Kulturelle Basis Wie geht es kleinen Bühnen in Bayern?

Wie schlagen sich die kleinen Bühnen durch die Pandemie, von denen viele – trotz staatlicher Hilfsgelder – existenziell bedroht sind? Zu Besuch beim Rosenheimer Tam Ost und dem PiK in Memmingen.

Von: Heinz Gorr

Stand: 02.12.2020

Ausgeleuchtete Bühne TAM OST Rosenheim | Bild: Martin Schönacher/ tam-ost.de

Von Hof bis Kempten, von Schweinfurt bis Passau gibt es unzählige dieser lokal und regional fest verwurzelten Bühnen; allein der Verband Bayerischer Amateurtheater vertritt zurzeit über 700 Bühnen mit rund 60.000 Mitwirkenden. Ihre Akzeptanz verdanken sie der ökonomischen Effizienz der meist ehrenamtlich geführten Vereine sowie niedrigen Eintrittspreisen – manchmal sind es nur 15 Euro für die Karte. Dahinter steht die Spielfreude, das Engagement der Menschen vor und hinter den Kulissen, wie Gerhard Sellmair, Vorstand des Vereins Theater am Markt e.V (TAM OST) in Rosenheim, betont: "Wir haben Sozialpädagogen und Ärzte; wir haben Lehrer, Designer, Landschaftsgärtner. Und das finde ich auch das Schöne bei uns. Es interessiert auch keinen. Was hier jemand arbeitet oder verdient oder sonst in seinem Beruf macht, ist eigentlich völlig hintergründig. Es ist wichtig, dass die Leidenschaft auf der Bühne da ist."

Die für 5. Dezember angesetzte Premiere musste wegen des zweiten Lockdowns gecancelt werden. Die finanzielle Unterstützung des TAM OST im letzten Mai durch das Kulturreferrat der Stadt und eine Stiftung lässt sich vermutlich nicht wiederholen. Dann wird es ohne den Erlös aus Eintrittsgeldern eng für den Verein - und damit für ein Stück gewachsener Theaterkultur.

Das PiK in Memmingen hält durch - noch

Kaum besser sieht die Situation in Memmingen aus. Eine dieser wichtigen Institutionen im Flächenstaat Bayern ist das PiK in Memmingen. Alles, was Rang und Namen hat, ist hier schon aufgetreten: von A wie Altinger bis Z wie Zimmerschied bei den Kabarettistinnen und Kabarettisten, von Barbara Dennerlein über das Modern Jazz Trio bis zum Zither Manä aus der Musikszene.

PiK steht für das Parterretheater im Künerhaus, ein historisches Gebäude, mitten in Memmingens Altstadt gelegen. Die Bühne wirkt skurril: endlos scheinende, mit silberglänzender Folie ummantelte Rohrleitungen bedecken die schwarzen Bodenbretter, Staubsauger, ein Elektromotor, Kabel, die Front zum Zuschauerraum ist demontiert – was spontan an eine Szene aus Terry Gilliams Kinofilm "Brazil" erinnert, ist kein Bühnenbild, sondern aufwändige ehrenamtliche Arbeit: Um nach dem Lockdown gerüstet zu sein, baut der Verein alternative kleinkunst eine Belüftungsanlage ins PiK.

Wie geht es dem Theater, das kurz nach dem Saisonstart schon wieder schließen musste? "Dadurch, dass wir eben der Verein sind, alternative kleinkunst, bekommen wir Mitgliederbeiträge. Der Jahresbeitrag beträgt mindestens 35 Euro, also nicht die Welt", sagt Karin Keller, die 1. Vorsitzende des Vereins. "Wir haben bis jetzt zwischen 220 und 250 Mitglieder, die uns fördern und wir arbeiten alle ehrenamtlich. Dadurch haben wir eigentlich ein ganz gutes finanzielles Polster. Also wir haben jetzt noch keine Bauchschmerzen."

Schon vor dem Lockdown reichte es kaum

Manche Künstler sind in diesem Jahr für reduzierte Gagen aufgetreten. Wenn aber selbst die etwa 40 Eintritte fehlen, die die Auflagen erlauben, ist der Betrieb kaum noch länger aufrechtzuerhalten. "Die Stadt kommt uns schon auch entgegen – wir kriegen zwar keine Förderung wie manch anderer –, aber immerhin beteiligen sie sich an den Nebenkosten für das Haus", sagt Keller, die neben ihrem Ehrenamt als Krankenschwester arbeitet. "Die sind nicht so wenig, weil das ein altes, denkmalgeschütztes Haus ist. Da muss man das ganze Jahr heizen."

Man hilft zusammen in der 44.000-Einwohner-Stadt, so hat das Landestheater Schwaben – ein paar Straßen weiter – angeboten, PiK-Programme zu übernehmen, damit nicht alles unter den Tisch fallen muss. Ein funktionierendes Konzept findet Keller und hat für das behördlich verordnete Dichtmachen entsprechend kein Verständnis: "Also ich persönlich fand's total überflüssig. Wenn man sieht, wie viel Geld viele investiert haben, dass es wirklich reibungslos läuft, mit genügend Abstand und mit Belüftung. Und dann machen sie ganz zu. Das finde ich einfach nicht in Ordnung."