus der New York Times: auf Platz 2 ihr Buch "Trick Mirror".

Wer den Text von Tolentino hören will, das Nachtstudio bringt eine Lesung von "Mein Reality-TV-Ich", die sie hier als Stream und Podcast herunterladen können – und bei der Gelegenheit natürlich auch das Nachtstudio abonnieren können. Es spricht Anne Schäfer. Wer den Erlebnisbericht nachlesen will, der Text ist dem Band "Trick Mirror" entnommen, übersetzt von Margarita Ruppel, und soeben bei S. Fischer Verlag erschienen.