Tima Kurdi "Habt keine Angst vor Flüchtlingen, hört euch ihre Geschichten an"

Das Foto ihres auf der Flucht ertrunkenen Neffen am Strand ging um die Welt: Tima Kurdi hat eine Familienbiografie geschrieben. Im Interview erzählt sie, warum sie dieses Buch für alle Geflüchteten dieser Welt schreiben musste.

Stand: 14.10.2020 08:32 Uhr

Tima Kurdi, die in Kanada lebende Tante von Alan Kurdi, dessen Bild - tot am Strand liegend - 2015 um die Welt ging. | Bild: picture alliance/AP Photo.

Als Tima Kurdi 2018 das Buch "Der Junge am Strand" schreibt, ist es bereits drei Jahre her, dass Millionen von Menschen auf der ganzen Welt den Beleg ihres schlimmsten persönlichen Verlusts gesehen haben: das Foto vom Leichnam ihres zweijährigen Neffens Alan Kurdi, der auf der Flucht aus Syrien im Mittelmeer ertrunken ist. Aufgenommen hat es 2015 eine türkische Journalistin an der Küste von Bodrum. Es wurde zum Symbolbild der internationalen Flüchtlingstragödie. Auch der Bruder des Jungen und seine Mutter starben auf der Überfahrt; nur der Vater, Abdullah Kurdi, überlebte. Das Buch erzählt vom persönlichen Schicksal der Familie. Tima Kurdi ist wie ihr Bruder in Damaskus geboren und aufgewachsen. Im Alter von 22 Jahren wanderte sie nach Kanada aus und lebt noch heute in Vancouver. Inzwischen engagiert sie sich für Flüchtlinge und hält Vorträge auf der ganzen Welt. Nun ist ihre Familienbiografie auf Deutsch erschienen – geplant als Teil des kanadischen Gastauftritts auf der Frankfurter Buchmesse, der jetzt allerdings auf kommendes Jahr verschoben ist. Agnes Popp hat via Skype mit Tima Kurdi gesprochen.

Agnes Popp: Hat sich etwas geändert, seit das Foto Ihres Neffen um die Welt ging und auf das Leid von Millionen Flüchtlingen aufmerksam gemacht hat?

Tima Kurdi: Jeder erinnert sich an das Foto meines Neffen vom September 2015. Es hat das Herz der Menschen berührt, auch das vieler Politiker. Natürlich haben damals alle gesehen, dass es Zeit ist, zu handeln. Aber wenn Sie mich jetzt, fünf Jahre später, fragen, muss ich sagen: Es wird schlimmer, nicht besser. Wenn Sie in irgendein Land dieser Welt blicken, aus dem Menschen fliehen, sei es Syrien, Libyen, Jemen, oder Mittel- und Lateinamerika: Sie sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, weil es kein bisschen besser wird. Krieg und Armut produzieren Flüchtlinge. Ich frage mich nur, wie viele Bilder die Welt sehen muss, damit die Menschen handeln und sagen: Es ist genug, wir müssen etwas tun!

Sie sprechen als einzige in Ihrer Familie Englisch und haben es deshalb fast schon als Ihre Pflicht empfunden, die Geschichte Ihrer Familie und Ihres Bruders Abdullah zu erzählen. Warum war das Buch für Sie selbst wichtig?

Es war nicht einfach für mich, mein Privatleben und das meiner Familie mit der ganzen Welt zu teilen. Aber ich musste es tun. An diesem Tag im September, als ich das Bild meines Neffen Alan im Internet gesehen habe... Es ist immer so hart, darüber zu sprechen. (macht eine Pause) Ich verstehe, warum Menschen diese Entscheidung treffen und sich auf den Weg übers Mittelmeer machen. Sie bringen sich selbst in Gefahr, weil es keine andere Option gibt. Es war mir sehr wichtig, die Geschichte meiner Familie aufzuschreiben, aber es ist nicht nur ihre Geschichte. Es geht um das syrische Volk, um alle Geflüchteten auf dieser Welt. Es ging mir darum, der Welt zu erzählen, dass wir Menschen sind – wie alle anderen auch. Wir haben ein Leben. Wir sprechen vielleicht eine andere Sprache, praktizieren eine andere Religion, aber wir sind Menschen.

Die Medien haben Ihnen mit diesem Foto quasi Ihre Geschichte entrissen; später haben Politiker Sie für ihren Wahlkampf genutzt. Ist das Buch Ihr Versuch, die Hoheit über die eigene Geschichte zurückzugewinnen?

Zwei, nicht drei Jahre alt war Alan Kurdi, als er bei der Flucht ertrank.

Ja, das ist es. Ich habe Interviews in Talkshows gegeben, mit Journalisten gesprochen: Trotzdem wurden in den Medien unglaublich viele, falsche Informationen über meine Familie verbreitet. Es ist egal, wie viel du sagst – sie werden es nie im Ganzen darstellen. Deshalb war es mir wichtig, das Buch zu schreiben: Es ist die wahre Geschichte, die sonst keiner erzählen kann. Mir war es wichtig, die Namen meiner Familie zu korrigieren und das Alter der beiden Kinder. Bis heute wird der Name meines Neffen falsch geschrieben: "Aylan" statt Alan. Es gibt türkische Medien, die das nicht richtigstellen wollen. Und oft ist von einem dreijährigen Kind die Rede. Mein Neffe Alan war zwei Jahre alt. Er konnte noch nicht sprechen. Er hatte Hoffnungen, aber er war zu klein, um darüber sprechen zu können.

Es geht im Buch auch um die Frage, die sich viele Menschen stellten, als sie das Bild sahen: Was treibt Menschen dazu, das eigene Leben und das ihrer Kinder aufs Spiel zu setzen?

Meine eigene Familie lebte, genauso wie Tausende andere Syrer, einfach ihr Leben. Als der Krieg begann, haben zwei meiner Neffen, sie sind jetzt zehn und zwölf Jahre alt, vor dem Haus Fußball gespielt. Und dann ist in der Straße nebenan die Bombe eines Selbstmordattentäters explodiert. Sie wurden Zeuge, wie jemand sich selbst in Stücke gesprengt hat. Die Kinder sind traumatisiert. Ich frage Menschen immer wieder: Was würdest du tun? Natürlich willst du an einen sicheren Ort gelangen, Sicherheit für dich und deine Kinder. Meine Familie wollte Syrien nicht verlassen. Sie hat in der Gegend um Kobanê bei Verwandten Zuflucht gesucht, um so bald wie möglich nach Damaskus zurückzukehren. Aber es wurde überall immer schlimmer.

Sie sprechen in Ihrem Buch auch darüber, was es mit Ihnen macht, wenn Sie sehen, dass Menschen gegen die Aufnahme von Geflüchteten demonstrieren.

Diese Menschen sind in der Minderheit, aber es gibt sie in jedem Land. Wenn ich Menschen höre, die sagen: "Wir wollen keine Flüchtlinge", dann würde ich am liebsten die Hand nach ihnen ausstrecken und sagen: Versetzt euch selbst einmal in ihre Lage – hört euch ihre Geschichten an! Lebt einen Tag lang in ihrem Land und seht es mit euren eigenen Augen.

Bevor sich die Familie Ihres Bruders auf die gefährliche Überfahrt nach Europa gemacht hat, haben Sie vergeblich versucht, Asyl für sie in Kanada zu beantragen. Ist es möglich, diese Geschichte zu erzählen, ohne jemandem die Schuld zu geben?

Aus meiner Sicht kann es nie eine Lösung sein, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen und zu sagen: Ihr seid verantwortlich dafür, dass das Leben dieses Menschen zerstört wurde. Man sollte sich auf die Lösung konzentrieren: Wie können wir diese Länder friedlicher machen, so dass die Menschen dort leben können und ihre Heimat nicht verlassen müssen? Man sollte in diese Länder investieren, damit die Menschen dort eine feste Arbeit bekommen, sich Lebensmittel kaufen und sich Medikamente leisten können, wenn ihre Kinder krank sind.

Kanada ist das Land, in das Sie mit 22 Jahren ausgewandert sind, um Ihren Traum vom Job als Friseurin zu verwirklichen – und das Land, das Ihrem Bruder das Asyl verweigert hat. Wie ist Ihre Beziehung zu Kanada?

Kanada ist meine Heimat. Wenn ich an Kanada denke, denke ich an die tollen Menschen hier. Sie kommen aus allen möglichen Ecken der Welt – die wenigsten stammen ursprünglich aus Nordamerika. Aber mein Land ist trotzdem Syrien. Dort bin ich aufgewachsen, daran habe ich so viele Erinnerungen. Ich würde gerne eines Tages wieder zurückgehen.

So, wie Sie im Buch über muslimische Traditionen und über die Mentalität der Syrer und Syrerinnen erzählen, hatte ich den Eindruck, Ihr Buch richtet sich in erster Linie an westliche Leser. Stimmt das?

Ja, das ist der Grund, warum ich mein Buch geschrieben habe. Als sich die Flüchtlinge den Grenzen ihrer Länder näherten, bekamen die Menschen Panik – sowohl in Nordamerika als auch in Europa. Sie dachten: Wer aus dem Mittleren Osten kommt, muss etwas mit dem IS zu tun haben. Darum war es mir sehr wichtig, dem westlichen Leser zu sagen: Das sind wir. Wir feiern Geburtstag, wir fahren in den Urlaub, wir arbeiten, gehen in die Schule. Wir sind wie ihr. So bin ich aufgewachsen, das ist meine Familie, das sind meine Erinnerungen. Allen, die Angst vor uns haben, möchte ich sagen: Habt keine Angst, wir sind menschliche Wesen. Meine Nachbarn in Syrien hatten alle möglichen Konfessionen: Sunniten, Alawiten, Schiiten, Drusen, Christen. Wir haben uns alle gegenseitig respektiert.

Ihr Buch soll ein Appell sein an die westlichen Länder, Syrien nicht sich selbst zu überlassen. Was könnten zum Beispiel EU-Länder wie Deutschland tun, um den Syrern und Syrerinnen zu helfen?

Die europäischen Regierungen müssten sich zusammensetzen, um über eine politische Lösung in Syrien zu beraten. Dann müsste man die Konfliktparteien an einen Verhandlungstisch bekommen. Und bis eine Friedenslösung gefunden ist, müsste man überlegen, wie man die Menschen in ihrer Heimat unterstützen kann. Europa oder Nordamerika könnten helfen, in dem sie wirtschaftlich ein wenig investieren in die Länder, aus denen Menschen fliehen. Zum Beispiel die US-Sanktionen gegen Syrien: Sie bestrafen nicht die Reichen und Mächtigen, sie verschlimmern das Elend der Bevölkerung. Diese Politik muss aufhören.

Sie beschreiben Ihre Kindheit und Jugend auf eine sinnliche Weise – ob es der Duft des wilden Jasmins in den Straßen von Damaskus oder der Geschmack von frischem Kardamom im Kaffee Ihrer Mutter ist.

Wenn irgendwann mal wieder alles okay ist in meiner Heimat, hoffe ich, dass die Menschen, die mein Buch gelesen haben, sie eines Tages besuchen. Und dass sie jedes Wort verstehen – wie ich mein schönes Land und mein Volk beschrieben habe – und es fühlen. Das gibt mir wirklich viel Hoffnung.

Am Sonntag um 14:05 Uhr läuft im Diwan auf Bayern 2 eine Buchbesprechung von Kurdis Buch von Agnes Popp. Im Anschluss ist die Sendung hier abrufbar.

Tima Kurdi: Der Junge am Strand. Die Geschichte einer Familie auf der Flucht. Aus dem Englischen von Lilian-Astrid Geese. Assoziation A