Meinung Warum die Vier-Tage-Woche eine große Chance ist

Bald könnte es offiziell werden: mehr Freizeit! Aber ist das Modell der Vier-Tage-Woche wirklich jedem zuträglich?

Von: Barbara Knopf

Stand: 20.08.2020 | Archiv

Charlie Chaplin in einer Szene aus dem Film "Moderne Zeiten" aus dem Jahr 1936 | Bild: picture-alliance/dpa

Was für eine Chance! Vier Tage Arbeiten, und am fünften Tag solltest Du nachdenken. Oder mit den Kindern spielen, die alten Eltern versorgen, für andere da sein, Freunde, den Partner. Die Zeit ist nicht mehr verpackt und eingeschweißt in kleine Funktionseinheiten, sondern ein weites Land voller Freiheit, auch zum Träumen. Früher etwas pragmatischer Hobbies genannt. Wofür man in einen extra dafür eingerichteten Hobbykeller hinabstieg, als müsste man sich schämen, mal nur für sich zu sein und nichts schaffen zu müssen.

Jetzt könnte es offiziell werden: Ein bisschen mehr Muße! Endlich zu sich selbst zu kommen! Aber: Ist man da eigentlich gern, bei sich selbst? Und was macht man da? Im Morgentau durch die Isarauen springen? Oder gegen die Wand fahren? Arbeit gibt Sinn und Struktur, in der fließenden freien Zeit kann man sich verlieren. Für manche der Himmel auf Erden, für andere der Horror der Leere. Eine Neustrukturierung unserer Zeiteinteilung wäre in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung, ökonomisch, ideologisch, psychologisch. Aber notwendig.

Moderne Zeiten, 2020-Edit

Denn es schwelt schon lange das Bewusstsein, dass die Arbeitswelt so, wie sie ist, nicht mehr funktioniert: Man ist unabkömmlich für viel Geld oder hat zu viele Jobs für zu wenig, ist ausgebrannt oder arbeitslos oder beides, und immer gehetzt. Zum Wohle von wem eigentlich? In der entfesselten neoliberalen globalen Wirtschaftsmaschinerie geht es uns im 21. Jahrhundert auch nicht anders als Charlie Chaplin in seinem Film "Moderne Zeiten": Das System schleift uns mit. Etwas arbeitet jenseits unseres Verständnisses und Einflussbereichs, verschiebt sich unaufhörlich in der Tektonik der DAX-Landschaften und Investment-Kontinente. Der arbeitende Mensch ist ein kleiner Punkt inmitten mächtiger ökonomischer Dynamiken.

Aber nun fordern die Linke und Gewerkschaften, und Trittbrettfahrer grummeln Zustimmung, Stopp! Her mit der Vier-Tage-Woche. Vermutlich nicht bei vollem Lohnausgleich, aber zum Beispiel: 20 Prozent weniger Arbeit, 10 Prozent weniger Lohn. Hört sich gut an – je mehr man halt eh schon verdient. In den unteren Rängen könnte es knapp werden.

Früher nannte man das Solidarität

"Zeit statt Geld" hieß immer mal wieder die Devise, wenn die Arbeitswelt in den Krisenmodus rutscht:  Damit nicht alle ihre Arbeit verlieren, verlieren alle ein bisschen Gehalt. Solidarität nannte sich das. Dass es als Prinzip wieder aus dem verstaubten Köcher gezogen wird, ist eine Antwort auf Corona-Kurzarbeit und absehbare Unternehmenspleiten. Genau wie das nun wieder diskutierte bedingungslose Grundeinkommen. Schließlich braucht man alternative Bezahlmodelle, wenn die Arbeit ohne Arbeiter auskommt, der nun in der Hängematte liegen kann, während der Roboter schraubt und denkt, ohne Pause oder Betriebsrat. Er läuft 24/7. Der Konsum soll ja weiter gehen, das Wirtschaftswachstum, die Produktion. Muss es das wirklich?

Denn: Wieviele Wimpernschläge der Erdgeschichte sind wir vom Kollaps noch entfernt? Und kann eine Vier-Tage-Woche daran schon etwas ändern? Vielleicht insofern, dass der Hamster, solange er läuft, auch unfähig ist sein Mobilitätsproblem zu erkennen. Man könnte mal Atem schöpfen, rasten im Rastlosen und dann den neuen Fragen beim zaghaften Entstehen zuhören: Müssten nicht auch Roboter besteuert werden? Und könnte davon das bedingungslose Grundeinkommen bezahlt werden? Interessant auch ein Gedanke der ehemaligen Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev: Warum bezahlen die reichen Industrienationen nicht für den Sauerstoff aus den Wäldern Afrikas und Brasiliens wie für Erdöl? Warum überhaupt, könnte man hinzufügen und einfach mal zum wiederholten Male denken, machen wir Geld zum Richtwert unserer Ziele? Alles steht zur Diskussion: Klima, Ernährung, Arbeit.

NDW: Neues deutsches Wirtschaften

All das kann die Vier-Tage-Woche natürlich nicht leisten. Aber sie könnte als starkes Symbol für ein erstes Umdenken stehen. Ein Funke, der vielleicht einen Prozess auslöst hin zu einem ganz neuen Wirtschaften. Große Veränderungen entwickeln sich manchmal beiläufig: Wie fing gleich nochmal die Digitalisierung an, die alle Arbeits- und Lebensprozesse in kürzester Zeit auf den Kopf gestellt hat?

Vor ungefähr 3,8 Milliarden Jahren, sagen Evolutionsforscher, wurde aus unserer steinstarren wüsten Erde ein grüner Planet. Es war eine winzige Blaualge, die plötzlich in die Lage kam, die Photosynthese zu entwickeln. Man weiß nicht, was gerade auf den einen guten Moment lauert, wieder eine solidarische, verantwortungsvolle, maßvolle Welt entstehen zu lassen. Mutationen können sich zu jeder Zeit, in jeder Lebenswelt ereignen.