Meinung Wieso nach Corona unsere Innenstädte lebendiger werden!

Der Einzelhandel fürchtet, dass fast die Hälfte aller Geschäfte schließen muss. Aber könnte das nicht auch eine Chance sein, um unsere Innenstädte endlich aus dem Klammergriff des Kommerzes zu befreien?

Von: Martin Zeyn

Stand: 16.02.2021 | Archiv

Sie gehört zu Coburg wie die Veste: die Coburger Bratwurst. Jeden Tag steht ein anderer Verkaufsstand auf dem Marktplatz, auch in schwierigen Zeiten wie dem Lockdown. Die leere Innenstadt bereitet den Betreibern wie Andrea Merz zunehmend Probleme.  | Bild: BR/Richard Padberg

Dieselben Schriftzüge überall, dieselben Klamotten auf denselben Schaufensterpuppen vor derselben Dekoration: Die Wiederkehr des ewig Gleichen oder Tristesse in modisch-bunt. Die Innenstädte ein Sudoku aus den immer gleichen H&M-, Tchibo- und Nordsee-Läden. Könnten Sie anhand des Fotos eines Geschäfts bestimmen, ob das abgebildete Geschäft der Parfümerie-Ketten-Filiale in Ingolstadt, Nürnberg oder Augsburg steht? Ich nicht, Sherlock Holmes vielleicht, aber eben auch nur vielleicht.

Die Klage ist alt. Bundesdeutsche Innenstädte sind austauschbar geworden. Filialen großer Franchiseunternehmen und von Modenketten wechseln sich ab, alte, eingeführte lokale Einzelhändler verschwinden. Das Schreckensszenario: Verödete Innenstädte, eingeschlagene Schaufenster, Leerstand all überall.

Öde war es schon vorher

Tatsächlich hat die totale Kommerzialisierung der Innenstädte die Verödung nicht verhindert. Was wurde uns denn geboten? Wir hatten die Wahl zwischen Fast Fashion und Luxusmode, zwischen Fast Food und Touristennepp. Ist das zu ungerecht? Oder leider doch eine präzise Zuspitzung der tristen Wirklichkeit? Was kann ich in der Münchner Innenstadt tun, wenn ich der – zugegeben wirklich ziemlich absurden – Idee nachgehe, einmal kein Geld auszugeben? Mit allen Touristen um 11 mir das Glockenspiel anschauen. Und dann? Gut, ein paar Sitzgelegenheiten gibt es. Aber es ist nicht gerade leicht, einfach nur mal sitzen zu bleiben, wenn alle anderen nur Geschäfte-Hopping betreiben. Ich käme mir da deplatziert vor. Seit Jahren sprechen Kommunen und Einzelhandelsverbände von der großen Aufenthaltsqualität in den Innenstädten – und meinen kaum mehr als wechselnden Blumenschmuck in Pflanzcontainern. Oder bedeutet der Begriff wirklich nur eines: Menschen möglichst lange dort zu behalten, damit sie möglichst viel Geld in den Geschäften lassen. Menschen wäre dann allerdings eine falsche Bezeichnung – gewollt sind ausschließlich Konsumenten.

Wurden die Armen evakuiert?

Soll das Urbanität sein? Wieso sehen dann die meisten Einkaufsstraßen (nomen est omen) so verlassen aus – kaum 15 Minuten nach Ladenschluss? In der Münchner Innenstadt nach acht scharen sich Touristen gerade verzweifelt um die verbliebenen, wackeren Straßenmusikanten – bislang haben die Besucher nämlich geglaubt, einen Evakuierungsbefehl an die lokale Bevölkerung überhört zu haben.

Armut? Hartz IV-Empfänger? Was sollen die hier? Sie bekommen doch das ungetragene T-Shirt zwei Monate später in der Kleiderkammer ausgehändigt, weil wir, die Konsumenten, es doch gar nicht haben wollen. Betteln? Vielfach nicht erlaubt. Mit welcher Begründung? Mit welchem Recht sperren wir eigentlich Menschen aus? Und wieso nehmen wir es hin, dass die Gestaltung der Innenstädte die Separierung in Reich und Arm befördert.

Klar gibt es schicke Cafés. Aufenthaltsqualität ist also gegeben für Menschen, die sich 4,50 Euro für ein Heißgetränk leisten können und das Doppelte für einen Feierabend-Absacker! Nein, unsere Innenstädte sind doppelt öde – sie zeigen nur eine heile Shopping-Welt und sie tun so, als ob Armut nicht existiere.

Vielfalt ist lebendiger als Shopping

Kann es dann nicht nach Corona besser werden? Längst gibt es neue Konzepte von Stadtentwicklern und Architektinnen. Warum keine Flüchtlingscafés ins Erdgeschoß? Warum keine Proberäume für Musiker in die Lagerräume? Warum kein Mietnachlass für Kneipen, die abends lokalen Bands auftreten lassen. Es würden ganz andere Menschen plötzlich in die Innenstadt finden.

Städte veröden ohne Mischung. Das krasseste Beispiel: Venedig, das aus Tagestouristen und ungenutzten Immobilien zur Geldanlage verkommt – weitgehend verlassen von der lokalen Bevölkerung. Unsere Innenstädte bestehen aus Kundenströmen und Gewinnmaximierung. Voll ja, aber nicht lebendig.

Nein, nur weil es weniger Geschäfte geben wird – wegen des Onlinehandels und Corona –, müssen unsere Städte nicht veröden. Wir können lebendige Zentren schaffen, indem wir die Innenstädte für unterschiedliche Nutzungen offenhalten. Einkaufen kann ein Teil sein, aber er darf nicht der einzige sein. Und wenn wieder alle die Stadt nutzen, dann kann sie sogar um vieles lebendiger werden als in den letzten zwei Jahrzehnten. Dazu braucht es keine Wunder – es reichen ein paar mutige Entscheidungen, jetzt Dinge anders zu machen.