"Trauma. Der Körper vergisst nicht" So machen Künstlerinnen Traumatisierungen sichtbar

Ob Terrorüberlebende, Protestierende oder Unfallopfer: Traumata, Verletzungen haben wir alle. Problematisch wird's, wenn wir sie verdrängen. Der DG Kunstraum in München zeigt Werke internationaler Künstler, die den Schrecken aufrufen und bannen.

Von: Barbara Knopf

Stand: 09.09.2021

Move 2020 | Bild: Oh Seok Kwon/ VG Bild-Kunst2021

Es ist ein berührender Zufall: Vor wenigen Tagen ist die belarussische Bürgerrechtlerin Maria Kolesnikowa zu 11 Jahren Straflager verurteilt worden. Nun ist sie hier zu sehen, das Gesicht des Widerstands, als Teil einer vor Monaten entstandenen Fotomontage, die über die gesamte Fensterfront vier Szenen des Protests in Belarus zeigt: festgehaltene Schemen am Boden, mit Staatsmacht ausgestattete Körper, verbunden in Gewalt.

Chiffren der Gewalt

Monika Huber: PROTEST_Belarus, 2021, Ausstellungsansicht

"Ich arbeite seit 10 Jahren an einem Archiv mit Protesten auf der ganzen Welt. Seitdem fotografiere ich fast täglich Medienbilder aus Nachrichten von Protesten und den Konsequenzen, das sind im Moment circa 40.000 Arbeiten", sagt Monika Huber. Die Münchner Künstlerin fotografiert Fernsehbilder, schneidet einzelne Momente heraus aus dem Fluss der Nachrichtenbilder. So destilliert sie die Gesten der Brutalität, findet übereinstimmende Strukturen und überarbeitet dann die Aufnahmen künstlerisch. Ihre Fotocollage zu Belarus leuchtet: flammengelb die von Blitzlichtern erhellte Nacht, rot wie Blut die Nelken, in indigoblau getauchte Polizeigewalt.

Wenn man so viele Bilder bearbeitet habe, zeichneten sich bestimmte Kategorien ab, sagt die Künstlerin. "Wie zeigt sich Gewalt, wie sind Körperhaltungen, was ist das Signal? Ich arbeite an den Chiffren der Gewalt, des Widerstands, selten des Sieges."

Behutsam Zugang schaffen zu Traumata

Minjae Lee: Schweigeraum

Das Wort Trauma ist auf den Plakaten und Flyern nicht in deutschen Buchstaben gesetzt, sondern in griechischen: τραῦμα. Benita Meißner, Kuratorin der Ausstellung, erklärt diese Auffälligkeit: "Bei der Annäherung an das Thema Trauma waren die Assoziationen, die das Wort hervorruft so stark, das ich es besser fand das Wort in griechischen Buchstaben wiederzugeben, weil das Wort ja aus dem Griechischen stammt, es heißt eigentlich Wunde. Vielleicht kann man sich besser auf das Thema einlassen, wenn es einem nicht sofort so entgegenschreit."

Tatsächlich sind viele Arbeiten tastend, behutsam. Eine vom Trauma erschütterte innere Welt ist fragil und aus dem Lot wie jene schiefe Holzkonstruktion, der japanischen Künstlerin Fumie Ogura, die nur kippelig auf kleinen Bällen ruht und gehalten wird durch ein Seil, das um einen Felsbrocken geschlungen ist. Absicherung und Ballast in einem, wer trägt nicht solch einen Stein mit sich herum? Ausgelöst durch Familientraumata, sexuelle Übergriffe, Gewalterfahrung, Flucht, Unfall, Tod, pandemische Ängste. Auch wenn ein Trauma nicht sichtbar ist, abgewehrt, verdrängt oder gar nicht als Trauma wahrgenommen wird – es ist da. Davon spricht der zweite Ausstellungstitel "Der Körper vergisst nicht", so Meißner. Das sei eine Erfahrung der Psycholanalytiker, "dass sich seelische Traumata auch im Körper niederschlagen. Wenn man sich nicht damit auseinandersetzt, dass es Spuren im Körper hinterlässt."

Traumatisches Empfinden spürbar gemacht

Ben Goossens Video-Still seiner Arbeit: Raum zum Atmen

Ein blauer Raum, die Wände komplett beschrieben mit weißer Schrift, wie Wellenkämme im Ozean. Betritt man den Schweigeraum des Künstlers Minjae Lee aus Südkorea, verstummt die Stimme, verschwindet die Schrift, der Raum wird gleißend weiß. Die niedergeschriebenen Worte der Bedrängnis sind weiß auf weiß gesetzt, nur UV-Licht macht sie sichtbar. Sobald Ruhe im Schweigeraum einkehrt, kehren die Stimme, das blaue Licht und die Schrift zurück – und machen erneut wahrnehmbar, was gesagt werden muss und nach außen drängt.                               

Jutta Burckhardt: Perceptual Decoupling V

Ob die Arbeiten aus persönlichem Erleben entstanden sind, ist nicht relevant. Traumatisches Empfinden wird künstlerisch sichtbar gemacht, der Schrecken zugleich aufgerufen und gebannt. Man geht dazu in Resonanz, oft genug zart, aber auch körperlich. Spürt – etwa in Ben Goossens Video – die Enge atmender Raumwände. Kann sich einer Porträtfotografie von Boris Maximowitz kaum entziehen, dem Blick aus der Bedürftigkeit eines geschwärzten Körpers, ein Abgrund, der nicht zu verurteilen ist. "Das ist ein abstraktes Schwarz, das ich versuche, von innen nach außen zu stülpen", sagt der Künstler.

Und dann gibt es auch Schönheit: wie in Jutta Burckhardts großem abstraktem Wandpanorama in schwarzer Tusche, das Höllengericht sein kann oder Weltengeburt. Schrecklich schön.

Die Gruppenausstellung "τραῦμα. Der Körper vergisst nicht" läuft bis 24. Oktober 2021 im DG Kunstraum Diskurs Gegenwart. Einen zweiten Ausstellungsteil zeigt – in Kooperation mit dem DG Kunstraum – der Kunstraum München in der Holzstraße, ebenfalls bis 24. Oktober.