"Damit die Welt aus den Fehlern lernen kann" So reagieren ukrainische Filmemacher auf den Krieg

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hinterlässt schon jetzt tiefe Spuren. Auch künstlerisch. Filmemacherinnen und Filmemacher aus der Ukraine, aber nicht nur von dort, versuchen zu helfen, während sie um Fassung ringen.

Von: Daniel Ronel

Stand: 09.03.2022

Regisseurin Maryna Er Gorbach | Bild: BR

"Ich kann seit einer Woche nicht mehr richtig schlafen. Es sind verrückte Zeiten." Die ukrainische Regisseurin Maryna Er Gorbach sitzt sichtlich angespannt im kinokino-Interview vor ihrer Webcam in Istanbul, wo sie mit ihrem türkischen Ehemann lebt. Die Welt könne sie nicht mehr verstehen, denn gerade war sie noch auf der Berlinale und anderen Festivals, um ihren neuen Film vorzustellen. Das Drama "Klondike" spielt in der umkämpften Donbass-Region, kurz nach dem Abschuss der Malaysia Airlines-Maschine 2014, mutmaßlich durch eine russische Flugabwehr-Rakete. Irka ist schwanger und entwickelt einen unbedingten Überlebenswillen, nachdem das Haus von ihr und ihrem Mann durch Separatisten beschossen wurde. "Leider ist mein Film nun veraltet“, meint Er Gorbach: "Obwohl ich schon geahnt hatte, als ich ihn drehte, dass ich schnell sein muss. Denn der Krieg im Donbass war ja in einer Art 'gefrorenem Zustand'. Jetzt steht die Geschichte für die ganze Ukraine."

Unterstützung mit filmischen Mitteln

Evgeny Afineevsky schwankt zwischen Hilflosigkeit und Kampfeswille. Der 50-Jährige lebt in Los Angeles und dreht Dokumentarfilme. Auch dort, wo es gefährlich ist. Er war mit der Kamera im Syrienkrieg und davor – Ende 2013, Anfang 2014 – auf dem Kiewer Maidan, wo sich die Protestbewegung traf und blutig auseinandergetrieben wurde. Das führte zur Absetzung und Flucht des Russland-treuen Präsidenten Janukowytsch.

Regisseur Evgeny Afineevsky

Afineevskys filmischer Zeugenbericht ist der Dokumentarfilm "Winter on Fire: Ukraine’s Fight for Freedom", der vor sechs Jahren oscarnominiert war und momentan kostenlos und in voller Länge bei Youtube zu sehen ist: "Als Filmemacher ist es mein Job, meine Pflicht: zu dokumentieren und es in der Welt zu verbreiten. Damit die Welt aus den Fehlern lernen kann." Afineevsky sieht sich nicht als neutraler Beobachter, sondern als Aktivist. Er will mit seinen filmischen Mitteln der Ukraine beispringen.

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Winter on Fire: Ukraine's Fight for Freedom | Full Feature | Netflix | Bild: Netflix (via YouTube)

Winter on Fire: Ukraine's Fight for Freedom | Full Feature | Netflix

Das macht derzeit auch Oleg Sentsov. Der ukrainische Filmemacher war fünf Jahre im Straflager inhaftiert, nach einem Schauprozess in Moskau wegen angeblicher Terrorpläne. Nach seiner Freilassung bekam er vom EU-Parlament den Sacharov-Menschenrechtspreis verliehen und postet aktuell Bilder von sich in militärischer Kampfmontur. Ein Regisseur greift zur Waffe, um seine Heimat zu verteidigen. Zu solchen dramatischen Wendungen und Entwicklungen kommt es derzeit – während kritische, russische Filmschaffende sich gezwungen sehen, ihr Land zu verlassen. Denn die Kunst- und Meinungsfreiheit ist durch Putins Regime bedroht.

Zwischen Hilflosigkeit und Hoffnung

Regisseurin Maryna Er Gorbach bangt unterdessen um ihre Schwester und ihre Mutter, die in Kiew leben und der blutigen Invasion ausgesetzt sind. Ob ihr Film etwas bewegen kann? Sie kann es nur hoffen: "Unsere Aufgabe ist, mit dem Publikum zu kommunizieren. Wenn der Zuschauer ein Politiker ist, versuchen wir, dass er die Dinge aus menschlicher Sicht sieht. Im Grunde aber beten wir alle für das große Wunder."

In Deutschland ist die Welle der Unterstützung groß, auch Filmverleiher solidarisieren sich. Beispielweise startet am 24. März der ukrainische Dokumentarfilm "This Rain Will Never Stop" – über einen jungen Syrer, der in die Ukraine geflohen ist, von einer Kriegsregion in die nächste.