Meinung Wie umgehen mit Corona-Leugnern

Noch vor kurzem musste man in völlig fremde Gefilde aufbrechen, um Menschen zu treffen, die Trump supporten oder knallhart den Klimawandel leugnen. Heute treffen viele von uns immer wieder Menschen, die uns mit ihren Ansichten über das Virus überraschen. Ein Erlebnisbericht.

Von: David von Westphalen

Stand: 08.01.2021 | Archiv

ARCHIV - 09.08.2020, Nordrhein-Westfalen, Dortmund: Ein Teilnehmer der Demonstration hält ein Schild mit einem Coronavirus-Symbol auf dem «1.Welle, 2. Welle, Dauerwelle, Achtung Demowelle» steht (zu dpa «Vor der Demonstration der Stuttgarter Initiative «Querdenken» in Leipzig gegen die Corona-Maßnahmen»). Foto: Fabian Strauch/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Fabian Strauch

Beginnt die Spaltung der Gesellschaft jetzt schon vor meiner Haustür? Etwa bei diesen neuen Nachbarn, an deren Tür jetzt der Spruch hängt: "Lasst uns der Angst keine Macht gaben." Mit denen will ich nicht in Kontakt kommen. Wobei – ich bin ja vorher mit denen in Kontakt gekommen, ich hab sie ja getroffen auf der Straße und fand die total nett. Und dann hängt so ein Spruch an der Tür. Was soll man da tun?

Soziologin Irmhild Saake überrascht meine Reaktion nicht. Ich sei vermutlich davon verwirrt, dass mein Nachbar nun so ein Zeug redet. "Sie denken vermutlich: Wie könnte ich mich jetzt mit dem, was ich sagen würde, rechtfertigen. Aber eigentlich geht es vor allem darum, sich tatsächlich einer Seite zugehörig zu fühlen."

Soll ich diskutieren? Da kommt man nicht weiter. Soll ich mich verkrümeln? Geht manchmal schlecht. Und meinem Gegenüber geht’s ja ganz exakt genauso wie mir. Sie oder er ist überzeugt, weiß, dass ich völlig falsch liege, Unrecht habe, verblendet bin. Aussage gegen Aussage. Denken gegen Denken. Ein Patt, ein Dilemma.

Freundschaften stehen auf dem Spiel

Ich gerate gerade regelmäßig in solche Situationen. Freundschaften stehen auf dem Spiel. Und ich frage mich, wie kommt es, dass so viele Leute der reinsten Unwahrheit auf den Leim gehen? Frieder Vogelmann ist Professor für Soziologie in Frankfurt: "Wir dürfen nicht nur auf die psychologischen Mechanismen gucken, sondern auch die gesellschaftlich-politischen Ermöglichungsbedingungen."

Bei diesen Rahmenbedingungen, so Friedmann, gelte es dringend gegenzusteuern. Denn hier hersche ein bedenkliches Ungleichgewicht vor. "Wir haben einen Innenminister, der auch Wissenschaftsleugner ist, soferin er sich weigert, kriminologische Forschung zur Kenntnis zu nehmen. Das muss man sich einfach mal reinziehen." Wissenschaftsleugnung sei kein Randphänomen, sagt Friedmann. "Es gibt einen breiten Konsens, der glaubt, er könne Forschungsergebnisse ignorieren, so einem nicht in den Kram passen. Und das ohne, dass sie oder er dafür zur Rechenschaft gezogen werden."

Ich weiß, dass ich nichts weiß

Wir wissen also gar nicht. Wir glauben, vertrauen. Schließlich sind die meisten von uns keine Virologen oder Epidemiologen. Klar, ich hab sehr gute Gründe, meinen Quellen zu vertrauen. Aber der andere glaubt nunmal seinen Quellen. Ist das nicht in Wahrheit das Aufeinandertreffen von Menschen unterschiedlichen Glaubens? Wann gab’s denn das zuletzt in dem Ausmaß Mitteleuropa? Glaube beruht auf Nichtwissen: Diese Idee wird in zweieinhalbtausend Jahren Philosophiegeschichte immer wieder entwickelt: von Sokrates über Cusanus bis Spinoza.

Die Philosophen sagen: Wer in der Lage ist, sich selbst zuzugestehen, dass er nicht weiß – weil er schließlich weiß, dass er glaubt und nicht weiß –, der kann gerade dieses Nicht-Wissen kultivieren. Dann ist er in der Lage auszuhalten, was ihn sonst verunsichern würde: Das Unklare, Diffuse, Widersprüchliche. Er ist sich wissend ungewiss, und das ist die Basis seines Handelns. So erst wächst Vertrauen zwischen Menschen. Etwa aus dem Bewusstsein, dass sich Phänomene wie Liebe oder Zuneigung nicht beweisen oder planen lassen, sondern aus einzigartigen, manchmal absurden und komplexen Geschichten entstehen. Diese Ambiguität ist wesentlich für unser Leben.

Konfrontation mit Andersgläubigen

Das gilt umso mehr für die Begegnung mit einem Andersgläubigen. Ambiguität tolerieren. Der eine glaub an ein Leben nach dem Tod. Der andere ist Atheist. Wenn ich hier mit Argumenten auf meiner Vorstellung beharre, verwechsele ich Glauben mit Wissen. Erst wenn ich mich nicht länger verhärte und einsehe, dass ich selbst gar nicht weiß – wird mein Glaube lebendig. Auf diese Weise ertrage ich abweichenden Glauben, abweichende Ansichten nicht nur, ich toleriere sie aktiv und suche die Auseinandersetzung. Wir ziehen uns nicht voreinander in unsere Glaubensblasen zurück. Nein, wir begrüßen die Verschiedenheit.

Ich weiß nicht – das ist mein Vertrauen in eine Zukunft, die wir nicht kennen und die wir doch gemeinsam gestalten müssen. Ambiguitätstoleranz. Being comfortable with the uncomfortable. Das wäre ein Rezept, das die Philosophie anzubieten hätte. Aber hilft uns das in der Situation, wenn wir mit einem Verharmloser der Pandemie in den Kontakt gezwungen werden? Warum sollte eine wissenschaftlich abstruse Minderheitenmeinung genauso berechtigt sein wie meine? Toleranz, ja, sofern ich nicht weiß. Aber es gibt doch einen Unterschied zwischen Informiertsein und keine Ahnung haben!

Es geht um mehr als das bloße Leugnen von Fakten

Bullshit einfach so hinzunehmen, geht eben auch nicht. Man kann nicht einfach darüber hinweglächeln, wenn jemand wissenschaftliche Daten ignoriert oder schräge Thesen über falsche PCR-Tests ins Feld führt, als wären es stichhaltige Argumente. Auch weil es gerade ein weiteres Problem gibt, das es mir schwer macht, tolerant zu bleiben: Es ist nämlich nicht nur so, dass die Instanzen, in deren Namen wir uns hier in die Haare geraten, in der Produktion von Wissen unterschiedlich kompetent wären. Es geht hier auch nicht bloß um Argumente oder einen theoretischen Diskurs, sondern um ein ganz konkretes Risiko.

Ungläubige können mich tatsächlich infizieren. Etwa weil sie keinen Abstand halten, während sie mir erklären, warum Abstandhalten Quatsch ist. Und dann kann ich schon wenige Tage später in einem Stadtbus, ohne es zu merken fünf andere Menschen anstecken, von denen einer seine Mutter infiziert, die drei Wochen später daran verstirbt. Ich kann vielleicht tolerant sein. Aber ich muss trotzdem auch kommunikativ handeln. Also Abstand einfordern, unhöflich sein. Und das ist ehrlich gesagt, nur sehr, sehr unangenehm.

Den ganzen Beitrag können Sie am 10.1. im Kulturjournal auf Bayern 2 hören. Den Podcast des Kulturjournal können Sie hier abonnieren.