"Unsere Mütter, unsere Väter" Braucht es eine Entschuldigung des ZDF?

Das ZDF soll sich öffentlich für die Darstellung der polnischen Widerstandskämpfer im Weltkriegsdreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" bei den Polen entschuldigen. Und das hat nichts mit der restriktiven Geschichtspolitik unter PiS zu tun. Findet Iris Buchheim in ihrem Kommentar.

Von: Iris Buchheim

Stand: 25.03.2021

Pressematerial zu dem Dreiteiler: Die Schauspieler (l-r) Ludwig Trepte (Viktor), Alina Levshin (Alina) und Adam Markiewicz (Stanislav) stehen während einer Drehpause am Set des ZDF-Dreiteilers "Unsere Mütter, unsere Väter | Bild: picture alliance / dpa

Nico Hofmann wollte mit seiner Miniserie "Unsere Mütter, unsere Väter" nur den "Finger in die Wunde deutscher Schuld" legen, beteuerte der Produzent des höchst erfolgreichen Weltkriegs-Dreiteilers im Herbst 2013. Damals regte sich nach der Ausstrahlung des Films in Polen großer Protest – und zwar von links wie rechts: Der Dreiteiler suggeriere - so der Vorwurf -, dass die polnische Untergrundarmee Armia Krajowa (AK) eine Mitschuld an den Verbrechen gegen die Jüdinnen und Juden trage. Ein Angehöriger der Partisanengruppe hatte das ZDF und Hofmanns Produktionsfirma wegen Verletzung seines Persönlichkeitsrechts verklagt – und jetzt, acht Jahre später, beim Krakauer Berufungsgericht Recht bekommen. Der Film zeige Partisanen von der AK, die "von einer antisemitischen Haltung durchdrungen waren". Daher verurteilte das Gericht nun das ZDF und Hofmanns Produktionsfirma Ufa Fiction zu einer Entschuldigung. Sowohl im polnischen Fernsehen als auch bei ZDF, ZDF Neo und 3sat solle die Entschuldigung veröffentlicht werden.

Wider die Kunst- und Meinungsfreiheit?

Das ZDF will bei Vorliegen der Urteilsbegründung Rechtsmittel prüfen – es sieht die "Kunstfreiheit" nicht ausreichend berücksichtigt. Und in der Tat sieht es auf den ersten Blick so aus, als sei das Urteil des Berufungsgerichts ganz auf der Linie des wachsenden Nationalismus in Polen und der alarmierenden Einschränkung der Meinungsfreiheit im Land.  Die polnische Vergangenheitspolitik macht, seit die Rechtspopulisten der PiS-Partei am Ruder sind, immer wieder Schlagzeilen: sei es, mit der Entmachtung des liberalen Gründungsdirektors des Danziger Weltkriegsmuseums kurz nach der Eröffnung, sei es mit dem sogenannten Holocaust-Gesetz. Das verbietet seit 2018 bei Strafandrohung die Bezeichnung der KZs auf polnischem Territorium als "polnische Vernichtungslager".

Dass nun das ZDF sich öffentlich für den Film entschuldigen soll, scheint voll auf der Linie der Geschichtspolitik der Nationalkonservativen zu liegen. Die leugnen jede Beteiligung der Polen an den Vernichtungsoperationen der Deutschen.

Auswuchs einer neuen nationalkonservativen Empfindlichkeit?

Doch kann man das polnische Urteil wirklich abtun als Auswuchs einer neuen nationalkonservativen Empfindlichkeit? Nein, denn schließlich war die AK nicht irgendeine vereinzelte wilde Partisanengruppe, sondern die polnische Heimatarmee. Die AK unternahm 1944 einen großen Aufstand gegen die Nazis in Warschau, den die deutschen Besatzer nach 63 Tagen in einem gigantischen Blutbad niedermetzelten.

Es fällt wohl kaum mehr unter den Tatbestand der Meinungsfreiheit, wenn diese AK als eine Horde von judenfeindlichen, grobschlächtigen, gewalttätigen Soldaten gezeichnet wird – es erfüllt vielmehr den Tatbestand der "üblen Nachrede". Drehbuchschreiber Stefan Kolditz dichtet den Partisanen Sprüche von SS-Schergen an: "Juden ertränken wir wie Katzen", "Besser tot als lebend". Sie, die doch einigen Juden – der prominenteste ist wohl Marcel Reich-Ranicki – das Leben gerettet haben, werden so pauschal auf eine Ebene mit deutschen Kriegsverbrechern gestellt. Und damit kommen die polnischen Widerstandskämpfer in dem Film weit schlechter weg als die fünf jungen Deutschen, um die sich der Weltkriegsdreiteiler dreht.

Viel Verständnis für Deutsche

Denn deren Werdegang sollen die Zuschauer – das ist das Nico Hofmanns Konzept des Ganzen: "Geschichte muss Gefühl transportieren" – mit Empathie verfolgen: Jung, ehrgeizig, lebenslustig, verträumt bis pazifistisch wie sie sind, werden sie in den Mahlstrom des grausamen Vernichtungskriegs gesogen und nach und nach zerrieben.

"Der Krieg bringt von jedem Menschen nur das Schlechteste zum Vorschein", legt Drehbuchschreiber Kolditz dem deutschen Wehrmachtssoldaten Friedhelm in den Mund. Der ehemalige Feingeist hat an der deutschen Ostfront all seine hehren Ideale verloren. Aber er hatte wenigstens mal welche – und das haben die Zuschauer gesehen, deswegen haben sie Mitleid mit ihm und den vier anderen. Die Partisanen hingegen begegnen den Zuschauern ausschließlich im Krieg: als ungeschlachte Wüstlinge. Oder um mit Friedhelm zu sprechen: Nur als "Schweine". "Heute sind wir Helden, morgen Schweine", lässt ihn Kodlitz sagen.

So klar der Film zeigt, dass die fünf Deutschen ihre Unschuld in dem Vernichtungskrieg verlieren – sie morden, stehlen, verraten, nur um ihre Haut zu retten – , so sehr bleibt die Kriegsschuld der Nationalsozialisten im Nebel: Wir sehen die Fünf – sogar den Juden – versehrt zurückkehren ins zerbombte Deutschland. Aber dass wir es mit einem aggressiven Angriffskrieg zu tun haben, der sechs Millionen Polen das Leben gekostet hat, rückt in den Hintergrund. Der Film behandelt diesen Krieg aus einseitig deutscher Sicht wie eine grausame Naturkatastrophe, in die die Fünf reingeraten sind.

Nichts verharmlost?

"Wir verharmlosen nichts. Zivilisten, Frauen, Kinder werden ermordet, den guten Wehrmachtssoldaten gibt es nicht. Man geht in den Film mit jungen Menschen, die vom Nationalsozialismus fasziniert sind, und erlebt ihre innere Zerstörung", sagte Regisseur Philipp Kadelbach 2013. Tatsächlich wird die Grausamkeit des Gemetzels nicht verharmlost, aber die Bosheit der Wehrmachtsangehörigen gründlich relativiert: Wenn alle schuld sind, ist es keiner. Damit hätte ich nicht nur als polnischer Berufungsrichter meine Probleme, sondern auch als deutsche Zuschauerin.