Papst Franziskus Was für ein Segen! Schluss mit der Verteufelung homosexueller Paare

Homosexuelle Partnerschaften sind keine Sünde sondern gelebte Nächstenliebe. Papst Franziskus geht in einem Dokumentarfilm auf homosexuelle Paare zu. Bei vielen Katholiken muss er aber noch Überzeugungsarbeit leisten. Ein Kommentar

Von: Tilmann Kleinjung

Stand: 23.10.2020 | Archiv

Papst Franziskus | Bild: picture alliance / Pressebildagentur Ulmer

Schlagen wir im katholischen Katechismus nach. Paragraph 2357: Homosexuelle Handlungen "sind in keinem Fall zu billigen", steht da. Immer noch. Daran hat auch Papst Franziskus nichts geändert. Es hätte die ein oder andere Gelegenheit dazu gegeben, zum Beispiel bei den Familiensynoden in den Jahren 2014 und 2015. Doch der Papst bleibt sich treu. Reformen verabreicht er seiner Kirche in homöopathischen Dosen, wahlweise in Fußnoten oder wie jetzt in Interview-Äußerungen. "Wir brauchen ein Gesetz für zivile Lebenspartnerschaften. Homosexuelle Paare haben das Recht, durch dieses Gesetz geschützt zu werden", sagte der Pontifex in der Dokumentation. Adressat dieser Forderung scheinen in erster Linie die Gesetzgeber.  Und tatsächlich: In vielen Staaten Afrikas, Asiens und des Nahen Ostens werden gleichgeschlechtliche Paare nicht anerkannt, im Gegenteil: Homosexuelle Handlungen stehen oft unter Strafe.

Nicht alle stimmen mit Franziskus überein

Doch mit seiner Forderung nach mehr Rechtssicherheit für Homo-Partnerschaften wendet sich der Pontifex indirekt auch an die Katholikinnen und Katholiken, die praktizierte Homosexualität immer noch für eine schwere Sünde halten. Bischöfe, die dieser Auffassung sind, gibt es nicht nur Afrika oder Asiens, sondern auch in Polen oder den USA. Von dort meldet sich auch prompt Bischof Thomas Tobin: Die Aussage des Papstes stehe "in klarem Widerspruch zu der seit langem bestehenden Lehre der Kirche." Franziskus muss noch viel Überzeugungsarbeit leisten, um mittelalterlich anmutende Vorstellungen von Sexualität, Keuschheit und moralisch  korrekter Lebensführung zu überwinden.

Schluss mit der Heimlichtuerei

Die Kirchen – ich sage das bewusst im Plural – haben durch Verdammung, Ausgrenzung und Ignoranz viele homosexuelle Menschen zutiefst verletzt. Und Schuld auf sich geladen. Das Gift wirkt noch immer. Und die Theologie hat zu lange gebraucht, um festzustellen, dass Menschen die füreinander Verantwortung übernehmen, keine schwere Sünde begehen, sondern Nächstenliebe praktizieren. Das müsste in einem Katechismus stehen. Und wer das anerkennt, so wie das nun offenbar der Papst tut, der kann doch nicht mehr behaupten, dass die in diesen Beziehungen gelebte Sexualität sündhaft ist.

Auch in der katholischen Kirche in Deutschland wurden und werden diese Diskussionen mit großer Leidenschaft geführt. Auch hier gilt es immer noch als kleiner Skandal, wenn, so wie neulich in München geschehen, ein Pfarrer ein homosexuelles Paar in einem Gottesdienst segnet. In diesem Fall den Schlagersänger Patrick Lindner und seinen Ehemann. Solche Segensgottesdienste finden normalerweise nur hinter verschlossenen Türen statt. Als müsse man sich dafür schämen. Schluss mit der Heimlichtuerei! Auch auf homosexuellen Paaren liegt der Segen Gottes. Das sollte der Papst verkünden, und zwar nicht nebenbei in einem Dokumentarfilm, sondern allgemeinverbindlich in einem Dokument.