Interview mit Merve Kayikci Wie junge Muslime den deutschen Islam prägen

Kopftuch, beten und kein Alkohol – viele junge Muslime wollen nicht mehr auf diese Klischees reduziert werden. Merve Kayikci wirft in ihrem BR-Podcast "Primamuslima" einen neuen Blick auf das islamische Leben in Deutschland.

Von: Matthias Morgenroth

Stand: 29.07.2020 | Archiv

Podcast Host: Merve Kayikci alisa Primamuslima | Bild: BR/Dominik Asbach

Was haben ein deutscher Marketingexperte, der sich in eine Marokkanerin verliebt hat, eine Zwangsvollstreckerin und zwei Psychologinnen gemeinsam? Sie glauben an Gott und sehen Mohammed als seinen Propheten. Das islamische Leben in Deutschland ist vielseitiger als man denkt – selbst für Muslime. Das hat die 26-jährige Merve Kayikci in vielen Begegnungen mit Muslimen gemerkt und aus ihren Gesprächen den Podcast "Primamuslima – wir reden mit!" gemacht

BR: Merve, welche Menschen werden wir in den sechs ersten Folgen deines Podcasts kennenlernen?
Merve Kayikci: Fast alle sind Menschen, die mir irgendwann in meinem Leben in Deutschland begegnet sind, die ich inspirierend fand, die mich auch als Muslimin überrascht haben und Vorurteile widerlegt haben, einfach durch ihre Existenz oder durch die Art und Weise, wie sie sind.

Was hat dich besonders überrascht?
Einer meiner Gäste ist zum Islam konvertiert und ich hatte immer ein sehr bestimmtes, starres Bild von Konvertiten. Es hat mich überrascht, wie er mit dem Islam umgeht und den Glauben auslebt. Oder: Zwei junge Frauen machen einen Reise-Blog, auf dem sie über das Reisen mit Kopftuch berichten. Das fand ich besonders interessant, weil ich das so nicht kannte. Früher sind Muslime in den Sommerferien in ihre ethnischen Herkunftsländer zurückgefahren, jetzt bereisen sie die ganze Welt.

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Capriccio

Der Podcast "Primamuslima" will Klischees abbauenMorgen, pünktlich zu Beginn des islamischen Opferfests, startet der Podcast "Primamuslima" auf Bayern 2. Das Ziel: Klischees hinterfragen und abbauen!Gepostet von Capriccio am Mittwoch, 29. Juli 2020

Woran liegt es Deiner Meinung nach, dass wir solche Geschichten bisher noch nicht so oft gehört haben?
Als Journalistin habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich in Redaktionen oft die einzige Muslimin war. Es gibt zwar ein Bedürfnis über den Islam oder über Muslime zu berichten, weil es die Leser und Hörer interessiert, aber es fehlt oft an Kompetenz. Wenn Muslime Interviews geben und sich dann falsch wiedergegeben fühlen, dann wollen sie vielleicht nicht noch mal mit den Medien sprechen und es schreckt natürlich auch andere Muslime ab.

Du hast selbst Journalismus studiert und bist als Social-Media-Beraterin unterwegs. Gibt es im Netz mehr Austausch innerhalb der muslimischen Community in Deutschland als in den klassischen Medien?
Gerade junge Muslime nutzen das Netz als Raum, um miteinander zu interagieren und sich zu vernetzen. Die Älteren haben ihre Moscheegemeinden, bei den Jüngeren kenne ich das eher, dass sie nicht regelmäßig in die Moschee gehen und im realen Leben nicht so viel mit Muslimen zu tun haben. Sie folgen dafür anderen Muslimen auf Instagram folgen und tauschen sich online aus.

Heißt das, die Islamverbände und ihre Moscheegemeinden, die in deutschen Medien das Islam-Bild prägen, verlieren für viele junge Muslime immer mehr an Bedeutung?
Wenn man andere Muslime fragt, zu welcher Gemeinde oder zu welcher Rechtsschule sie gehören, hört man immer öfter die Antwort: Zu keiner. Unsere Eltern und Großeltern sind nach Deutschland gekommen, haben ihre Religion aus ihrem Herkunftsland mitgebracht und hier weitergelebt. Muslime, die hier in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, müssen sich jetzt überlegen, wie sie das in ihr westliches Leben integrieren wollen, wie eine deutsche muslimische Religiosität aussehen kann.

Wie lebst du deinen Glauben?
Meine Eltern sind beide türkischstämmig. Ich bin hier in dritter Generation und in meinem Leben spielt der Islam eine ziemlich große Rolle. Ich bin gläubig und Gott sehr verbunden, aber nicht auf diese türkische Art und Weise. Sachen, wie kein Schweinefleisch zu essen oder Alkoholverzicht, haben keinen Stellenwert in meinem Leben, sondern eher die spirituelle Verbindung zu Allah.

In unserer säkularen Welt ist der Glaube oft Privatsache, über die wenig gesprochen wird. Wie nimmst du das wahr, als jemand, der seine Religion offen nach außen trägt?
Ich komme aus einem Dorf in Baden-Württemberg, mit einer pietistischen Gemeinde. Da waren die Christen wirklich sehr religiös und haben auch sehr offen über ihren Glauben geredet. Deswegen war das für mich nie etwas Ungewöhnliches. Später, als ich in größere Städte gezogen bin, waren einige anfangs schon verdutzt, wenn ich zum Beispiel gesagt habe: „Da wird Gott schon einen Plan haben“. Aber sie haben es gut aufgenommen, weil ich Muslimin bin. Ich habe aber auch von vielen Christen die Rückmeldung bekommen, dass sie das unheimlich entspannt und auch angenehm fanden, wie ich mit meinem Glauben umgehe. Und, dass ich sie dazu inspiriert habe, offener mit der Religion umzugehen und sich vielleicht nicht dafür zu schämen.

"Primamuslima" heißt dein Podcast – was hat es mit dem Namen auf sich?
Ich glaube, dass ich einfach eine ganz normale Muslimin bin, auch wenn ich vielleicht nicht dem Klischee entspreche. Der Name soll etwas ironisch sagen: Eigentlich ist jede Muslimin, jeder Muslim prima. Es ist gut so, wie du bist, auch wenn Du nicht sehr fromm bist und dich nicht an alle Regeln hältst.

"Primamuslima – wir reden mit!" ist ab 30. Juli 2020 im BR Podcastcenter sowie über die gängigen Portale zum Download oder Streaming abrufbar und wird in Auszügen ab 3. August 2020 in der Sendung Theo.Logik, immer montags ab 21.05 Uhr auf Bayern 2 ausgestrahlt. Weitere Infos unter br.de/religion.