Meinung Wieso Solidarität allein nicht reicht

Gerade wird überall die Solidarität beschworen. Dabei hilft die Anrufung des großen "Wir" der Gesellschaft nur bedingt. Denn sie grenzt auch aus – und verdeckt tatsächliche Konflikte, die wir besser lösen sollten. Ein Kommentar.

Von: Thomas Kretschmer

Stand: 03.12.2020 | Archiv

Mitarbeiter in einem Buerogebaeude klatschen aus Solidarität für die Menschen die in Spitälern, Praxen und Apotheken im Kampf gegen das Coronavirus arbeiten, am Freitag, 20. Maerz 2020 in Bern. | Bild: picture alliance/ Keystone/ Peter Klaunzer

Sie ist wieder zurück, in den Pressekonferenzen und Appellen der Politikerinnen: die Forderung nach Solidarität. Seit Mitte März zählt sie zu den wichtigsten Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie. Und das aus guten Gründen: Solidarität beruht auf Mitgefühl und Empathie. Und die sind nach den medialen und individuellen Erfahrungen der neuartigen Virus-Krankheit in großer Fülle vorhanden. Das zentrale Merkmal der Solidarität in der Corona-Zeit ist der soziale Zusammenhalt, sagt Vincent August, Soziologe und Politikwissenschaftler an der Humboldt-Universität in Berlin. Denn Solidarität ist eine Form von Zusammenhalt, die zwei Dinge verbindet: "Auf der einen Seite beruft sie sich auf ein Mitgefühl und aktiviert so ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Aus diesem Zusammengehörigkeitsgefühl, das ist der zweite Aspekt, leitet Solidarität dann eine moralische Pflicht ab gegenüber dieser Gemeinschaft. Man ändert also sein Verhalten und es ändert sich womöglich auch die Verteilung von Anerkennung, Geld u. ä. durch dieses Mitgefühl."

"Bei allen Appellen an Solidarität können wir gar nicht so genau sagen, was dann das Verhalten tatsächlich motiviert."

Soziologe Vincent August

Ein solidarischer Mensch erwartet sich etwas für sein solidarisches Verhalten – und darf das auch. Und erwartet Solidarität vor allem auch von allen anderen, denn sie funktioniert nur, wenn alle Mitglieder einer solidarischen Gemeinschaft nach den vereinbarten Regeln handeln. Wenn nur eine kleine Minderheit Abstand hält und Hände wäscht, dann kann sie es auch gleich sein lassen. Eine weitere Voraussetzung für Solidarität ist die emotionale Verbundenheit derer, die solidarisch handeln. Vincent August bewzeifelt deshalb auch, ob wir derzeit aus reiner Solidarität solidarisch handeln: "Bei allen Appellen an Solidarität können wir gar nicht so genau sagen, was dann das Verhalten tatsächlich motiviert. Man könnte ja auch eine alternative Hypothese aufstellen und sagen: es handelt sich um Nutzenmaximierung: Leute haben Angst sich anzustecken und bleiben deshalb zuhause. Aber dadurch lässt sich nicht erklären, so Dinge wie Nachbarschaftshilfen, Klatschen auf den Balkonen oder auch Gabenzäune. Das deutet daraufhin, dass wir ein Mehr an Solidarität erleben als wir das üblicherweise in unserer Gesellschaft beobachten können."

Solidarität schließt auch aus

Einerseits ein erfreulicher Befund: Die Solidarität in unserer Gesellschaft hat zugenommen. Andererseits lässt sich an diesem Befund ein grundlegendes Problem am Konzept der Solidarität zeigen. Sie ist nicht universell. Denn solidarisch sind Menschen, die emotional verbunden sind, also eine Gruppe bilden. Und deshalb notwendigerweise andere Menschen ausschließen. Weshalb wir es seit März mit zwei ganz unterschiedlichen Arten von Solidarität zu tun haben: Auf der einen Seite die Solidarität in Familien und Freundeskreisen, in denen sich je nach gerade geltenden Kontaktbeschränkungen fünf oder zehn Menschen zusammenfinden – aber andere schon qua Verordnung ausschließen. Die Folge: kein Schulfest mehr und kein Fußballtraining, keine Bürgerversammlung und kein Konzert. Auf diese Weise gehen Verbindungen verloren; Verbindungen zwischen unterschiedlichen Milieus und Stadtvierteln; Verbindungen, die schon vor der Pandemie brüchiger geworden sind.

Solidarität der bundesdeutschen Gesellschaft: Obdachloser an einem "Zaun der Solidarität"

Daneben steht die große, aber abstrakte Solidarität mit dem noch näher zu untersuchenden "Wir". Diese abstrakte Solidarität aus Gehweg-Slalom, Mund-Nasenschutz, Hustenregeln und Eiertanz am Kühlregal. Wen umfasst sie? Für wen handeln wir so? Wie schon erwähnt, eine universale, alle umfassende Solidarität kann es nicht geben. Wen also schließt das "Wir" aus, von dem Markus Söder, Angela Merkel oder Frank-Walter Steinmeier sprechen? Denn auch für ein europäisches "Wir" reicht es in diesen Zeiten nicht. Viel eher ist dieses "Wir" definiert durch die Grenzen Deutschlands – oder präziser die Grenzen der bundesdeutschen Gesellschaft. Ganz unverhohlen ausgeschlossen sind etwa all jene Flüchtlinge auf den griechischen Inseln oder den Booten irgendwo im Mittelmeer. Auch die Erntehelferinnen und Schlachter, die für den systemrelevanten Nachschub an Halsgrat und Essiggurken sorgen, zählen nicht dazu. Sonst hätten "wir" sie ja einfach besser unterbringen können, um im Sommer schon Infektionsketten zu unterbrechen.

Solidarität reicht nicht aus

Bis heute leben gerade in Bayern hunderte von Geflüchteten in Sammelunterkünften. Dort sind Abstand und social distancing aufgrund der Platzverhältnisse unmöglich. Gleichzeitig stehen Jugendherbergen und Pensionen seit Wochen wieder leer. Man könnte also Steuergeld in die Hand nehmen, die Geflüchteten dort unterbringen, so den Hoteliers helfen und außerdem vermutlich auch die Zahl der Infektionen reduzieren. Aber da diese Menschen allem Anschein nach nicht zum "Wir" gehören, führen "wir" diese Diskussion nicht. Die Solidarität, zu der wir nun aufgerufen sind, ist eine Solidarität auf Distanz – und insofern eigentlich ein Widerspruch in sich. Deshalb fällt es manchen auch schwer, diese Solidarität zu zeigen. Was noch einigermaßen nachvollziehbar ist.

Das gilt für die Corona-Leugner und Impfgegner allerdings nicht mehr. Wider alle Vernunft das Tragen einer Maske abzulehnen, alle soziale Verantwortung von sich zu weisen – das kann man am ehesten aus der egoistischen Interessenslage dieser Menschen erklären: Auf nichts verzichten zu wollen, nichts abgeben zu wollen, eben nicht solidarisch zu sein. Prominente Idole haben diese Leute, Trump, Orban, Bolsonaro. Die alle drei den Anspruch verkörpern: Warum soll gerade ich solidarisch sein, wo ich doch darauf getrimmt bin, von anderen nichts zu erwarten?

"Diese Konflikte sind selbst wiederum Konflikte zwischen verschiedenen solidarischen Gruppen, so dass man sich wohl stärker darauf vorbereiten muss, dass die zukünftige Gesellschaft eine sein wird, in der Konflikte stärker ausgeprägt sind."

Soziologe Vincent August

Der Berliner Soziologe Vincent August benennt solche Gräben in der und durch die Gesellschaft, die auch in Zeiten der pandemischen Solidarität nicht einfach verschwinden: "Die Erosion führt dazu, dass Konfliktlinien, die an den Rand gedrängt waren, jetzt wieder stärker im Zentrum stehen, sowohl mit Blick auf Corona, Beispiel Masken, aber auch mit Blick auf andere Problemlagen wie Klimawandel und ähnliches. Und diese Konflikte sind selbst wiederum Konflikte zwischen verschiedenen solidarischen Gruppen, so dass man sich wohl stärker darauf vorbereiten muss, dass die zukünftige Gesellschaft eine sein wird, in der Konflikte stärker ausgeprägt sind, und man darauf eine Antwort finden müsste – für die Solidarität einen Beitrag leisten kann, aber nicht ausreicht."

Solidarität kann auch gefährlich werden

Ja, Solidarität ist ein wunderbares Prinzip, aber: Sie hat Grenzen. Und: Solidarität kann auch gefährlich werden, sie hat ihre Schattenseiten. Sie kann Menschen zur Denunziation und zur Ausgrenzung anstiften. Hinzu kommt, dass wir es in Zukunft wohl vermehrt zu tun bekommen werden mit verschiedenen Gemeinschaften, die zwar in sich solidarisch sind, aber untereinander in Konflikt stehen. Kaum vorstellbar, dass die funktional ausdifferenzierte Gesellschaft auf Dauer von einer großen Decke der Solidarität warmgehalten wird. Die Gesellschaft ist ja nicht nur ausdifferenziert, sondern auch in vielen Dimensionen gespalten – was Konflikte birgt.

"In diesen Konflikten geht es dann um Verteilungs- und Werteprobleme," so Vincent August, "in denen jede Seite Solidarität fordert, was aber sachlich eine Lösung erschwert und auch den Zusammenhalt schwieriger macht. Das große Versprechen einer solidarischen Gesellschaft wird also vermutlich nicht ausreichen, sondern wir müssen eher darüber nachdenken, wie eine neue Konfliktkultur aussehen könnte: Wie können wir mit denen zusammen leben, die andere Werte und Lebensauffassungen haben? Wie müssen wir Konflikte austragen? Welche Institutionen können für solche Konflikte gefunden werden? Also z. B. Bürgerräte, wo dann auch die Pluralität von Auffassungen erfahren werden kann und Kompromisse ausgehandelt werden müssen."

Rein in die Konflikte!

Also weg mit der zu kurzen Decke namens Solidarität, rein in die Konflikte? Vielleicht ist das tatsächlich eine Möglichkeit, denn wer Konflikte durch Verhandlungen und Interessensausgleich löst, der kann auch zur Integration einer Gesellschaft beitragen. Auch daraus kann sozialer Zusammenhalt entstehen. Die Vergangenheit hat das ja bewiesen, von den Tarifauseinandersetzungen bis zu allen bisher erreichten Formen der Gleichstellung und Emanzipation. Solidarität ist nur eine Möglichkeit, um sozialen Zusammenhalt herzustellen. Eine Möglichkeit mit engen Grenzen.

"Demokratien bekommen Probleme, wenn die soziale Ungleichheit zu stark wird."

Soziologe Vincent August

Gerade die Bürgerinnen und Bürger mit den geringsten Einkommen sind in den Monaten der Pandemie die Verlierer. Dagegen hilft keine wohlfeile AHA-Solidarität. Die Hilfen des Staates sind bei diesen Menschen bisher nicht angekommen. "Was wir aus der analytisch-soziologischen Perspektive sagen können," erzählt Vincent August, "ist, dass etwa soziale Ungleichheit in den letzten Jahren und Jahrzehnten drastisch gestiegen ist und dass erfahrungsgemäß soziale Ungleichheit mit Demokratie nur zu einem gewissen Grad kompatibel ist. Demokratien bekommen Probleme, wenn die soziale Ungleichheit zu stark wird. Zweitens: Verteilungs- und Wertekonflikte werden zunehmen, und das wird auf lange Sicht auch stehende Privilegien zur Disposition stellen. Und das sind tatsächlich Fragen, auf die wir als gesellschaftlich und politisch Handelnde eine Antwort finden müssen."