Corona-Tagebuch Virus der Angst

Die Infektion verlief bei unserem Autor glimpflich. Aber das wusste er nicht – wie auch sonst niemand, der mit dem Corona-Virus infiziert ist. Ein Bericht über Tage der Angst und die wachsende Sorge, der Verlauf könne sich doch noch verschlimmern.

Von: Martin Zeyn

Stand: 05.01.2021 | Archiv

Grafik Corona-Virus | Bild: Bayerischer Rundfunk 2020

Am Anfang war ich zuversichtlich. Gegen Ende empfand ich meinen Glauben, mit dieser Krankheit schnell durch zu sein, als großmäulig. Am ersten Tag mit Symptomen – leicht erhöhte Temperatur, ein trockener Husten – war ich fest davon überzeugt, nach einer Woche wäre ich damit durch. Und überredete sogar meine Hausärztin, mich nicht länger krankzuschreiben. Später habe ich mich dafür bei ihr entschuldigt. Der erste Lernschritt: Selbst eine glimpfliche Infektion zieht sich.

Keine kleine Grippe

Die ersten Tage glaubte ich, Glück gehabt zu haben. Das hatte ich auch, denn nie bestand die Gefahr, ins Krankenhaus zu müssen. Der Husten wurde stärker, aber nie empfand ich etwas wie Atembeschwerden. Nur gab es einen elementaren Unterschied: meine Angst. Nie zuvor, bei keiner anderen Erkrankung, hat mich jeder Hustenreiz so verunsichert. Ist das jetzt noch ein normaler Husten oder doch schon die Lungenentzündung, die mich ans Beatmungsgerät fesseln wird? Nein, es ist immer noch ein normaler Husten, sagte ich mir. Genauer: Versuchte ich mich zu beruhigen. Weil ich Panik nicht gerade für hilfreich hielt, was die Unterstützung der Selbstheilungskräfte anging.

Nein, ich glaube nicht, dass ich zur Hypochondrie neige. Allerdings war das auch die erste Krankheit, bei der ich morgens im Radio über die aktuellen Todeszahlen von Infizierten informiert wurde. Doch ich habe jeden Morgen erst einmal B5 aktuell gehört: Denn nicht zu wissen, wie es um den Kampf gegen die Krankheit steht, fand ich viel schlimmer, als von den neuen anwachsenden Infektionszahlen zu hören.

Jeden Tag mehr Angst

Erst wird es schlimmer, dann wird es besser. So habe ich bisher Erkältungen und Grippeerkrankungen erlebt. Nach einer Woche Corona war ich ausgelaugt, wie ich es nie zuvor erlebt habe. Die Symptome verschlimmerten sich nicht – also muss ich nicht ins Krankenhaus, so beruhigte ich mich. Aber mein Zustand verbesserte sich auch nicht. Im Gegenteil: Ich schlief sehr, sehr schlecht (Pardon, die Verdoppelung braucht es hier unbedingt), träumte abscheulich intensiv und wachte jeden Morgen schweißnass und erschöpft auf. Und nach einer Woche strammen Liegens, ohne dass das irgendeinen Erfolg mit sich brachte, gingen mir langsam die Argumente aus, wie ich meine Panik beruhigen konnte.

Nach zehn Tagen, mittlerweile hatte ich meinen Geruchssinn komplett verloren (Ingwertee mit frischer Zitrone schmeckte wie pures Wasser – ich habe selten so etwas Frustrierendes erlebt), begann ich zu glauben, vielleicht doch zu den Fällen zu gehören, bei denen der harmlose Auftakt nur ein Vorspiel für etwas Schlimmeres sein würde. Absurderweise teilte mir da das Gesundheitsamt schriftlich mit, dass in zwei Tagen meine Quarantäne zu Ende sein würde.

Aber dann die Überraschung. Es war gar nicht absurd. Am ersten Tag nach der verordneten Quarantäne wachte ich erholt auf. Aber ich blieb misstrauisch. Der Virus hatte mich zehn Tage lang immer wieder in die Vertikale gezwungen. Und ich hatte Angst, echte Angst, jemanden anzustecken. Weil selbst dieser glimpfliche Verlauf (in ruhigen Momenten hielt ich dieses Adjektiv für angemessen) eine hohe physische wie psychische Belastung darstellte, die ich keinem Mitmenschen wünschte. Ich blieb zuhause. Aber es ging mir deutlich besser. Und an Tag drei nach dem Fieber ging ich Brötchen holen. Ein paar Schritte und einer der großen Momente von Erleichterung in meinem Leben.

Nervöse Kontrolle des Gesundheitszustands

Nach zwei Wochen fühlte ich mich halbwegs wieder gesund. Ich probierte einen kurzen Artikel zu schreiben – und war froh, dass ich in vernünftiger Zeit etwas zustande bekam (Nein, mein bester Artikel war das bestimmt nicht, aber darum ging es gerade nicht). Der große Unterschied zu allen meinen Erkrankungen zuvor ist die permanente Selbstkontrolle, ob die Krankheit nicht doch noch in einem hockt. Ist das eine normale Erschöpfung oder doch das Fatigue-Syndrom? Huste ich bloß Schleim hoch oder hat das Virus meine Lunge erreicht? Ist das jetzt eine echte Verbesserung oder doch nur ein untypischer Verlauf, bei dem die gravierenden Spätfolgen noch Wochen später auftreten?

Ja, ich bin ein nervöser Patient, der eigentlich hofft/glaubt/überzeugt ist, ein Ex-Patient zu sein. Was hilft – aber es hilft nicht immer. Dies sind unscheinbare, kaum beweisbare, aber für mich zutiefst realistische Nebenwirkungen: eine tiefe Verunsicherung und ein Misstrauen gegen den eigenen Körper. Nach vier Wochen und den ersten zwei Arbeitstagen kann ich mit Überzeugung sagen: Es war ein glimpflicher Verlauf. Aber diese Krankheit ist nicht harmlos. Sie belastet jeden Infizierten (die das leugnen, sollen die Kapitel über Verdrängung bei Freud nachlesen). Ich kann nur allen empfehlen, sich impfen zu lassen. Selbst wenn Du/Sie nicht zur Risikogruppe gehören – dieses Virus will niemand. Nicht einmal bei einem glimpflichen Verlauf. Und ja, alle gesellschaftlichen Anstrengungen, die Verbreitung einzudämmen, sind angemessen!