Potemkin'sche Siegesparade in Moskau Putin vergewaltigt die Geschichte

Russland feierte mit einer großen Militärparadade seinen Sieg über Nazi-Deutschland. Mitten im Krieg gegen die Ukraine. In seiner Rede inszenierte sich Putin als Retter des Landes – das lässt Schlimmstes erwarten. Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 11.05.2022 | Archiv

Vorbereitungen zur Siegesparade am "Tag des Sieges" über Nazi-Deutschland in Moskau | Bild: Sergei Karpukhin/TASS/dpa/picture alliance

In Moskau hängen Plakate mit der Aufschrift "1941-2022". Auf den Großen Vaterländischen Krieg folgt – so offenbar die Botschaft – ein weiterer großer Schlag gegen den Faschismus. Denn am Ende vieler Rückschläge kann nur eines stehen: ein endgültiger Sieg. Angesichts der momentanen Lage in der Ukraine kann das kaum noch Zweckoptimismus genannt werden. Schwerer wiegt bei dieser Rückschau jedoch etwas anderes: Der Zweite Weltkrieg begann für die Sowjetunion am 17. September 1939. Damals überfiel die Rote Armee Polen – das Ergebnis des Hitler-Stalin-Pakts, in dem beide Diktatoren ihre Interessengebiete absteckten. Putin hat diesen Pakt in einem Aufsatz verteidigt. Und sich damit als Anhänger der stalinistischen Großmachtpolitik geoutet.

Die Sowjetunion war nicht nur ein Opfer

Die Sowjetunion war ab 1941 ein Opfer der Aggression Hitlers. 1939 aber half Stalin ihm bei seinem Angriff auf Polen. Das Plakat "1941-2002" lügt. Es übernimmt die Rechtfertigungen, die nach 1941 entwickelt wurden, um Stalins krasse Fehleinschätzung seines Gegenspielers zu legitimieren. In der "Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss ist das nachzulesen: Hier verteidigen gläubige Kommunisten Stalin, der alles getan habe, um der Sowjetunion einen Sicherheitspuffer und Zeit zu verschaffen. Die Wahrheit ist eine andere: Stalin hat eine effiziente Verteidigung verhindert, weil er noch tagelang den Vormarsch der Wehrmacht für einen Fake hielt – einem Paranoiker ist mit Fakten schwer beizukommen. Es stimmt: Stalin hatte sich tatsächlich auf einen Krieg vorbereitet – die Rote Armee war zahlenmäßig den Angreifern weit überlegen, nicht nur an Soldaten, sondern auch an Panzern. Aber Stalin hatte durch seine Säuberungen 1937 die Armeeführung enthauptet, hunderte von Offizieren fielen seinem Terror zum Opfer. Selbstständiges Handeln war unter dem "Generalissimus" lebensgefährlich.

"Die Verteidigung des Mutterlandes war schon immer heilig"

Stalin verbot jeden Rückzug selbst in aussichtsloser Lage. Seine Generäle trieb er dazu an, Taktiken, die schon im 19. Jahrhundert veraltet waren, fortzusetzen: Mit großer Mannstärke in einem Frontalangriff gegen die feindlichen Stellungen anzurennen. In der Folge waren die Verlustzahlen der Roten Armee immens: Über 22 Millionen Rotarmisten sollen gefallen sein. Der russische Historiker Boris Sokolow hat errechnet, dass damit die Verlustzahlen 11:1 betragen, auf jeden gefallenen deutschen Soldaten kamen 11 sowjetische. Wer will da von einem Sieg sprechen? Wäre nicht Blutbad das treffendere Wort?

"Die Gefahr der Nostalgie besteht darin, dass sie dazu neigt, ein reales Zuhause mit einem imaginären zu verwechseln. In extremen Formen kann sie eine Phantomheimat schaffen, für die ein Mensch sogar bereit ist zu sterben und zu töten. Unreflektierte Nostalgie gebiert Monster."

Autorin Swetlana Boym in: Die Zukunft der Nostalgie

Während der kurzen Glasnost-Periode erfuhren die Sowjetbürger endlich davon, dass ihr Sieg teuer erkauft war. Doch dieses Wissen droht verloren zu gehen. Weder Stalins Rückendeckung Hitlers beim Überfall auf Polen noch dessen fatalen militärischen Fehler kommen heute, am Tag des Sieges, zu Wort. "Wir sind stolz auf die unbesiegte, tapfere Generation von Siegern," so feiert Putin den Heroismus der Soldaten. "Die Verteidigung des Mutterlandes, wenn über sein Schicksal entschieden wurde, war schon immer heilig." Die Streitkräfte kämpften "für das Vaterland. Dafür, dass niemand die Lehren des Zweiten Weltkriegs vergisst".

Putin aber ist es, der die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg vergessen machen will. Sein Appell an den Heroismus soll alles überdeckt: alles Leid, alle Toten, alle Verbrechen. Das lässt einen erschauern. Grosny war nach dem zweiten Tschetschenienkrieg eine Ruine. Gewonnen wurde er mit Terror gegen die Zivilbevölkerung und mit dem Leben der eigenen Soldaten, die schlecht ausgerüstet und mangelhaft versorgt in die Schlacht geschickt wurden. All das scheint für Putin keine Rolle zu spielen. Die wirren (oder doch antisemitischen?) Aussagen von Lawrow über den "Juden" Hitler zeigen, wie der engste Machtkreis sich nicht einmal mehr Mühe zu geben scheint, die eigenen Lügen vom Kampf gegen den Nazismus mit Realität zu unterfüttern. Russland zeigt auf der Parade neueste Waffen und strahlende Einheiten. Offenbar sind die Machthaber auf ihre eigene Propaganda hereingefallen: Sie glauben dieser potemkinschen Fassade. Und haben ihre Truppen miserabel vorbereitet die Grenzen zur Ukraine übertreten lassen.

Putins Menschverachtung, die sich mit Paraden schmückt

Bezahlen wird das nicht nur die Ukraine, sondern das tun auch viele russische Soldaten. Russland veröffentlicht keine oder keine glaubwürdigen Verlustzahlen. Warum auch? Siegesmeldungen und Heroismus genügen, um daraus Propagandafloskeln und Fernsehbilder zu generieren. Wir sehen Menschverachtung, die sich mit großen Gefühlen und schönen Paraden schmückt. Klingt nach Faschismus, sieht wie Faschismus aus. Putin vergewaltigt die Geschichte. Alles hat seinem Machterhalt zu dienen, Menschen wie Fakten. Das erklärt, wie es zu den Ausplünderungen und Massakern kommen konnte. Die Täter glauben, sie seien Befreier – und sehen im Widerstand nazistische Banden am Werk. In der Novaja Gazeta Europe nennt die Journalistin Julia Latynina Putin einen "zweiten Stalin". Das ist eine Übertreibung. Mit leider mehr als nur einem Körnchen Wahrheit. Seine Rede beendete Putin mit den Worten: "Ehre sei unseren tapferen Streitkräften! Für Russland! Für den Sieg!" Der Ukraine und Russland stehen harte Zeiten bevor.