"Sie wollen uns erzählen" This Comic is Tocotronic

Vor 25 Jahren haben Tocotronic ihr Debütalbum "Digital ist besser" veröffentlicht. Die Band selbst hat dieses Jubiläum nicht groß gefeiert. Jetzt ist ein Comicband erschienen, der Tocotronic im fast verpassten Jubeljahr doch noch aufs verdiente Podest stellt.

Von: Bettina Dunkel

Stand: 06.11.2020 | Archiv

Ausschnitt aus dem Tocotronic-Songcomic-Buch "Sie wollen uns erzählen" | Bild: Ventil Verlag / Jim Avignon

Es war nicht an einem Dienstag im April, sondern an einem Montag im März. Am 06.03.1995, um genau zu sein: "Digital ist besser", das Debütalbum von Tocotronic kam in den Handel und von heute auf morgen waren Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank Teil einer Jugendbewegung. Insofern ist es nicht nur naheliegend, sondern geradezu alternativlos, dass ein Comic, der auf Tocotronic-Songs basiert, mit eben diesem Stück beginnt.

Der Berliner Popart-Künstler Jim Avignon hat die rohe Energie von "Digital ist besser" in ein knallbuntes Panoptikum einer sich selbst fremd gewordenen Gesellschaft übertragen. Songzeile für Songzeile hat er in Bilder übersetzt, die an die figurenstarken Tryptychen von Max Beckmann erinnern und inhaltlich die 90er-Jahre mit der Gegenwart verheiraten.

Avignon ist einer von zehn deutschen Comic-Künstlern, die Tocotronic ein Denkmal setzen: In dem Sammelband "Sie wollen uns erzählen" haben sie handverlesene Songtexte der Hamburger Band zu illustrierten Kurzgeschichten ausgearbeitet. Die Idee zu dem Buch hatte der Journalist Michael Büsselberg, ein Tocotronic-Fan der ersten Stunde. 2010 hatte er in Frankreich ein ähnliches Buch entdeckt. In "Chansons du Dutronc en bandes dessineèes" interpretierten Comiczeichner Lieder des Musikers Jaques Dutronc. Büsselberg wusste instinktiv: So etwas mit Tocotronic-Songs – früher oder später muss es das geben. Jahre später schrieb er dem Tocotronic-Management eine Mail mit Kurzkonzept, zehn Minuten später hatte er die Antwort und eine Zusage der schon immer comic-affinen Band.

Alle Phasen abgedeckt

Auch die beitragenden Künstler*innen waren schnell gefunden. Bei der Gestaltung hatten sie freie Hand, bei der Songauswahl gab es nur die Vorgabe, dass es keine Songcluster um einige wenige Alben geben sollte. Nun ist aus nahezu allen Phasen der Band ein Song dabei, die Tonalität der Texte variiert also ebenso stark wie die Handschrift der Zeichner*innen.

So gießt die in Berlin lebende Illustratorin Tine Fetz die Melancholie ihres Lieblingssongs "Der schönste Tag in meinem Leben" in Schwarz-Weiß-Bilder, die die Anonymität des Stadtlebens spürbar machen. Wie auch Jim Avignon übersetzt sie die Songtexte eins zu eins in Bilder. Christopher Tauber und Katja Klengel wiederum verwenden nur Fragmente aus "Let there be rock" und stricken daraus eine eigenständige Geschichte, in der die Figuren fleißig aus dem Song zitieren. Und so geht es munter weiter, quer durch die Bandgeschichte, von "Aber hier leben, nein danke" (2005) über "Kapitulation" (2007) hin zu "Rebel Boy" (2015).

Arne Zank hat auch gezeichnet

Der Schlussakkord dieser charmanten Sammlung wird von Tocotronic-Schlagzeuger Arne Zank gesetzt. Auf vier Seiten hat der studierte Illustrator in eher kindlicher Manier die Anfangszeit der Band verewigt und sein Faible für tierische Hauptfiguren erneut ausgelebt: In seiner Geschichte werden aus musizierenden Fischköppen schräge Vögel in Trainingsjacken. Frei nach dem Motto: Pure Vernunft darf niemals siegen. Hier ist der Beweis.