Ägyptischer Feminismus Die Geschichte des Feminismus ist nicht nur weiß

Die BR-Autorin Nabila Abdel Aziz litt unter dem Gefühl, sich zwischen Feminismus und arabischer Kultur entscheiden zu müssen: Bis sie merkte, auch in arabischen Ländern wie Ägypten gibt es eine lange feministische Tradition, die parallel mit der in westlichen Ländern entstanden ist. Was den lokalen feministischen Bewegungen aber immer wieder in den Weg kam, war der aufgezwungene Feminismus der Kolonialherren – und bis heute wird kolonialer Feminismus dazu benutzt, um Gewalt zur rechtfertigen.

Von: Nabila Abdel Aziz

Stand: 02.03.2021 | Archiv

Frauenpower auf dem Tahrirplatz | Bild: picture-alliance/dpa

"Central goal of the terrorists, is the brutal opression of women. And not only the women of Afghanistan. And that’s the reason why we and our allies will not rest until we bring them all to justice." Das waren die Worte George W. Bushs, nachdem amerikanische Truppen in Afghanistan einmarschiert waren. Frauen, muslimische Frauen zu befreien – auch damit rechtfertigten er und seine Regierung den Krieg in Afghanistan. Und nicht nur er dachte so.  Frauen zu befreien, vor allem Frauen aus dem globalen Süden, muslimische Frauen, hinduistische Frauen war auch während der Kolonialzeit ein wichtiges Argument um Herrschaftsansprüche zu legitimieren. Allen voran Lord Cromer, britischer Generalkonsul in Ägypten von 1883 bis 1907. Für ihn war Ägypten vor allem wegen der Stellung der Frauen unterlegen: "Die Stellung der Frau in Ägypten ist ein fatales Hindernis für das Anheben des Denkens und des Charakters, das mit der Einführung der europäischen Zivilisation einhergehen sollte." Mit seiner Sicht war und ist er nicht allein. Auch heute noch verbinden viele Menschen Frauenrechte vor allem mit dem sogenannten Westen, das Patriarchat vor allem mit Asien und Afrika. Die Diskurse über unterdrückte arabische oder muslimische Frauen sind allgegenwärtig.

Der Name der Mutter - durchgestrichen

Laut einer Studie verbinden zwei Drittel der Deutschen den Islam mit der Unterdrückung der Frau. Das Bild ist in den Köpfen fest verankert. Lange auch in meinem – und ein Gegenbild dazu gab es nicht. Bis ich zufällig auf ein Buch dieser Frau stieß: Nawal al Saadawi, eine der bekanntesten ägyptischen Feministinnen des 20. Jahrhunderts. In einem Interview mit der BBC erzählt sie: "Als ich zur Schule ging, war ich sechs Jahre alt. Der Lehrer sagte mir: Schreiben deinen Namen. Also schrieb ich Nawal Zaynab. Das ist der Name meiner Mutter, weil sie mir das Alphabet beigebracht hat. Daraufhin hat er den Namen meiner Mutter durchgestrichen. Er sagte, nein, schreibe den Namen deines Vaters und Großvaters. Und in diesem Moment erklärte sich, warum der Name meiner Mutter durchgestrichen wurde. Ich fühlte mich ungerecht behandelt. Von diesem Moment an fühlte ich mich als Dissidentin. Das würde ich nicht akzeptieren."

Der arabische Feminismus ist alt

Ich war in Deutschland zur Schule gegangen und aufgewachsen und hatte dort eine eurozentrische Sicht auf die Welt aufgesogen: Erst mit al Saadawi öffneten sich mir die Augen. Auch Ägypten, das Heimatland meines Vaters, hat eine lange feministische Tradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht.  Wir sollten arabischen Feminismus deshalb nicht als "irgendwie verspätet" sehen, betont Marilyn Booth, Professorin an der Universität von Oxford und eine der besten Kennerinnen der arabisch-feministischen Bewegung: "Frauen und Männer in Kairo und Beirut und an vielen anderen Orten sprachen tatsächlich über dieselben Themen wie jene in Paris, London und Berlin zu dieser Zeit."

Männer und Frauen wie Qasim Amin, Zaynab Fawwaz und Hoda el Shaarawi schrieben, diskutierten und kämpften öffentlich für mehr Rechte von Frauen. Hoda El Shaarawi, 1879 geboren, gründete 1914 die Intellectual Association of Egyptian Women und später auch die Frauenvereinigung der nach Unabhängigkeit strebenden ägyptischen Wafd-Partei. Sie schrieb: "Ich plane meinen Schmerz auszudrücken und eine Revolution zu beginnen." Ihr Schmerz war es, als Frau keinen Zugang zu höherer Bildung und zu politischen Rechten zu haben – aber auch die Unterdrückung durch die Briten. Der feministische Kampf in Ägypten wendete sich gegen die aufgezwungene Emanzipation der Kolonialherren. In Algerien, zum Beispiel, gab es öffentliche, zeremonielle Entschleierungen durch die Franzosen. Frauen, die sich wehrten, wurde sogar mit der Exekution von Familienmitgliedern gedroht.

Die feministische Geschichte ist nicht nur weiß

Während Lord Cromer in Ägypten das Frauenargument dazu nutzte, die britische Herrschaft zu rechtfertigen, stimmte er zuhause gegen das Frauenwahlrecht. Und er verhinderte, dass Frauen in Ägypten weiterhin zu Ärztinnen ausgebildet wurden. Die lokale, ägyptische Frauenbewegung ignorierte er.

Auch in aktuellen Diskussionen werden indigene, lokale feministische Bewegungen zu oft nicht ernst genommen oder delegitimiert, sagt Marilyn Booth.  Koloniale Denkmuster setzen sich fort. Bis heute. Dabei sollten wir endlich anerkennen, dass die feministische Geschichte eben nicht nur weiß ist, so Marilyn Booth: "Es ist wichtig anzuerkennen, dass der Feminismus außerhalb Europas schon sehr lange existiert. Lasst uns etwas bescheidener sein und akzeptieren, dass Menschen überall feministisch sein können."

Mir haben Frauen wie Nawal el Sadawy und Hoda Shaarawy gezeigt,  dass ich mich nicht zwischen Feminismus und dem ägyptischen oder arabischen Teil von mir entscheiden muss – und dass Feminismus universal ist und ihn keine Kultur für sich gepachtet hat.