Welttag des Buches Welche Bücher wir (nicht nur) heute lesen sollten

Bücher sind in unserer Gesellschaft unverzichtbar. Für unseren Autor sind sie stille Zeugen von Freiheit und Selbstbehauptung. Eine Liebeserklärung an mutige Autoren wie Ahmet Altan, Jürgen Fuchs und viele andere.

Von: Niels Beintker

Stand: 22.04.2021

Bücherstapel vor einem Bücherregal | Bild: colourbox.com

Die Vorzüge eines Buches lassen sich relativ schnell aufzählen: ein eigener Kosmos aus Buchstaben, Worten, Sätzen, ganz einfach zu betreten – man muss nur den Buchdeckel aufschlagen und loslesen. Wir können, wenn wir wollen, in den Geschichten verschwinden, ganz nebenbei aus der Zeit aussteigen und die Welt durch die Augen einer literarischen Figur betrachten. Ebenso können wir uns freuen über das, was das Buch über das Geschriebene hinaus ausmacht, die Gestaltung, das Material.

Die Bücher verdienen aber auch in einem anderen Sinn unseren Respekt, und das längst nicht nur am alljährlichen Welttag des Buches und der Poesie. Viele von ihnen sind stille Zeugen der Freiheit und der Selbstbehauptung. Sie erzählen uns Geschichten des Widerstehens in dunklen, bedrohlichen, unmenschlichen Situationen. Auch das macht sie unverzichtbar. Und das können wir ruhig einmal feiern, gerade in einer Gesellschaft, die von der Freiheit und der Offenheit lebt. Oder mehr noch: die ohne Freiheit undenkbar wäre.

Zaubermacht der Schriftsteller

Ein Mensch wahrer Größe: Der türkische Schriftsteller Ahmet Altan

Ein Beispiel sind die Aufzeichnungen des türkischen Schriftstellers Ahmet Altan. Im Sommer 2016, nach dem bis heute nicht vollständig aufgeklärten Putsch-Versuch, wurde er festgenommen und in einem mehr als fragwürdigen Verfahren zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Die Staatsanwaltschaft behauptete, Altan, einer der beliebtesten Schriftsteller des Landes, sei ein Anhänger der Putschisten. Sie stützte sich dabei auf sehr dünne Indizien: ein paar Zeitungsartikel und ein Fernsehinterview. In der vergangenen Woche – endlich! – hat ein Berufungsgericht entschieden, dass Ahmet Altan freigelassen wird.

Vor knapp fünf Jahren, eingesperrt in der Zelle, begann der Schriftsteller, über seine Haft zu schreiben. Die Texte kamen über die Anwälte aus dem Gefängnis und erschienen unter dem Titel "Ich werde die Welt nie wiedersehen". Ein kleines Buch, das doch so groß ist. Ahmet Altan schildert ruhig und präzise, wie er die Verhaftung, die erste Zeit im Gefängnis und das Gerichtsverfahren erlebte. Vor allem aber tritt er seinen Anklägern bewundernswert aufrecht gegenüber. "Ihr könnt mich ins Gefängnis stecken, doch ihr könnt mich dort nicht festhalten", heißt es im letzten der Essays. Weil er, der Gefangene, die Zaubermacht besitze, die allen Schriftstellern eigen sei. "Ich kann mühelos durch Wände gehen." Was für eine Größe!

Vernehmungsprotokolle im Kopf

Ein anderes Beispiel: Dieser Tage erinnerte der junge Schriftsteller Matthias Jügler in einem Essay an das Schicksal des Lyrikers Jürgen Fuchs in der DDR. Dieser wurde aufgrund seiner kritischen Haltung Mitte der 70er-Jahre zum Staatsfeind erklärt, kurz vor dem Abschluss seines Studiums von der Universität verbannt und schließlich wegen seiner Verbindungen zum Regimekritiker Robert Havemann von der Staatssicherheit verhaftet. In der Untersuchungshaft – neun Monate lang – wurde er drangsaliert und gefoltert. Die von den Vernehmern erhofften Auskünfte lieferte Jürgen Fuchs nicht. Er blieb standhaft und schwieg. Schließlich wurde er nach Westberlin abgeschoben.

Im Gepäck – oder besser: und im Kopf – hatte Fuchs ein Manuskript. Im Westen angekommen schrieb er das auf, was er Tag für Tag in der Zelle auf einem Stück Silberfolie notiert und dann auswendig gelernt hatte, und veröffentlichte ein Buch mit dem Titel "Vernehmungsprotokolle". Auch das ein Akt der Freiheit mitten in der Gefangenschaft und eines der zentralen Bücher über die Wirklichkeit im "real existierenden Sozialismus". Leider gerät Jürgen Fuchs mehr und mehr aus dem Blickfeld. Es stimmt hoffnungsvoll, wenn Künstler wie Matthias Jügler – Jahrgang 1984 – wieder an ihn und seine Prosa und seine Lyrik erinnern.

Geschichten über Wahrheit und Freiheit

Hat über die quälende Haft in einem chinesischen Gefängnis berichtet: Liao Yiwu

Viele andere Beispiele für den Freiheitsdrang der Bücher wären zu nennen: Reiner Kunzes Prosaband "Die wunderbaren Jahre", eine Sammlung von prägnant formulierten Texten über die alltägliche Drangsalierung in der DDR, in den Westen geschmuggelt und von S. Fischer-Verlegerin Monika Schoeller unter strengsten Vorsichtsmaßnahmen auf den Weg gebracht (Ich finde, ein spannender Stoff für einen ARD-Mehrteiler!). Ein anderes Beispiel: die Bücher von Liao Yiwu, darunter der große Bericht über die quälende Haft in einem chinesischen Gefängnis. Oder, endlich in einer neuen Ausgabe und Übersetzung erschienen, Nadeschda Mandelstams "Erinnerungen an das Jahrhundert der Wölfe".

Was all diese Bücher miteinander verbindet: Die Menschen, die sie geschrieben haben, wollten sich mit dem, was sie erlebten und erleiden mussten, nicht abfinden. Sie nahmen Repressionen in Kauf und verteidigten ihren Traum einer freien und offenen Gesellschaft. Und das auf ganz stillem Weg, mit Papier, Bleistift und Tinte. Oder auch, wie im Fall von Jürgen Fuchs oder Liao Yiwu, gestützt auf das genaue Gedächtnis. Alle diese Menschen schrieben nicht, weil sie Bücher veröffentlichen wollten. Sondern weil sie, im Glauben an die Wahrheit und die Freiheit, schreiben mussten. Ein kleines Wunder, dass wir ihre Bücher lesen können.

Der Welttag des Buches ist ein guter Anlass, um auch an diese Bücher zu erinnern – und mit ihnen an die Schicksale, die damit verbunden sind. Unsere Gegenwart wird auch von zahlreichen Versuchen bestimmt, die Freiheit, in der wir leben, fundamental in Frage zu stellen – womit jetzt nicht eine nächtliche Ausgangssperre gemeint ist, sondern Gewalt, Folter, Vertreibung und Fake News. Feiern wir also die Bücher, die uns an Freiheit und Gerechtigkeit erinnern. Und ehren wir damit die Autorinnen und Autoren, die sich von keiner noch so großen Staatsmacht einschüchtern ließen. Und ebenso die, die sich heute, in einer Zeit wachsender Unfreiheit, nicht einschüchtern lassen. Nicht nur als Dokumente der Selbstbehauptung sind diese Bücher bedeutend und unverzichtbar. Aber eben auch deshalb.