Neuer Leitfaden des Museumsbunds Wie umgehen mit Raubkunst?

Anders als in Frankreich kam hierzulande die Debatte um die Rückgabe von Raubkunst und menschlichen Überresten lange nicht vom Fleck. Ändert das der neue Leitfaden des Museumsbunds?

Von: Moritz Holfelder

Stand: 23.02.2021

Eine Museumsbesucherin betrachtet Raubkunst-Bronzen aus Benin in Westafrika 2018 im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe  | Bild: picture alliance / Daniel Bockwoldt/dpa

Überall auf der Welt protestieren Menschen unter der Parole Black Lives Matter gegen Rassismus, Diskriminierung und auch Polizeigewalt. Das ist nicht nur ein momentanes Aufbegehren gegen Unrecht und Ungerechtigkeit, sondern historisch eng verwoben mit Jahrhunderten gewaltvoller Unterdrückung, mit Sklaverei, Kolonialismus und dem Imperialismus. Eine Aufarbeitung der Verbrechen wie der Geisteshaltung dahinter erfolgte in westlichen Gesellschaften weder ausdauernd noch beharrlich.

Zeugnisse der Kolonialzeit in unseren Stadtplänen

Relikte dieser Zeit, deren Auswirkungen nach wie vor zu spüren sind, gerade auch im aktuellen Verhältnis zwischen Europa und Afrika, finden sich nach wie vor viele in unseren Städten. Straßen und öffentliche Einrichtungen tragen immer noch die Namen von Kolonialverbrechern. Und in den Museen lagern unverändert Objekte, wie es so arglos heißt, aus kolonialen Kontexten. Viele verstauben nur in Depots.

Wer Rassismus und Populismus bekämpfen will, muss bei den Wurzeln ansetzen. Mit der neuzeitlichen Form des Kolonialismus im 18. und 19. Jahrhundert wurden nicht nur großflächige auswärtige Territorien geschaffen, sondern wurde auch Unterwerfung, Vertreibung oder Ermordung der dort ansässigen Bevölkerung angeordnet oder zumindest billigend in Kauf genommen. Unser Verhalten – sowohl in der Gegenwart als auch in Bezug auf die Zukunft – hängt wesentlich davon ab, ob wir unsere Geschichte kennen. Der entkommen wir nämlich nicht. Auch die deutschen Museen und ethnologischen Sammlungen nicht, in denen sich wohl über eine Million Gegenstände aus kolonialen Kontexten befinden. 

Geplündert oder geschenkt?

Viele Objekte sind nicht rechtmäßig nach Deutschland gelangt bzw. unter Verhältnissen, die von Abhängigkeit und Ungleichheit geprägt waren. Wie etwa der berühmte Königsthron Mandu Yenu aus Kamerun, der künftig im Berliner Humboldt Forum zu sehen sein wird. Oder der Schiffsschnabel Tange im Münchner Museum Fünf Kontinente. Gar nicht zu sprechen von den Human Remains, den menschlichen Relikten und Grabbeigaben, die einfach so ins Reich verschifft wurden.

In Deutschland ist das nach wie vor nicht konkret geregelt: Was zurückgeben? Wie zurückgeben? Wie das alles finanzieren? Und: Welche alternativen Möglichkeiten sind sinnvoll? Oder: Ist überhaupt schon alles erfasst?

Annäherung auf Augenhöhe?

Klar ist: Wir müssen endlich verstärkt Kontakt zu den Herkunftsgesellschaften aufnehmen und uns aktiv um Lösungen bemühen. Genau in diese Richtung – und das ist lobenswert – weist der zum zweiten Mal überarbeitete Leitfaden zum "Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten". Im Kern geht es um die gesamtgesellschaftliche Verantwortung, endlich auf Augenhöhe jenen Menschen und Ethnien zu begegnen, die in der Zeit des Kolonialismus unterdrückt wurden. "Dieser Prozess wird nur funktionieren, wenn er glaubwürdig ist", erklärt dazu Eckart Köhne, der Präsident des Deutschen Museumsbundes. Ihm geht es mit dem Leitfaden vor allem um ethische, weniger um juristische Fragen. Der oft geforderten generelle Bereitschaft deutscher Museen und Sammlungen, alle "geraubten" Gegenstände an die Herkunftsgesellschaften zurückzugeben, ist man aber nach wie vor nicht nachgekommen. Ein solches Eingeständnis wäre als symbolischer Akt endlich einmal an der Zeit gewesen. Das umstrittene Thema der Restitution hätte man so in Zukunft zielorientierter gestalten können. Als Grund schieben die Verfasser des Leitfadens vor, dass die Herkunftsgesellschaften in den ehemaligen Kolonien ganz andere Probleme und Wünsche hätten – Stichwort wirtschaftliche Entwicklung oder Klimawandel. Das mag stimmen, aber in seinen Formulierungen klingt der neue Leitfaden in Teilen immer noch nach Beschwichtigung und nach Kompromiss und nur ansatzweise nach einem entschiedenen Aufbruch in die Zukunft. Die Richtung stimmt, aber es wäre mehr möglich gewesen.    

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