Longread Warum die Scham eine solche Macht hat

Menschen schämen sich. Aber warum? Und welchen Anteil haben unsere Mitmenschen daran? Vor allem, wenn wir nicht ins Bild passen, wenn wir nicht jung oder schön sind. Ein Gedankenstück über Zuweisung und Zuschreibung.

Von: Martin Zeyn

Stand: 07.08.2020

Schwarzweiß Bild: Viele Finger zeigen auf einen Mann | Bild: picture alliance/Everett Collection/Old Visuals

Scham ist für die einen eine alltägliche Last, für die anderen bloß eine Art Auslöser für Bekenntnisdurchfall. Die Forschung ist sich uneins, ob die Scham angeboren oder anerzogen sei. Der Soziologe Norbert Elias sah in ihr einen Verfeinerungsprozess, Jahrhunderte hätten geprägt, wofür wir uns schämen und wofür nicht. Diese These blieb nicht unwidersprochen. Der Ethnologe Hans Peter Duerr etwa sammelte auf 3.000 Seiten Belege dafür, warum Elias falsch lag. Weder die alten Griechen noch die Besucher der Badehäuser im Mittelalter waren schamlos. Ihr Schämen unterschied sich nur von unserem.

So empörte sich ein Athener Augenzeuge darüber, dass eine Sportlerin aus Sparta beim Laufen ihre Waden entblößte. Auch die nackten Olympioniken waren nicht komplett unbekleidet, sie banden sich eine Schnur um die Vorhaut, damit nicht aus Versehen die Eichel herausrutschte und zu sehen war. War die Scham kleiner, harmloser, handhabbarer damals, weil sie nur aus einem Faden bestand?

Unstrittig ist nur eines: Es gibt die Scham. Aber wir wissen nicht wieso. Der Druck kirchlicher oder staatlicher Normen ist klar benennbar, definiert durch Gesetze, Verordnungen, Anweisungen. Einen solchen Codex hat die Scham in unserem Inneren nicht. Wir können uns für alles schämen, auch für das Allernatürlichste, wie die kalten, schwitzenden Hände, wenn die Party eigentlich supernett ist.

Ein Gesetzgeber ohne Gesetzbuch

Jeder schämt sich auf seine Weise. Und jede auf ihre Art. Wir alle haben unsere eigenen Sackgassen im Labyrinth. Schlimmer noch, die Scham bekommt ständig Updates: die Alter-weißer-Mann-Scham, die Flugscham, die Plastiktütenscham, die Fleischscham, die SUV-Scham. Einen Diesel-Geländewagen vor der Tür zu haben, sei so, als ob man da ein Plutoniumendlager eingerichtet habe, schreibt Sascha Lobo, unter anderem Spiegel-Kolumnist - und übertreibt nur ganz wenig.

Besonders perfide: Die Scham muss nicht siegen, um zu siegen. Für die Scham ist jede meiner Niederlagen ein Beweis dafür, dass sie mal wieder recht hatte. Eine Klugscheißerin, die mich immer an den Rand der Kluft führt, die sich zwischen meinen Ansprüchen und meinem Handeln auftut. Ich bin die Ausnahme, die ich mir noch einmal erlaube und dann nie wieder - und dann noch einmal nie wieder - und immer wieder nie wieder.

Scham bedeutet, sich längst schon verurteilt zu sehen. Etwa meinen eigenen Körper, das Haupteinfallstor für Scham. An guten Tagen toleriere ich mich. Ich bin unauffällig groß, fühle mich wohl in Größe M, glaube denen, die sich wundern, wie alt ich schon bin. An schlechten Tagen ist alles in unerbittliches Neonlicht getaucht. Wieso habe ich mit 56 noch Pickel? Wieso bekomme ich meinen Bauchansatz nicht wegtrainiert? Wieso sehe ich nicht aus wie vor 30 Jahren, nur weil 30 Jahre vergangen sind? Ich bin ein Verlustposten, ein schäbiger Rest von mir, übriggeblieben und deutlich vom Alter gezeichnet. Da ist die Gesichtsbedeckung in Corona-Zeiten ein echter Glücksfall.

261 Kilo Scham

An solchen Tagen giere ich nach Trost. An solchen Tagen verstehe ich die Schriftstellerin Roxane Gay, die sich stundenlang Diät-Shows ansieht: Jemand nimmt ab, zwanzig, vierzig Kilo - ja, gut, nicht so von selbst, schon brutal geschunden, aber egal, denn unter dem fetten Entlein ist ein schlanker Schwan verborgen. Dieser Mensch verliert Kilos und bekommt Leben geschenkt. Roxane Gay ist 1,91 groß. Größer als ich, auffällig groß. Sie bekennt mit Stolz, wenn sie in einen Raum komme, dann sei es unmöglich, sie zu übersehen. Ihre Präsenz verschaffe Frauen eine Stimme. Und sie war 261 Kilo schwer, bevor sie sich den Magen verkleinern ließ. Auf Kongressen fühlte sie sich halbwegs sicher, geschützt durch ihre Bekanntheit und ihren Ruhm. Im öffentlichen Raum ging sie immer an der Bordsteinkante entlang. Sie versuchte, so wenig Platz wie möglich zu beanspruchen. Aber kein Bürgersteig erschien ihr breit genug, um ihr Unsichtbarkeit zu gewähren. Gay fürchtete, als lebender Beweis eines fatalen Kontrollverlustes angefeindet zu werden.

Schlanke, weiße, wohlhabende Körper beanspruchen viel Platz. Ihr Körper legitimiert ihren Herrschaftsanspruch. Das neue Adelsgeschlecht Körper, dessen Vasall Durchtrainiertheit ihnen zu Füßen liegt. Jedes Foto in den sozialen Netzwerken untermauert ihren Herrschaftsanspruch. Und wie in jedem feudalistischen System gibt es für die Leibeigenen keine Möglichkeit, sich gegen diese gottgegebene Ordnung aufzulehnen. Da ist kein Platz für jemanden wie Gay. Da ist auch kein Platz für Krankheit. Susan Sontag hat als erste das Gefühl beschrieben, sich für ihren Krebs zu schämen, so als wäre die Krankheit eine Strafe für falsche Lebensführung.

Burn-out, weil wir uns nicht zu schämen trauen?

Sontag sprach von Krebs - noch deutlicher wird das Schampotential aber beim Burn-out, der neoliberalen Ausprägung des Nervenzusammenbruchs. Der Burn-out ist quasi gerechtfertigt durch unbedingten Leistungswillen - also etwas Gutes, gesellschaftlich Anerkanntes. Besser natürlich ist die genauso neoliberale Work-Life-Balance, weil sie den Körper so optimiert, dass die Krankheit ihn nicht zu fassen bekommt. Burn-out ist was für Optimierungsdilettanten. Höchstens Bezirksliga, wir aber wollen alle in der Self-Optimize Champions League spielen - bis wir zusammenbrechen. Und uns dann schämen, so schwach gewesen zu sein.

Maßlosigkeit beim Arbeiten gilt bei Führungskräften als Skill. Ein Burn-out wird zur Dornenkrone des Neoliberalismus. Maßlosigkeit beim Essen aber ist Versagen. Und das darf niemand zur Schau stellen. Sonst bestraft ihn die Gesellschaft. Von Gay, Professorin in Yale, Bestsellerautorin, viel gebuchte Rednerin stammt der vor Schmerz pochende Satz: "Je dicker du bist, desto kleiner wird deine Welt".

Scham, die nicht mehr toxisch ist

Scham ist ein Regulativ, damit Gesellschaft funktioniert. Ein Feintuning jenseits der Gesetze. Aber wo sind ihre Regularien niedergelegt? Wieso empfinde ich sie als schwammig? Wieso gelten sie unterschiedlich? Wieso darf ich als Mann meine mickrigen Brustwarzen zeigen, Frauen aber ihre hin und wieder sogar nützlichen nicht? Wieso ist die Mehrheit vor der Scham viel besser geschützt als jene, die herausgepickt werden, um sie vor aller Welt bloßzustellen? Und wieso wissen wir bei diesem tollwütigen Terror nie genau, wann es uns trifft?

Norbert Elias mag im Detail unrecht gehabt haben, aber er hat doch etwas Grundlegendes erkannt: Die Scham ist keine unveränderliche Größe, sie ist etwas, das sich wandelt. Scham ist etwas Gewordenes. Etwas, das sich wandeln kann, ist kein Verhängnis mehr. Die Scham verfügt über Macht, weil sie uns glauben macht, ohne sie gäbe es kein Leben, jeder und jede wäre ihr gleichermaßen unterworfen. Sie naturalisiert Gewohnheiten und erklärt sie zu Wahrheiten. Weil etwas ist, wie es ist, muss es natürlich sein. Und das stimmt nicht. Kann ich überraschend eindeutig sagen. Als 37-jähriger Mann mit einem Kinderwagen an einem Wochentag auf dem Spielplatz. Eine Ausnahme damals, vor zwanzig Jahren, ein Ereignis. Und ich wusste, so attraktiv bin ich nie wieder. Nicht als Körper, sondern als Vater, als einer, der alles dafür tut, dass es seiner unverfroren heranwachsenden Tochter gut geht. Ich bin noch nie so oft angesprochen worden. Die Hemmschwelle Mann war weg. Noch nie habe ich trotz meiner Kinderwagen-Extention so wenig Platz gebraucht, noch nie so wenig eingefordert.

Wann fehlt Scham? Wann quält sie? Schwer zu kalkulieren. Und doch ist meine Scham ein zentraler Teil von mir. Etwas wie eine Grundierung. Sie scheint durch die Farben durch. Meine Scham bin ich. Sie grundiert viel mehr als nur das Offensichtliche. Sie ist da in meiner Höflichkeit, in meinem Stocken, im Blick-zu-Boden-Schlagen. Ich bin nicht ich ohne meine Scham. Und meine Hoffnung: Wenn ich sie akzeptiere als einen Teil von mir, dann ist sie nicht mehr toxisch.