Orientalisches Bayern Wie viel Morgenland steckt im Freistaat?

Mia san mia? Von wegen. Das Buch "Warum Bayern ein orientalisches Land ist" ergründet, welchen Einfluss der Orient auf Weißwurst, Blasmusik und das bayerische Landeswappen hat.

Von: Norbert Haberger

Stand: 25.02.2021

Zsammg'spuit in Bad Feilnbach | Bild: BR

Zu den großen Gewissheiten in Bayern zählt, dass mia mia san. Doch es gibt Zweifel: Die Blasn mit lauten Becken und großen Trommeln haben Janitscharen erfunden, also osmanische Elite-Soldaten. Mit dieser Musik versuchten sie vor großen Schlachten ihre Gegner einzuschüchtern und sich selbst anzutreiben, erzählt der Kulturhistoriker Klaus Reichold: "Das war ein Lärm, den das osmanische Heer veranstaltet hat, um seine Gegner in die Flucht zu schlagen. Diese Gegner waren wir. Wir machen heute den gleichen Lärm. Das haben wir von denen gelernt und geben den als unsere Art der Musik oder als eine weißblaue Lärmkulisse aus."

Wappentier und Nationalgericht - alles geborgt

Kann es sein, dass Bayern ein orientalisches Land ist? Klaus Reichold behauptet es und reiht Indiz an Indiz. Nehmen wir ein klassisches Frühstück im Freistaat: Die Weißwurscht! Was wäre sie ohne Ingwer, Zitrone, Macis und Kardamon? Nichts davon hat seinen Ursprung in Bayern. "Eigentlich ist eine Weißwurst nicht vorstellbar ohne Gewürze, die man eigentlich der Weihnachtsbäckerei oder der indischen Küche zuordnen würde. Da ist z.B. Ingwer enthalten. Und der wurde in einem Münchner Kaufhaus schon Mitte des 15. Jahrhunderts angeboten."

Nicht einmal Bayerns Wappentier ist einheimisch. Der Löwe. Er wurde einfach eingebayert. Von überall das Stärkste nehmen und zum Eigenen machen! Integrieren, eine bayerische Kunst. Zu ihrer Bauzeit hierzulande völlig neu: Die Hauben der Frauenkirche. In Jerusalem aber gab es damals schon die al-Aqsa-Moschee. Genau dort haben sich die Münchner orientiert, meint Klaus Reichold: "Das ist ja ganz oft so im Mittelalter, dass der Bezug zu Jerusalem gesucht wird. Also von daher liegt das wirklich auf der Hand, dass das die Inspirationsquelle war."

Syrisch-römische Truppen in Bayern

Auch Bayerns glanzvollster König liebte die bizarre Formenwelt des Orients. In der Berghütte auf dem Schachen richtete Ludwig II. einen türkischen Saal ein, hüllte sich in orientalische Gewänder und ließ sich von seinen als Muselmannen verkleideten Dienern Mokka und Datteltörtchen reichen. Echte Orientalen gab es in Bayern allerdings schon im 2. Jahrhundert. Bei Straubing. Soldaten in römischen Diensten. Die sogenannte Kanatener-Kohorte, eine Einheit von 1000 Mann: "Das waren Bogenschützen, die kamen aus dem heutigen Syrien. Also Araber nach unserem heutigen Verständnis. Und das ist eigentlich sehr unwahrscheinlich, dass die am Ende ihrer Dienstzeit wieder nach Syrien zurückgegangen sind. Wenn heute ein Bayer einen etwas dunkleren Teint hat, irgendwie so einen arabischen Einschlag. Wer weiß, am Ende war einer seiner Vorfahren einer dieser syrischen Bogenschützen."

Bayern sähe anders aus, hätte man hier nicht immer wieder geschickt Fremdes zu Eigenem gemacht. Aber ein orientalisches Land? So weit mag auch Klaus Reichold nicht gehen: "Das ist was Widersprüchliches. Das ist irgendwie eine große Projektionsfläche von Sehnsüchten, von Ideen, von Vorstellungen. Ich meine das tatsächlich nicht geographisch. Sondern ich meine das eher kulturell und ideell."

Klaus Reichold: "Warum Bayern ein orientalisches Land ist und andere weiß-blaue Wahrheiten" ist in der Edition Luftschiffer erschienen.