Die Wahl in den USA Die Hausaufgabenliste für Anti-Populisten ist lang

Eines steht fest: Populisten werden ihre Misserfolge nicht angekreidet. Wie gehen wir damit um? Können wir in Deutschland etwas daraus lernen? Was braucht unsere Demokratie, um sich gegen ihre Feinde zu wehren?

Von: Martin Zeyn

Stand: 05.11.2020 | Archiv

Donald Trump Ende Oktober 2020 umgeben von Anhängern | Bild: dpa-Bildfunk

Okay, ich bin kein Demoskop. Also keiner von denen, die mir hinterher erklären, warum sie unrecht hatten. Ich stehe vor den Wahlergebnissen – und weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich verstehe nicht, wie Trump es schaffen konnte, mehr Stimmen aus der schwarzen Community als vor vier Jahren zu bekommen – jemand, der die Black-Lives-Matter-Bewegung entweder ignorierte, oder sie als Plünderer denunzierte. So wenig ich vor vier Jahren verstanden habe, wie nur eine einzige Frau Donald "Grap them by the Pussy" Trump wählen konnte.

Und bitte wieso wird ein Präsident an den Wahlurnen nicht abgestraft, der für 235.000 Tote und momentan 121.000 Corona-Infizierte täglich zumindest mitverantwortlich ist. Ja, ich weiß schon, es gibt so etwas wie kognitive Dissonanz in der Psychologie, aber hey – das ist vielleicht nur eine wissenschaftliche Beschreibung von: Ich weiß auch nicht, warum Menschen etwas machen, dass sie lieber nicht machen sollten.

Ein Riss, so tief wie der Marianengraben

Wieso verstellen sich viele Trumpanhänger*innen, wenn sie befragt werden? Schämen sich Menschen für das, was sie wählen, wenn sie ahnen, einem Populisten aufzusitzen? Bloßer Trotz? Gibt es eine Symbiose zwischen Frustwähler*innen und Populisten? Oder haben viele einfach die Hoffnung aufgegeben? Auf gesellschaftlichen Aufstieg, der in den USA wie in Deutschland immer schwieriger wird? Aber eben auch auf Teilhabe an politischen Prozessen – auch in Deutschland stellen die Volksvertreter*innen keinen repräsentativen Durchschnitt der sozialen Schichten dar. Wo sind die Armen, die Nicht-Akademiker?

Wir müssen dringend besser in Erinnerung rufen, dass Demokratie auf zwei Rechten beruht: dem zu wählen, aber auch dem, gewählt werden zu können. Volksvertreter*innen, die die Sprache der Benachteiligten sprechen, sind ein Bollwerk gegen die Luftschlösser von Populisten, diesseits und jenseits des Atlantiks.

Was ich sehe: Durch die US-Gesellschaft geht ein tiefer Riss. Gut, Berlin-Kreuzberg hat auch wenig mit Altötting gemein. Aber in den Staaten sind die Metapher Riss oder Kluft zu schwach, um zu beschreiben, wie wenig bestimmte Regionen noch verbindet. Weiße Akademiker*innen wählen Biden, weiße Nicht-Akademiker Trump. Informationen geben Halt. Aber geben sie auch Antworten?

Mehr Yes-we-can-Narrative!

Fest steht: Selbst 244 Jahre Demokratie und eine der freiesten Presselandschaften weltweit schützen offenbar wenig vor Menschenfängern. Aber weswegen? Und hier fängt es an, auch für uns in Deutschland interessant zu werden. Gibt es einen Kampf zwischen Somewheres und Anywheres, also Lokalen und Kosmopoliten (Wer es noch nicht weiß, dieses Gegensatzpaar ist das neueste Update von Blut und Boden)? Haben die Latte-Macchiato-Innenstadt-Eliten die einfachen Leute vergessen, die überzuckerte Brausen trinken? Ist eine Demokratie machtlos gegen Populisten? Wollen die Evangelikalen einen alttestamentarischen Gottesstaat – egal um welchen Preis?

Auf all diese Fragen brauchen wir Antworten. Aber vielleicht brauchen wir im Moment etwas ganz anderes dringender? Den Schock. Einen Moment der Verstörung. Damit wir dann wirklich mit offenen Augen nach Erklärungen suchen. Damit wir die Demokratie vor jenen bewahren können, die sie zerstören wollen. Damit ich nie wieder hören muss, wie ein amtierender Präsident die elementare Grundlage jeder demokratischen Wahl in Frage stellt: Jede Stimme zählt!

Es gibt Antworten. Aber wir müssen uns auch die Zeit dafür nehmen. Wir brauchen nicht in zwei Wochen die ersten Sachbücher. Wir brauchen endlich Zeit. Und dann müssen wir ran an die Demokratie. Zeigen wir, dass wir von den Amerikaner*innen lernen können. Es kann nicht sein, dass Menschen die Demokratie als etwas ihnen Fremdes an einem fremden Ort wahrnehmen. Machen wir die Demokratie wieder sexy. Dazu gehört, wie wir seit Antonio Gramsci wissen, auch das Ringen um die kulturelle Oberhoheit, oder wie es heute modisch heißt, um Narrative. Überlassen wir es nicht den Populisten, griffige Slogans zu schaffen. "Mehr Demokratie wagen" – damit trat Willy Brandt an. Da bleibt mir nur zu ergänzen: "Yes, we can!"