Feminismus im Plural Wie junge Künstlerinnen Social Media nutzen

Eine Frau mit Maske spaziert im knappen Kleid, posiert in Porno-Posen. Die Reaktionen: aggressiv und übergriffig. Signe Pierce gehört zu einer neuen Generation von Künstlerinnen, die sich im Internet positionieren. Ein Überblick

Von: Joana Ortmann

Stand: 05.03.2021 | Archiv

Szene aus "AMERICAN REFLEXXX" von Alli Coates Signe Pierce | Bild: Screenshot: Alli Coates Signe Pierce/Youtube

Ein hypersexuelles Wesen läuft eine volle Strandpromenade entlang. Bleibt ab und zu stehen, nimmt die grotesken Posen weiblicher Porno-Darstellerinnen ein. Ultrakurzes Minikleid, Plateau-Heels, das Gesicht verborgen hinter einer Spiegelmaske. Wer ist sie? Oder er? Was will er oder sie? Die Passanten sind völlig überfordert. Manche filmen mit ihren Smartphones, manche laufen weg, andere werden übergriffig. "Besorgst du es mir später damit? Ich hätte gern Sex mit dir, mit dieser Spiegel-Maske!“ Sagt ein Mann und zieht das Wesen gleich mal an sich. Die Frauen sind nicht weniger aggressiv, im Gegenteil: "Sie ist ein Typ! Wird sie dafür bezahlt? Sie ist Dreck!" Sie werfen Flaschen, schubsen die Performerin, bis sie auf dem Asphalt liegt. Dann stehen sie um sie herum, filmen weiter.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

AMERICAN REFLEXXX | Bild: Alli Coates Signe Pierce (via YouTube)

AMERICAN REFLEXXX

Szenen aus dem Kurzfilm "American Reflexxx“, ein soziales Experiment der amerikanischen Künstlerin Signe Pierce und des Filmemachers Alli Coates. 2015 hatten sie damit das Internet in Wallung gebracht – heute ist ihre Arbeit in Museen und Galerien zu sehen.

"Der Film zeigt, wie sehr wir gesellschaftlich darauf gepolt sind, Menschen je nach Gender, Race oder sexueller Orientierung herabzuwürdigen. Und was tue ich? Ich mache mich zum Archetyp einer dieser Menschen, die keinen Respekt bekommen."

Signe Pierce

Reality Artists oder Online-Exhibitionistinnen

Das gesichtslose Sex-Objekt. Ein fast schon surreales Klischee – und zugleich eine starke Pose! Signe Pierce gehört zu einer neuen Generation von Künstlerinnen, alle in den Dreißigern, die sich seit einigen Jahren erfolgreich im Internet und in den Sozialen Medien positionieren. Sie nennen sich Reality Artists, Instagram-Models oder Online-Exhibitionistinnen. Ihre Themen sind Sexualität, Identität und Weiblichkeit im 21. Jahrhundert. Ihr Medium: der eigene Körper und diverse digitale Foto- und Videoplattformen. Dieser Rahmen bestimmt ihre Methoden, und die wiederum sorgen auf der anderen Seite, bei den Zuschauern, für viel Verwirrung: Das Explizite, Übertriebene, Ironische provoziert und lenkt vom Eigentlichen ab. Anika Meier, Kunsthistorikerin und Kolumnistin für das Magazin Monopol, kennt die Dynamik gut. Sie beobachtet seit Jahren die virtuellen Galerien in den sozialen Netzwerken: "Was wichtig ist zu bedenken, wenn man sich Künstlerinnen wie Arvida Byström, Molly Soda, Petra Collins, Signe Pierce anschaut – die sind in den sozialen Medien unterwegs und schauen, welche Probleme es dort gibt und worauf man reagieren müsste. Und dann machen sie dazu Arbeiten. Für Monopol spreche ich für meine Kolumne sehr oft mit jungen Künstlern und Künstlerinnen, die in den sozialen Medien unterwegs sind. Da frage ich eben auch immer so: Ja, ist das, was du machst feministische Kunst? Und dann kriege ich immer als Antwort: Ja, ich bin Feministin. Aber das, was ich mache, sehe ich nicht per se als feministische Kunst, sondern das sind Statements."

Morddrohungen wegen Körperbehaarung

"Virtual Normality" hieß die Ausstellung, die Anika Meier dazu 2018 in Leipzig kuratiert hat. Der Titel bringt es auf den Punkt: Es geht um das, was virtuell als "Normalität" gesetzt wird. Und um den Wunsch danach, sich dieser Normalität zu verweigern. Sich so zeigen zu dürfen, wie man will. Das ist in den sozialen Medien, wie sie derzeit funktionieren, kaum möglich, trotz Bodypositivity-Bewegung. Zu starr sind die Ideale: Schlank, glattrasiert, immer geschminkt, immer frisch lackierte Nägel zum Outfit of the Day. Wer dem nicht entspricht, muss mit Attacken rechnen, da reichen oft schon Details. Arvida Byström, schwedische Fotografin, Model, Influencerin, machte 2017 einen Spot für Adidas: "Ich denke, Weiblichkeit ist etwas kulturell Konstruiertes, also kann jeder so feminin sein, wie er will, aber unsere Gegenwartsgesellschaft hat Angst davor.“

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Model and photographer Arvida Byström stars in Adidas advert | Bild: Kween (via YouTube)

Model and photographer Arvida Byström stars in Adidas advert

Arvida Byström ist eine zarte, blonde, elfenhafte Frau – genau so zeigt sie sich auch in diesem Spot, mit rosa T-Shirt und weißem Spitzenkleid. Wenn man sie nicht kennen würde, könnte man sie glatt für eine Schülerin halten. Warum entfalten da ein paar Haare eine solch zerstörerische Macht? Anika Meier erinnert sich noch genau: "Und dann gab es auf dem Instagram-Account von Adidas 20.000 wütende Kommentare. Das ging bis hin zu Morddrohungen, Vergewaltigungs-Drohungen."

Heute sind die meisten gelöscht, aber das Internet vergisst nichts. Unkommentiert drei Beispiele:
"Ist das aus den Frauen geworden? Na danke! Ich mag meine europäische Kultur und ihre Werte. Frauen sollten auf ihr Aussehen achten!“
"Die Mehrheit der Männer (und übrigens auch der Frauen) findet das ekelig!“
"Das ist keine Frau, das ist ein Affe, was für ein Scheiß! Fick dich, haarige Schlampe!"

Die kleine, aber gezielte Selbstermächtigung, die sich manche wohl schon früher in der Schule gewünscht haben, zelebrieren die Netz-Künstlerinnen auf dem Instagram-Schulhof. Oder, man könnte auch sagen: In der Instagram-Dauerausstellung. Ein völlig anderer Kontext als ihn Museen, Galerien oder sonstige relativ geschützte Kunsträume bieten. Vorteil: Die Akteurinnen können sich viel direkter in sämtliche Probleme und Debatten einklinken. Nachteil: sie laufen Gefahr, ihnen dauernd ausgesetzt zu sein. Viele gehen diese Gefahr bewusst ein, sagt Anika Meier: "Also, Arvida Byström weiß sehr genau, was passiert, wenn sie ein – ich nenne es jetzt mal so – provokantes Bild postet. Also, das ist ganz klar, da sollen Reaktionen kommen. Dem setzt man sich aus. Und dann kann man sich ja entscheiden, ob man die Kommentare liest oder ob man die Kommentare nicht liest."

Das erste Instagram-Meisterwerk

Es gibt natürlich auch viele Künstlerinnen, die genau mit diesem Reaktionsmuster spielen und mit der Tatsache, dass auf Instagram vieles so wenig definiert ist. Dass jeder fast alles posten und kommentieren kann. Dass jeder das glauben kann, aber nicht muss, also für real, surreal, hyperreal oder einfach fake erachten kann. Sich auch fragen kann: Ist das Kunst? Ist das keine Kunst? Diese Untiefen hat schon früh in der Instragram-Historie und auf sehr raffinierte Art und Weise die argentinische Künstlerin Amalia Ulman für sich genutzt. "Excellences And Perfections" heißt ihre digitale Performance aus dem Jahr 2014. Für Anika Meier: das erste "Instagram-Meisterwerk": "Sie ist in die Rolle einer jungen Frau geschlüpft, die aus einer Kleinstadt in Amerika in die große Stadt zieht und sich da von einem jungen unschuldigen Mädchen zu einer sexy Frau entwickelt und da eben sehr viele Dinge in sehr kurzer Zeit erlebt. Dann hat sie plötzlich einen Sugar-Daddy, eine Brust-OP, und so weiter und so fort. Dann Nervenzusammenbruch! Und es war ein großes Drama innerhalb von vier Monaten. Und das war eben eine Performance, aber sie hat es nicht als solche angekündigt. Es war gar nicht klar. Sie hat natürlich damit gespielt, dass Leute sich fragen: Passierte das jetzt wirklich? Was ist da eigentlich los? Das ist aber in den sozialen Medien nicht immer klar. Und dann hat sie eben am Ende dieser Performance aufgelöst: Das war jetzt eine Performance."

"Jeder ist online ein Lügner"

Die sich über 180 Posts auf Facebook und Instagram hinzog, in Bildsprache und Kommunikationsstil authentisch bis ins Detail. Die Reaktion der Follower nach der Enthüllung als Kunstwerk: Enttäuschung, Empörung, Wut über einen vermeintlichen Betrug. Doch worin genau bestand diese Täuschung eigentlich? Dass das, was sie gesehen und mit Spannung so lange verfolgt hatten, nicht ihrer Logik und Instagram-Ideologie entsprach? Genau darauf hatte es Amalia Ulman ja abgesehen: "Jeder ist online ein Lügner." Diese Botschaft kam nicht bei allen an, wie sie zwei Jahre später mit einer weiteren Performance demonstrierte. Da gab sie vor schwanger zu sein, inszenierte das wieder in der gängigen Ästhetik und Dramaturgie. Und wieder begann die Diskussion. Ist sie jetzt wirklich schwanger? Sie war es nicht und kommentierte: "Das ist total interessant. Obwohl die Leute wissen, dass ich einmal eine Performance gemacht habe, bei der nicht gestimmt hat, was ich erzählt habe, kann ich es ein zweites Mal machen, und die Leute glauben mir wieder bzw. stellen sich die Frage, ob es stimmt oder nicht."

Da haben wir ihn vielleicht doch, den Feminismus in der digitalen Kunst. Er ist offenbar nicht nur eine Pose, eine Rolle, ein Statement, nein, er sucht sich auch neue Wege. Schafft auf Dauer in der Kunstwelt vielleicht eine Gleichberechtigung unter den Genres und einen Markt, der in seinen starren, alten Wertigkeiten neu gestaltet und erobert werden kann. Das ist doch mal was.

Ein Beitrag aus dem Kulturjournal auf Baynern 2. Den Podcast können Sie hier abonnieren.