Thomas Mann als Vorbild Globale Stimmen für die Demokratie

In einer Münchner Ausstellung und einem internationalen Netzprojekt wird Thomas Mann gerade zur politischen Inspiration für die Diskussion über Demokratie. In Zeiten ihrer Gefährdung wichtiger denn je.

Von: Stephanie Metzger

Stand: 29.05.2020 16:22 Uhr

Thomas Mann | Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv

Das Licht der Scheinwerfer suggeriert kalifornische Sonne. Lange Schatten fallen auf eine hohe weiße Fassade, die nach oben hin offen bleibt. Die Palmen auf der Fotowand wachsen so tatsächlich im Garten des Anwesens 1550 San Remo Drive. Hier, in Pacific Palisades in Los Angeles, hatte Thomas Mann 1941 ein Haus im Bauhausstil errichten lassen. Als abstrahierter und nicht abgeschlossener Nachbau mit Wohn- und Arbeitszimmer und Terrasse zum Garten steht es jetzt im Literaturhaus München für die Ausstellung "Thomas Mann: Democracy will win!".

Ein großes Symbol für ein großes Thema und eine große literarische Autorität. Und für deren Verhältnis zueinander, erklärt Heike Mertens vom Thomas Mann House in LA: "Ich glaube man kann das Haus in seiner Architektur durchaus als ein transluzentes Bekenntnis Thomas Manns zu der offenen demokratischen Gesellschaft bewerten, die er in den USA als Zufluchtsort angetroffen hat. Er selber war sicherlich kein Anhänger der modernen Architektur, gleichwohl ist es ein Zeichen auch der Anpassung an die Gesellschaft vor Ort, ein Ankommen. Und ein wirkliches Bekenntnis zur demokratischen Kultur der USA."

Die Ausstellung "Thomas Mann: Democracy will win!" in München

Es war die Absage an Deutschland 1936 und der Gang ins Exil, die Thomas Manns Bekenntnis zur Demokratie manifest werden ließen. Und gerade von Kalifornien aus wurde Thomas Mann zum vehementen Verfechter der Demokratie mit Artikeln, Reden und Radioansprachen. In München führt die Ausstellung im Literaturhaus jetzt anhand der politischen Biografie von Thomas Mann demokratische Haltung sinnlich vor Augen und lässt ihren Wert auch für heute spürbar werden. Anhang von fünf Begriffen haben Heike Mertens und Tanja Graf, Leiterin des Literaturhauses, thematische Schneisen durch eine Autorenbiografie geschlagen und machen diese zugleich zu zentralen Achsen demokratischer Bewegungen seit den 1960er Jahren.

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Ausstellung THOMAS MANN: DEMOCRACY WILL WIN! | Bild: Literaturhaus München (via YouTube)

Ausstellung THOMAS MANN: DEMOCRACY WILL WIN!

Wie für Thomas Mann "Herkunft", "Zeitgeist", "Bekenntnis", "Handeln" und "Verantwortung" entscheidende Momente seines politischen Werdegangs vom "unpolitischen" Autor zum Streiter für die Demokratie darstellen, so gilt das auch heute für jede politische Biografie. Den Brückenschlag von damals zur Gegenwart schafft die Ausstellung durch eine kluge Mischung von historischen Dokumenten, Audios und aktuellen Medienbildern. Eine ähnliche Methode hat das Thomas Mann House seit Anfang 2020 beim Projekt "55 Voices for Democracy" gewählt. Auch hier geht es um den Brückenschlag zwischen Thomas Mann und der aktuellen politischen Situation. Und zwar in Anlehnung an Thomas Manns BBC-Reden an die Deutschen Hörer.

Das Netzprojekt "55 Voices for Democracy"

Im Herbst 1940 trat die BBC mit dem Wunsch an Thomas Mann heran, über ihren Sender kurze Reden an die Deutschen zu senden. Der Autor nahm an und warnte ab Oktober 1940 bis Neujahr 1946 vor den Nazis, beschwörte die endgültige Katastrophe, berichtete über die Verbrechen Hitler-Deutschlands, ermutigte das deutsche Volk zum Widerstand. Die Reden bildeten eine Art Gegenpropaganda zur nationalsozialistischen Ideologie. Dabei erwies sich Thomas Mann als "Wanderreder der Demokratie", wie er sich selbst einmal bezeichnete. Demokratie ist bei Mann eher Geisteshaltung, als klar definierte Staatsform. Ein gedankliches Konzept, das permanent im Wandel begriffen ist und immer wieder neu gegen Unterwanderung oder Angriffe verteidigt werden muss.

Für "55 Voices for Democracy" übernahm das Thomas Mann House die Idee regelmäßiger Plädoyers für die Demokratie. Nur zeitgemäßer, vielstimmiger und digital. 55 internationale Denker*innen, Wissenschaftler*innen und Künstler*innen sprechen seit Beginn des Jahres 2020 in regelmäßigen Abständen auf Englisch und für ein weltweites Publikum über die politische Gegenwart. Die Videos der Reden werden zum großen Teil im Thomas Mann Haus aufgenommen. Fertiggestellt sind zum jetzigen Zeitpunkt fünf Reden.

Francis Fukuyama: Kein Ende der Geschichte

Strenge Bildanordnung, weiche Schatten, seröses Schwarz-Weiß: Francis Fukuyama sitzt am Schreibtisch im einstigen Arbeitszimmer von Thomas Mann und bedankt sich. Hinter ihm die Bände der Goethe-Ausgabe, die Thomas Mann gehörte. Fukuyama, Senior Fellow am Institute for International Studies und Professor der Politikwissenschaft an der Universität Stanford hatte 1989 das "Ende der Geschichte" ausgerufen und damit so etwas wie den Siegeszug der liberalen Demokratie in der politischen Entwicklung der Menschheit proklamiert. Nun spricht er über die Krise der Demokratie. Das könnte überraschen, scheint diese Feststellung doch der damaligen Aussage zu widersprechen, mit dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989 habe der Lauf der Geschichte sein Ziel erreicht und die Demokratie sich als beste Staatsform durchgesetzt.

Doch schon in seinem letzten Buch "Identität" von 2018 rückte Fukuyama diese Wahrnehmung seiner These zurecht und wies auf die Kontinuität seines Denkens hin. Denn, so Fukuyama, dem Ende der Geschichte habe nie das Fragezeichen hinter dem "Ende" gefehlt. Entsprechend erklärt der Autor im neuen Buch, dass der Identitätsbegriff zentral für eine Analyse der Gegenwart und ihrer Krisenerscheinungen sei. In der fünfminütigen Auftaktrede für "55 Voices of Democracy" beschreibt Fukuyama denn auch eine Welt, in der das Ringen um die Demokratie keinesfalls beendet ist. Diesem Ringen stellt er aber die Hoffnung auf aktuelle Kämpfer und Kämpferinnen für Demokratie entgegen, deren Namen er unbedingt nennen möchte. Wie Thomas Mann damals in seinen BBC-Reden, so setzt auch Francis Fukuyama sein Vertrauen in die Stimmen der Oppositionellen.

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55 Voices for Democracy: Francis Fukuyama | Bild: Villa Aurora & Thomas Mann House (via YouTube)

55 Voices for Democracy: Francis Fukuyama

Timothy Snyder: Vorstellungen von der Zukunft

Sprechen für die Demokratie heißt auch Widersprechen. Zum Beispiel den Thesen Fukuyamas. So macht der Historiker Timothy Snyder ein zentrales Problem unserer politischen Gegenwart in den Folgen von Fukuymas These vom Ende der Geschichte aus. Snyder ist Professor für Geschichte an der Yale University in New Haven, Connecticut. Bekannt wurde er mit den Büchern "Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann" und "Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin". Der Gedanke, dass die Geschichte an ihr Ende gekommen sei, habe, wie Snyder in seiner Rede ausführt, ein Gefühl für Unvermeidbarkeit und Alternativlosigkeit befördert. Ein Gefühl, das uns in eine absolute Gegenwart bugsiert hat, in der wir weder zurück noch nach vorne blicken. Verlorengegangen ist so ein Kern von Demokratie: der Entwurf von Zukunft.

Die Diagnose von Timothy Snyder ist so klar wir alarmierend. Ohne die Vorstellung von Zukunft, ohne den offenen Horizont eines Morgen gibt es keine intakte Demokratie. Stattdessen herrschen Resignation, Regression in Nostalgie, es kommt zum Rückfall in Freund-Feind-Schemata. Damit schätzt Timothy Snyder unsere Gegenwart frappierend ähnlich ein wie Thomas Mann einst die Situation im Deutschland der 1940er Jahre. Und fordert in seinen Publikationen ähnlich eindringlich appellierend und warnend wie Thomas Mann: Aus dem, was gewesen ist, muss gelernt werden. Wir sollten die Muster erkennen, die in der europäischen Geschichte dazu führten, dass Gesellschaften auseinanderdrifteten, Demokratien unter Beschuss gerieten, moralische Werte unterminiert wurden und Gewalt ausbrach.

2017 verfasste Timothy Snyder seinen Bestseller "Über Tyrannei. 20 Lektionen für den Widerstand". Darin destilliert er Lehren, die sich aus der Geschichte ziehen lassen. Diese Empfehlungen haben weder die große Revolte noch den grundsätzlichen Umsturz im Blick. Sondern erweisen sich als einfache Gesten der Achtsamkeit und der Verantwortung. Sie speisen sich genauso aus dem historischen Wissen wie aus der Fantasie für ein Morgen. Fantasieren wir nicht, wird es böse enden, sagt Snyder. Tun wir es – nicht zuletzt im Sinne des aktiven Handelns – gibt es Hoffnung.

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55 Voices for Democracy: Timothy Snyder | Bild: Villa Aurora & Thomas Mann House (via YouTube)

55 Voices for Democracy: Timothy Snyder

Ananya Roy: Träumen als Protest

Sie sind sehr dünn, fast zart, die schwarzen Linien, die die beiden Hemisphären auf dem gelblichen Papier einer Landkarte verbinden. Die Striche zwischen Afrika, Amerika und Europa verzeichnen historische Routen des transatlantischen Sklavenhandels. Der amerikanische Soziologe William E.B. Du Bois hat sie im Jahr 1900 in einer Karte für die Pariser Weltausstellung eingetragen. Die Darstellung war nur ein Ausstellungsobjekt unter vielen in der "Exhibition of American Negros", die Du Bois in Paris zeigte: Statistiken, Bücher und Fotografien über Geschichte, Gegenwart und Kultur der Schwarzen. Der Mitbegründer der Bürgerrechtsbewegung Du Bois erforschte das Leben der Schwarzen in Amerika sowie ihre Unterdrückung, gegen die er ankämpfte. In seiner Abbildung des Sklavenhandels – in der "Color line" – visualisierte er so nüchtern wie eindringlich, dass ökonomische Netzwerke nichts weniger waren als Netzwerke des Rassismus. Und dies gilt bis heute, sagt Ananya Roy.

Sie ist Professorin für Städteplanung, Sozialfürsorge und Geografie sowie Leiterin des Instituts für Ungleichheit und Demokratie an der University of Los Angeles California. In Büchern wie "Poverty Capital: Microfinance and the Making of Development" oder "Territories of Poverty" behandelt sie Fragen zu Armut und Ungleichheit. Dabei analysiert Roy weniger die soziale Realität von Armut als ebenfalls Netzwerke. Also all die staatlichen und zivilgesellschaftlichen Aktivitäten, mit denen Armut verwaltet und gelöst werden soll. Diese sind laut Roy zutiefst von Marktmechanismen und rassistischen Strukturen geprägt. Auch aktuelle liberale Demokratien, so die ernüchternden Diagnose ihrer Arbeiten, gründen auf rassistischem Kapitalismus. Davon geht Roy auch in ihrer Rede für das Projekt "55 Voices for Democracy" aus. Aber nicht, um bei dieser Desillusionierung stehen zu bleiben. Sondern um zu träumen.

Denn die schonungslose Konfrontation mit der Realität liberaler Demokratien erzeugt Freiheitsträume, sagt sie. So massiv ihre Kritik an liberalen Demokratien ist, so deutlich zeigt sie damit, wie sehr innerhalb dieser doch Widerstände und Proteste möglich sind. Demokratie im Sinne der politischen Aushandlung lebt.

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55 Voices for Democracy: Ananya Roy | Bild: Villa Aurora & Thomas Mann House (via YouTube)

55 Voices for Democracy: Ananya Roy

Jan Philipp Reemtsma: Nüchterner Minimalkonsens

Wo Timothy Snyder für Fantasie und Ananya Roy für Freiheitsträume und Kampfgeist werben, plädiert Jan Philipp Reemtsma für Nüchternheit. In seiner Rede fragt sich der Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung, ob Emphase zur Verteidigung der Demokratie-überhaupt not tut. Statt Konflikt, Krise und Kampf nimmt er eher den Konsens in den Blick. Darüber nämlich, was wir, wenn wir von Demokratie reden, als nicht verhandelbar anneh-men sollten: Schutz vor Grausamkeit und vor Machtmissbrauch.

Reemtsmas Zurückhaltung ist nicht überraschend, hat er doch in Büchern wie "Gewalt als Lebensform" oder "Vertrauen und Gewalt" ergründet, wie in modernen Gesellschaften, die sich Gewalt verboten hat, dennoch Gewaltexzesse möglich sind. Hört man seiner Rede zu, merkt man aber auch, dass Demokratie auch für Reemtsma nicht wenig impliziert. In seinem Beharren auf einem Minimalverständnis von Demokratie steckt mehr Konfrontationsbereitschaft, als der Redner offenlegt. Die demokratische Basis steht für ihn nicht zur Disposition. Erst auf ihr kann der produktive Streit stattfinden, muss es sogar. Und obwohl Reemtsma es so gar nicht zugeben würde, auch hinter diesem Anspruch steckt ein Traum von Freiheit. Freilich mehr ein Traum über die Freiheit von etwas – von Gewalt, Furcht, Angst – als über die Freiheit zu etwas. Aber letztere, sagt Reemtsma, kann eben ohne die andere nicht sein.

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55 Voices for Democracy: Jan Philipp Reemtsma | Bild: Villa Aurora & Thomas Mann House (via YouTube)

55 Voices for Democracy: Jan Philipp Reemtsma

Heike Paul: Feminismus und Weltgemeinschaft

"Als Frau habe ich keine Heimat. Als Frau will ich keine Heimat. Als Frau ist meine Heimat die Welt." Unter anderem mit diesem Zitat von Virginia Woolf denkt die Kulturwissenschaftlerin Heike Paul in ihrer Rede zur Demokratie Feminismus und demokratische Weltgemeinschaft zusammen. Heike Paul ist Professorin für Amerikanistik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Den zahlreichen aktuellen literarischen Dystopien, in denen das Patriachat wieder Oberhand gewinnt und Frauen unterdrückt werden, hält sie feministische Manifeste der Gegenwart entgegen. Der mit ihnen angezeigte feministische Kampf ist auch ein Kampf gegen generelle Diskriminierung und Unterdrückung des „Anderen“. Ganz in diesem Sinne erklärt Heike Paul auch das transatlantische Projekt "55 Voices for Democracy" zum Manifest. Und erwähnt dabei ganz nonchalant, dass sie für ihren Beitrag nicht nur im Thomas Mann Haus, sondern auch im Katja Mann Haus zu Gast ist.

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55 Voices for Democracy: Heike Paul | Bild: Villa Aurora & Thomas Mann House (via YouTube)

55 Voices for Democracy: Heike Paul