Jovana Reisinger "Ich finde den Begriff 'starke Frauen' richtig schwierig"

Jovana Reisingers Roman "Spitzenreiterinnen" handelt von müden Frauen. Sie sind abgearbeitet, schlaff, desillusioniert, erschöpft. Wieso machen sie einfach weiter?

Von: Laura Beck

Stand: 04.03.2021

Porträtaufnahme der Autorin Jovana Reisinger, sie trägt große silberne Kreolen-Ohrring und ein Nadelstreifenjacket | Bild: Tanja Kerweiß / Bearbeitung: BR

Die Frauen wissen auch, wie das läuft: Optimierung, das heißt Falten weg, Haare glänzend, Bauch flach. Sie wissen, wie man mit den Kommentaren umgeht, von Kollegen oder auf der Straße. Sie wissen, was eine toxische Beziehung ist. Aber manchmal nicht, wie man sich aus ihr befreit. Sie wissen, dass eine weibliche Chefin manchmal nicht weniger erniedrigend sein kann, als ein männlicher Chef.

"Es ist nicht damit getan, dass eine Frau Intendantin ist oder eine Frau Regisseurin ist oder dass eine Frau irgendetwas leitet. Es geht ja auch darum, wer ist das? Man kann ja nicht einfach nur sagen ‘Wir sind super divers. Wir haben hier eine Frau an der Spitze.‘ Wenn die Frau den Sexismus internalisiert hat und genauso agiert wie ihre männlichen Kollegen, bringt das ja auch überhaupt nichts."

Jovana Reisinger

Die Autorin und Filmemacherin Jovana Reisinger hat Lust, mit diesen Rollenklischees zu spielen. Über das Frau-Sein hat sie ein heiteres und gleichzeitig bitterböses Buch geschrieben: Spitzenreiterinnen. Darin bekommt Laura den ersehnten Antrag plus Ehevertrag on top; Lisa wird verlassen, weil sie keine Kinder bekommen kann, Tina von ihrem Mann verprügelt, Petra beruflich ausgebremst, Barbara muss sich nach dem Tod ihres Mannes erst selbst wiederfinden. Manchmal ist das schmerzhaft zu lesen.

Was als Frau verkauft wird

Jovana Reisinger ist 31, in München geboren und in Österreich aufgewachsen. Sie hat Drehbuch an der Hochschule für Fernsehen und Film studiert. Ihre erste Kurzfilmreihe "pretty pretty mad sad" nannte die Jury des Filmstarter-Preises "Münchner Anarcho-Dadaismus". Darin fürchten sich Männermodels vor einer Massenmörderin und Frauen werden im Hochzeitskleid an der Isar erstochen. Reisinger liebt die Überspitzung, und sie arbeitet sich mit einer süffisanten Leichtigkeit an Geschlechterungerechtigkeiten ab. Die Figuren in ihrem Roman tragen übrigens allesamt die Namen von Frauenzeitschriften. Sie sind, was uns am Kiosk gemeinhin als "Frau" verkauft wird. Diesen Monat sind alle blond und haben blaue Augen.

"Dieser neoliberale Leistungsgedanke, was die Frau alles erreichen muss, die muss diesen geilen Body haben, den geilen Job, den geilen Macker, den geilen Sex, das geile Geld, den geilen Status und so weiter. Ich habe irgendwie Lust, mich damit auseinanderzusetzen, weil es ja auch so viel über das Frausein aussagt, über die ganzen Zuschreibungen oder auch Zwänge, die so auftreten können... Diese Behauptungen, aber auch die Versprechen, die damit einhergehen, finde ich wahnsinnig interessant."

Jovana Reisinger

Frau zu sein ist harte Arbeit, macht aber auch Spaß. Jovana Reisinger wirft einen gnadenlosen Blick auf die Widersprüchlichkeiten im Leben von Frauen. Gefallen zu wollen. Und unabhängig zu sein. Vielleicht gilt es, diesen Widerspruch auszuhalten, meint sie: "Ich finde den Begriff starke Frauen richtig schwierig. Was soll das heißen? Ich bin jetzt eine starke Frau und die da drüben, die ist dann schwach. Oder was? Was macht die anders? Bei Filmfestivals, wenn ich dann in so einer Kategorie namens "starke Frauen" laufe, wieso laufe ich nicht in dem Wettbewerb, in dem auch die Macker laufen? Warum ist der dann in so einer Sonderkategorie? Es ist doch genauso interessant für die Männer im Publikum, oder nicht?"