Fotoband "Eigenwillige Eigenheime" Brauchen wir mehr Bausünden?

Sind sie stumme Zeugen des Kampfes gegen Uniformität? Oder je zu einem Drittel schön, hässlich und peinlich? Hier gibt es Bilder von einem Deutschland, das den Eigensinn lebt.

Von: Andreas Krieger

Stand: 10.02.2021 | Archiv

Motiv aus dem Bildband "Eigenwillige Eigenheime" von Turit Fröbe | Bild: Turit Fröbe / Dumont

Noch häufiger als Nachbarschaftshilfe ist das Lästern über die Leute nebenan – vor allem, wenn sie ästhetische Wagnisse eingehen, wenn auch nicht immer ganz gewollte. Die Urbanistin Turit Fröbe: "Man erhöht sich selbst auch ein bisschen daran, dass man das, was die Nachbarn machen, hässlich findet. Es sind immer nur die anderen, die die Bausünden bauen, man selbst nie. Niemand baut absichtlich etwas Schreckliches, sondern eigentlich machen es die Leute sich schön."

Turit Fröbe fotografiert seit 20 Jahren "Eigenwillige Eigenheime". Schon ihr Bildband "Die Kunst der Bausünde" war ein Beststeller. Für Fröbe stellt die vermeintliche Bausünde auch ein Aufbäumen des Individualismus gegen die konforme Welt der Wohnblock-Industrie dar: "Die allermeisten eigenwilligen Eigenheime tragen eine Message in den Außenraum." Und signalisierten zum Beispiel, dass sie lieber in der Toskana stünden, so Fröbe. Damit zeigt ein Haus für die Beobachterin Fröbe "natürlich auch seine Weltläufigkeit, ruft die Toskana auf. Und die ganze Kultur, die dahinter steht: Florenz und der Humanismus."

Dieser Drang zur ganz großen Bedeutung scheitert allerdings schnell mal an den Besitzern der anderen Grundstückhälfte: Turit Fröbe: "Schizo-Häuser nenne ich diese Doppelhäuser mit den zwei Gesichtern, also bei denen die eine Haushälfte sagt 'Kuck nur mich an und nicht den Nachbarn!'. Also ist der Nachbarschaftstwist sichtbar quasi an der Fassade." Dann sei die eine Haushälfte definitiv lieber eine Villa gewesen – und dass man sich auf nichts habe einigen können, lasse sich manchmal schon an den unterschiedlichen Gesimsbandhöhen erkennen: "Dass dann der andere Nachbar sagt: 'Nein, ich setze aber mein Gesimsband zehn Zentimeter niedriger!'"

Der Blick der Fotografin hat sich mit dem Projekt verändert. Ihr ist der Gegenstand näher gekommen: "In dem Moment, wo man hinkuckt und sich damit beschäftigt und nicht gleich wertet und nicht gleich alles in die Schublade schmeißt, da wird es tatsächlich schöner."