#AlarmstufeRot Ist die Veranstaltungsbranche noch zu retten?

Kulturschaffende und -betriebe stehen vor dem Ruin. Die Leute wollen, aber dürfen nicht arbeiten: "Alarmstufe rot"? Erhard Grundl, kulturpolitischer Sprecher der Grünen, über seinen 10-Punkte-Plan zur Rettung der Szene.

Von: Matthias Hacker

Stand: 28.10.2020 | Archiv

Demonstration zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft vom Aktionsbündnis "Alarmstufe Rot" in Berlin | Bild: Sebastian Gabsch/Geisler-Fotopress/pa

Es herrscht "Alarmstufe Rot": Unter diesem Motto demonstrierten am Mittwoch in Berlin wieder viele Menschen aus der Kultur- und Veranstaltungsbranche, also Musiker*innen, Künstler*innen, Schauspieler*innen, aber auch Tontechniker*innen, Catering-Firmen und viele Bereiche mehr, die mit diesen Bereichen verbunden sind: Das sind laut einer aktuellen Meta-Studie fast eine Million Menschen (Quelle: R.I.F.E.L.) Die Branche musste und muss wohl noch deutlich länger unter den Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie leiden. Der Unmut ist groß. Viele fühlen sich alleingelassen, weil die finanziellen Hilfen nicht ankommen oder ihnen mitgeteilt wurde, sie hätten gar keine Berechtigung für die Hilfen.

Der Bundestagsabgeordnete Erhard Grundl ist kulturpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag und hat seinen Wahlkreis in Niederbayern. Er hat einen 10-Punkte-Plan zur Rettung der Veranstaltungsbranche entwickelt, der als Antrag von ihm und den Grünen diesen Freitag im Bundestag debattiert wird.

Matthias Hacker: Die Band Die Ärzte hat bei ihrem Auftritt in den Tagesthemen klargemacht, dass Corona die Veranstaltungs- und Konzert-Branche mit am härtesten trifft. Es fanden ja wirklich deutlich weniger Konzerte und Kulturveranstaltungen in den letzten Monaten statt. Ich weiß, Sie sind Popkultur- und Rock Fan. Wie geht's Ihnen denn ganz persönlich damit?

Erhard Grundl: Als Konsument natürlich nicht so gut, aber das ist das geringste Problem. Es ist natürlich belastend. Ich wohne in Berlin in einer WG mit jungen Leuten, da ist das ganze Nachtleben zum Erliegen gekommen. Und gleiches gilt mittlerweile für die ganze Republik.

Sie haben jetzt einen 10-Punkte-Plan vorgelegt mit den Grünen. Wieso braucht es diesen Plan Ihrer Meinung nach?

Den 10-Punkte-Plan braucht es, weil die Veranstaltungsbranche die erste war, die zumachen musste. Und nach allem, was wir heute wissen, auch die letzte sein wird, wenn es um das Wiedereröffnen geht. Auf jeden Fall ist der finanzielle Druck groß. Die Maßnahmen der Bundesregierung oder jener in Bayern haben sich als untauglich erwiesen und da haben wir als Grüne in Zusammenarbeit mit der Szene in vielen Gesprächen diesen 10-Punkte-Plan entwickelt.

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder und sein Kunstminister Bernd Sibler haben verkündet, dass man dem Beispiel von Baden-Württemberg folgen werde und einen fiktiven Unternehmer-Lohn in Höhe von 1.200 Euro auch an Solo-Selbständige auszahlen will. Das ist eine Hilfsmaßnahme – und die findet sich auch schon so in Ihrem 10-Punkte-Plan.

Ich glaube, damit kann man den Leuten eine erste Perspektive geben, dass sie beruhigt ins Bett gehen und einschlafen können. Es geht bei vielen schon an die Substanz. Das ist zumindest das, was wir gespiegelt bekommen. Außerdem enthalten ist ein Überbrückungsprogramm für die Veranstaltungsbranche, das beinhaltet, dass man bis zu zwei Prozent des letzten Jahresumsatzes als monatlichen Zuschuss für alle bedrohten Unternehmen festsetzt.

Sieben Monate lang hat man nicht wirklich mit der Branche gesprochen hat. Das muss sich unbedingt ändern, dass die Expertise der Branche gehört wird. Ein weiterer Punkt: Wir müssen die Veranstaltungsorte auch als Kulturorte deklarieren, was sich rechtlich und auch finanziell positiv auswirken würde.

Herbst und Winter sind für die Konzert- und Veranstaltungsbranche eigentlich die Hochsaison. Die bricht wahrscheinlich mit den neuen Beschränkungen weg. Ist es deswegen gerade jetzt allerhöchste Zeit, also "Alarmstufe Rot", dass diese Hilfen jetzt kommen?

Es ist einfach Tatsache, dass durch die Corona-Pandemie die Struktur bedroht ist. Wenn wir die Infrastruktur nicht erhalten können, werden die Kollateralschäden nach der Pandemie um einiges teurer sein. Ich glaube, das ist sehr sinnvoll investiertes Steuergeld. Uns ist bewusst, dass es um Steuergeld geht, aber die ganze Branche hat so viel Wirtschaftskraft, dass man nicht unterschätzen darf, was dabei auch wirtschaftlich auf dem Spiel steht.

Hat man die Kultur- und Veranstaltungsbranche anfangs zu stiefmütterlich behandelt?

Die gesamte Kultur wird schon lange unterschätzt, auch was sie für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedeutet. Das Kulturangebot ist identitätsstiftend und führt viele gesellschaftliche Gruppen zusammen, die sonst nicht viel miteinander zu tun haben. Es sind diese berühmten 100 Milliarden Euro, die jedes Jahr von der Kreativwirtschaft erwirtschaftet werden und einen riesigen Anteil an unserem Bruttosozialprodukt darstellen. Das ist ein bisschen mehr als die Versicherungswirtschaft jedes Jahr erwirtschaftet und ein bisschen unterhalb des Maschinenbau-Sektors. Das muss man sich mal reinziehen, was dahinter für eine wirtschaftliche Relevanz steckt.

Ist es dann egal, ob ihr 10-Punkte-Plan umgesetzt wird oder ob das CDU/CSU übernehmen?

Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass etwas passiert. Auch dass diesen Leuten geholfen wird. Dass das erkannt wird, was das für eine existenzielle Frage für ganz viele Leute ist. Da ist mir eigentlich auch ziemlich egal, wer sich das Etikett dann auf die Fahnen schreibt. Ich glaube, der 10-Punkte-Plan wäre eine super Setliste für die Regierenden. Da stehen zehn sehr gute Sachen drin, die nicht blind Geld raushauen, sondern wirklich fundiert sind. Das muss lieber gestern als heute geschehen, lieber heute als morgen umgesetzt werden.

Viele in der Branche haben ja beklagt, dass es hieß, die Kultur sei nicht systemrelevant. Wie sehen Sie das als kulturpolitischer Sprecher?

Da muss man vorsichtig sein: Systemrelevant ist der Gesundheitsbereich. Ich würde aber sagen, dass der Kulturbereich gesellschaftsrelevant ist. Die Kultur spiegelt die Gesellschaft wieder, sie spiegelt Entwicklungen wider. Sie befördert auch Entwicklungen und fordert die Leute zum Nachdenken auf, zur Reaktion. Und wenn das wegbricht, dann fehlt auch einfach die Lebensfreude.

Hier können Sie das Interview aus dem "Tagesticket – Der Früh-Podcast von Bayern 2" nachhören.