Höher, schneller, depressiver Überfordert durch Leistungssport?

Simone Biles und Naomi Osaka machen ihre psychischen Probleme deutlich und weisen auf ein grundsätzliches Problem des Spitzensports hin: Überforderung. Sollten wir uns fragen, ob wir diesen jungen Menschen nicht zu viel zumuten?

Von: Martin Zeyn

Stand: 02.08.2021 | Archiv

 Simone Biles aus den USA wartet auf ihren Auftritt am Sprung während des Finales der Kunstturnerinnen bei den Olympischen Sommerspielen 2020. Die viermalige Rio-Olympiasiegerin hat ihre weiteren Starts in den Turn-Finals bei den Sommerspielen in Tokio abgesagt. | Bild: Gregory Bull/AP/dpa/dpa-Bildfunk

Mitten im Wettkampf, also vor aller Augen, verlässt die US-Turnerin Simone Biles die Halle. Später dann erklärte sie, was vorgefallen war: "Ich muss mich auf meine psychische Gesundheit konzentrieren. Wir müssen Körper und Geist schützen", sagte sie.

Auf Instagram machte sie wenig später deutlich, welch enormer Druck auf ihr lastete: "Es war kein einfacher Tag oder mein Bestes, aber ich bin durchgekommen. Es fühlt sich tatsächlich manchmal so an, als hätte ich die Last der Welt auf meinen Schultern. Ich weiß, ich schüttle das ab und lasse es so aussehen, als würde der Druck keinen Einfluss auf mich haben, aber verdammt, manchmal ist es hart hahaha. Olympia ist kein Witz". Zuvor hatte auch Tennis-Profi Naomi Osaka offen über ihre psychischen Probleme während des Wettkampfs gesprochen – und bekannt gegeben, dass sie an Depressionen leide.

Instagram-Vorschau - es werden keine Daten von Instagram geladen.

simonebiles

 | Bild: simonebiles (via Instagram)

Spitzensportlerinnen und -sportler haben große Teile ihrer Jugend für das Training geopfert. Es geht nicht darum, gut zu sein, sondern darum, besser als all die anderen zu werden. Ihr Körper ist gestählt, aber auch ihr Siegeswille. Zweifel, das, was wir alle immer wieder durchleben, dürfen bei den Wettkämpfen nicht auftreten. Auf chinesische Lernfabriken, die die Kinder ab drei auf die Hochschulprüfung vorbereiten, blicken wir voller Hochmut. Aber bei Sportlerinnen und Sportlern verlangen wir, dass sie immer zu einem bestimmten Zeitpunkt ihre Höchstleistungen abrufen können: wenn es um Medaillen geht.

Phönix aus der Doping-Asche

Und hier sind wir als Zuschauende ein Teil des Problems: Wir beklatschen die Inszenierung von Menschen, die über sich hinauswachsen, die all das, was uns schwach macht, hinter sich lassen. Am perfektesten hat das Lance Armstrong vorgeführt. Was für eine Geschichte: Tour-de-France-Sieger nach einer Krebsbehandlung. Ein Mensch, der anderen zeigt, sie können ihre Krankheit überwinden und selbst danach noch Höchstleistungen vollbringen. Tatsächlich aber war wohl der Krebs eine Folge des Dopings – das Armstrong gnadenlos weiterbetrieb. Und der Radsportverband sah über Messergebnisse hinweg, um seinen besten Werbeträger nicht zu verlieren. Armstrong präsentierte uns das Märchen eines Phönix aus der Asche – in Wahrheit aber war er ein Betrüger.

Das ist nicht das ganze Gesicht des Sports, aber doch ein wesentlicher Teil. Wir wollen Geschichten des Über-Sich-Hinauswachsens. Denn immer und überall überlegen zu sein, ist auch langweilig. Carl Lewis inszenierte sich 1984 ostentativ als überlegener Siegertyp. Er gewann zwar vier Goldmedaillen, aber da das keine Überraschung darstellte, flogen ihm nicht unsere Herzen zu. Es genügt also schon lange nicht mehr zu siegen. Nein, die Olympioniken müssen auch richtig triumphieren: Tränen vergießen, den Eltern danken sowie von Schweiß und Qual erzählen. Ohne ein bisschen Drama kommt der Sport nicht aus.

Wie lang ist das Gedächtnis im Sport?

Das macht den Druck aber nur noch größer. Sportler müssen schöne Bilder UND tolle Geschichten präsentieren. Diese Überforderung öffentlich gemacht zu haben – das rechne ich den beiden Sportlerinnen Simone Biles und Naomi Osaka hoch an. Jetzt ist es an uns, an den Zuschauenden, den Verbänden, aber auch ihren Sponsoren, sie zu unterstützen. Und zwar unabhängig davon, wie ihre Entscheidung ausfällt: ganz gleich, ob sie weitermachen oder aufhören wollen.

Meine Befürchtung jedoch: Das Gedächtnis im Sport ist kurz. Was zählt, ist nur der letzte Wettkampf. Wir sollten aber nicht nur die Gewinner im Kopf behalten, sondern auch die, die den Sport aufgeben mussten, um sich zu schützen. Sonst sind wir kaum besser, als die Römer, die ihre Gladiatoren so lange feierten, wie sie siegreich die Arena verließen. Heute ist das Spektakel weniger blutig, aber ist es wirklich anders?