Kinder können Kunst Digitale Workshops im Selbstversuch

Langeweile im Lockdown ist für Kinder und Familien ein Riesenthema. Einige Museen sorgen mit virtuellen Führungen und Workshops für Abwechslung. Kann Kunst sogar helfen, den Familienfrieden zu retten? Ein Selbstversuch...

Von: Andrea Mühlberger

Stand: 01.02.2021 | Archiv

Eine Zeichnung von vier Familienmitgliedern: Mutter, Vater, Tochter, Sohn | Bild: BR/Mühlberger

Na gut, dieses Szenario kennen wir schon: Link anklicken, teilnehmen, das übliche Kachelbild baut sich auf: Diesmal tauchen nicht die müden Gesichter der Arbeitskollegen auf mit ihrem gequälten Lächeln. Sondern gut gelaunte Familien und Catrin Morschek vom Pinakotheken-Team: "Toll, dass ihr alle da seid! Sagt einfach wie ihr heißt, wie alt ihr seid – wer mag sich als erstes vorstellen…?"

Kunst gegen Stress

Kinder können Kunst: Die Kursteilnehmer und die Kunstvermittlerinnen

Die Kunstvermittlerin leitet an diesem Samstag den Workshop "We are Family" - klingt vielversprechend und weckt in diesen strapaziösen Zeiten gar die Erwartung, die Meta-Ebene Kunst könnte helfen, die familiäre Basis ein bisschen zu stabilisieren, nach einigen Erdbeben in letzter Zeit. Den anderen mag es ähnlich gehen. Der Kurs ist ausgebucht – wir vier (Vater, Mutter, Sohn, Tochter) sind also nicht allein mit unserer Sehnsucht nach Kunst. Im Gegenteil: München, Landshut, Stuttgart – sogar aus Istanbul hat sich eine Familie zugeschaltet und bringt internationales Flair in die Runde. Das freut Catrin Morschek besonders.

Aber die Sammlungen ziehen ja auch sonst Besucher aus der ganzen Welt an. Und von einigen Hauptwerken der Alten Pinakothek wollen wir uns jetzt in der nächsten Stunde inspirieren lassen. Unser Thema – passend zum Workshop – "Familienporträts". Dazu studieren wir erstmal die großen Vorbilder: "Könnt ihr alle das Bild sehen? Das müsste jetzt gleich kommen? Ihr seht den berühmten Maler Peter Paul Rubens mit seiner zweiten Frau und seinen vielen Kindern. Wie hat er denn seine Familie dargestellt?"

Was sagen uns die Familienaufstellungen von Rubens?

Vier Familienporträts von Rubens bis van Dyck nehmen wir genauer unter die Lupe. Was wollten uns die Altmeister mit ihren fein gemalten Familienaufstellungen nur sagen? Auch wenn es natürlich schöner wäre, vor den barocken Originalen zu stehen: Die Bildanalyse funktioniert digital genauso, Catrin Morschek und die gut zwanzigköpfige Runde kommen schnell ins Plaudern. "Ich finde, er hat seine Familie sehr reich gemalt", meint einer der jungen Kunstbetrachter. "Ja, die hatten einen großen Garten mit vielen Bäumen", ergänzt meine siebenjährige Tochter.

So sah die heile Familien-Welt in der Rubens-Zeit im 17. Jahrhundert aus…

Am Ende sind sich die Teilnehmer einig: Rubens ist mehr der fürs Protzen, van Dyck geht es darum, Familienmitglieder möglichst realistisch darzustellen. Und der Unterschied zwischen damals und heute? "Ich finde, dass wir jetzt eine viel schlimmere Mode haben, mir gefällt, dass früher alle Frauen Kleider anhatten", bemerkt mein zehnjähriger Sohn.

Heile Welt statt Krise

Aha. Ist das versteckte Kritik an meinem Homeoffice-Look? Natürlich sehen die bei Rubens alle aus wie aus dem Ei gepellt. Die Rollen klar verteilt. Und heile Welt statt Krise: Die Kinder spielen fröhlich im Grünen, die Eltern lächeln stolz und besonnen von der Leinwand. Aber sie konnten es sich auch leisten, damals. Nicht nur Rubens. "Auch alle, die sich von ihm porträtieren ließen, haben sehr viel Geld gehabt", erklärt der Papa. Wir dagegen müssen uns heute selber porträtieren – unser Arbeitsauftrag nach der Trockenübung: gemeinsam ein Familienporträt von uns malen, auf besondere Weise, wie Frau Morschek erklärt: "Also jeder malt einen aus der Familie, dann knickt er das Blatt um, sodass die anderen seine Zeichnung nicht sehen können und gibt das Blatt weiter, bis alle dran waren."  

Nach der Theorie die Praxis

We are family! Unsere Familie, frei nach Rubens, gemalt von Loni (7 Jahre)

Klingt lustig – aber was würden Rubens und van Dyck wohl dazu sagen?! Unsere erste Herausforderung: Sich einig werden, wer wen malt und anfangen darf. Nachdem das ohne großen Streit geklärt ist, beginnt die Jüngste mit einem Porträt von Mama, dann ist ihr Bruder dran, er malt den bärtigen Papa, nicht als Jeansträger, sondern im feinen Anzug. Beide sind akribisch bei der Sache, zeichnen mit dem realistischen Anspruch eines van Dyck, jede Wimper, jeden Bartstoppel. Wie sollen wir da in zwanzig Minuten fertig werden? Wie so oft bei uns wird der Faktor Zeit zum Stressfaktor: "Hey, nicht kucken!" "Bist du bald fertig?" "Also du musst jetzt nicht extra schön malen!" "Das schaffen wir ja nie!"      

In letzter Minute werfen schließlich wir Eltern mit fahrigen Strichen Tochter und Sohn aufs Papier, fühlen uns ein bisschen wie früher die Schnellzeichner in den Fernsehshows. Im Ansatz virtuos. Und das Ergebnis? Neben der strahlenden Mutter der bärtige Vater mit Anzug und Krawatte, aber dann franst die "heilige Familie" von links nach rechts irgendwie aus, wird immer flüchtiger, skizzenhafter. Unser Sohn ist nicht zufrieden, findet aber, dass wir das insgesamt ganz souverän gemeistert haben. Immerhin können wir ein fertiges Porträt in die Kamera halten und den anderen Kursteilnehmern zeigen: "Ist denn sonst noch jemand fertig? Die Familie Mühlberger? Oh, super! Wie ist es euch denn ergangen?"  

Modern Family statt heilige Familie

Nun ja, ein herrschaftliches Porträt sieht anders aus. Aber als "Modern Family" mit etwas verzerrten Größenverhältnissen könnten wir schon durchgehen – also immerhin: Ziel erreicht. Und der Familienfrieden? Unsere Tochter meint lakonisch, sie habe sich ganz aufs Malen konzentriert, damit sie keine Fehler mache, während die anderen herumschreien. Unser Sohn findet immerhin, dass das mit dem Malen eines Familienporträts sehr einfallsreich gewesen sei: "Damit kann man auch die Familie zusammenbringen und etwas machen, was man sonst nicht macht!"

Ein typischer Museumsraum: Designwand in der Pinakothek der Moderne

Genau! We are Family! Und unser Porträt ist der Beweis dafür, dass wir auch im Lockdown noch etwas gemeinsam auf die Reihe kriegen! Diesen Schwung wollen wir mitnehmen in die nächste harte Homeschooling-Woche. Ebenso den Vorsatz, die Familie Rubens wieder in echt zu besuchen – wenn die Alte Pinakothek endlich wieder öffnen darf!  

Was ist eigentlich ein Museum?

Aber was genau ist eigentlich eine Pinakothek? Was macht ein Museum aus? Das lernen meine Kinder bei einem zweiten Workshop, den wir an diesem Wochenende auch noch ausprobieren wollten: "Kinder können Kunst" – ein Angebot der Pinakothek der Moderne in München. Die Aufgabe diesmal: Aus einem Pappkarton ein eigenes Museum bauen. Dafür angemeldet haben sich wieder Kinder aus ganz Deutschland – und aus Tel Aviv! Was machen eigentlich Kinder in Israel, wenn ihnen vor Langeweile die Decke auf den Kopf fällt? Schade, dass keine Zeit zum Plaudern bleibt – auch beim einstündigen Workshop "Mein Museum" erwartet die Teilnehmer ein straffes Programm. Los geht’s wieder mit Theorie und der Frage, was es in einem Museum alles zu sehen gibt? Na klar: "Bilder!" "Statuen!" "Kunst!" "Autos!" "Möbel!" 

Kunstvermittlerin Christiane Böhm zeigt diesmal Fotos aus den Sammlungen – die Kinder besuchen die Pinakothek der Moderne im Schnelldurchlauf, die Auto-Wand im Design Museum, raumgreifende Installationen oder das klassische Wechselspiel von Wandbildern und Skulpturen sollen Beispiele für verschiedene Ausstellungskonzepte liefern und die angehenden Museumsarchitektinnen und Architektenen inspirieren, wieder sind alle begeistert bei der Sache.  

Was machen die Pinakotheken im Lockdown?

Die Museen sind geschlossen, aber leuchten in der Nacht: Installation von Helmut Eding

Was aber macht ein Museum im Lockdown? Christiane Böhm erklärt das mit Fotos von den aktuellen Licht-Aktionen, mit denen die geschlossenen Pinakotheken gerade in der Nacht erstrahlen und Präsenz zeigen wollen: bunte Schaufenster, Leuchtkugeln, ein Zaubergarten. Da sind sogar viele Eltern überrascht! Das ganze Museumsareal scheint in der Nacht zu leuchten – und Licht ist natürlich auch ein ganz wichtiges Thema bei der Gestaltung eines Museums. Darum geht es jetzt auch praktisch, wenn die Kinder einen Schuhkarton in einen Ausstellungsraum verwandeln sollen: Wer möchte, kann ihn mit einer Lichterkette beleuchten, schlägt die Workshop-Leiterin vor. Und als Objekt geht im Prinzip alles, was sich daheim findet: Plastikfigürchen, Spielzeugautos, Mini-Möbel, Würfel, bemalte Steine, Naturobjekte, Zahnstocher, Fotos, Papierschnipsel, Korken; dazu Alu-Folie oder knallige Servietten für die Boden- und Wandgestaltung – fertig ist das Museum!

Museum der Verrücktheit

Das KAD: Museum für Kunst, Autos, Design

Soweit jedenfalls die Theorie. Denn unsere Kinder streiten sich erstmal um den schönsten Schuhkarton und verlieren dadurch wertvolle Zeit. Schließlich baut die Siebenjährige ein "Museum der Fantasie", mit Geistern, die von der Decke hängen oder durch den Raum tanzen und einer Wolke an der Wand, aus der es Augentropfen regnet. Unser Sohn hat – nach dem Vorbild der Design-Abteilung der Neuen Sammlung – einen Raum mit Autos entworfen, die an der Wand hängen und sich in Aluflächen spiegeln.

Am Ende wird es etwas knifflig – wenn jeder versucht, seinen Schuhkarton so in die Laptop-Kamera zu drehen, dass alle anderen das Ergebnis begutachten können: "Museum der Farben", "Bunte Wellen", "Museum der Marienkäfer", "Museum der Verrücktheit"…tolle Ideen sind dabei. Und wenn unsere Kinder und wir an dem Wochenende leider auch nicht physisch im Museum waren, sondern nur vom Wohnzimmer aus: Kreativ waren wir alle auf jeden Fall! 

Kann Kunst die Familie im langweiligen Lockdown retten? Darauf von uns ein lautes und entschiedenes Ja!

Alle Angebote zu den Workshops der Münchner Pinakotheken finden Sie auf der Webseite der Pinakotheken.

Wer es nicht so gerne digital mag: Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg verschickt zum Beispiel das "KunstKästchen" – mit Bastelideen zum Selbermachen. Da wird der Workshop dann nach Hause geliefert…