Staatstheater Augsburg Livestream-Theater auf nächstes Level bringen

Gestreamtes Theater? Für die meisten nur ein Notbehelf. Anders in Augsburg. Da will man mit dem Serienprojekt "W - Eine Stadt sucht eine Wohnung" den Stream theatral nutzen – mit einem Thriller.

Von: Max Sippenauer

Stand: 18.11.2020 | Archiv

Mirjam Birkl mit Bauhelm und rotem W auf dem Rücken | Bild: Jan-Pieter Fuhr

Die junge Architektin Laura kommt in eine Stadt. Ihr Auftrag: Wohnungen im Denkmalviertel renovieren. Denn an Wohnungen fehlt es auch hier, in Adelma, einem utopischen Mekka für Künstler. Entsprechend explosiv ist die Stimmung. Als Architektin gerät Laura schnell zwischen die Fronten von Aktivist*innen, Spekulant*innen und Politiker*innen. Ist sie sogar selbst Teil eines Komplotts?
„Ein klassischer Netflix-Stoff“, sagt Nicola Brehmer, „aber mit den Mitteln der Postdramatik dekonstruiert. Das finde ich spannend.“ Nicola Bremer führt Regie bei dem Stück „W – Eine Stadt sucht eine Wohnung“, mit dem das Augsburger Staatstheater digitale Pionierarbeit leisten will.

Entstehungsprozess mitgestalten

Theaterregisseur Nicola Bremer

Das Besondere: Nicht das fertige Stück, sondern der Probenprozess selbst wird ab Montag, den 23. November fünf Tage lang live im Stream zu sehen sein. Und: Die Zuschauer sollen nicht nur kommentieren, sondern mit dem Regisseur in Dialog treten, fragen und mitgestalten. Ein digitales Theaterexperiment.
„Die Idee ist, dass die Zuschauer selbst Teil dieses work in progess werden, was ja jeder Probenprozess ist“, meint Bremer. In der ersten Woche wird die erste Folge der Serie fünf Mal gespielt. „Das werden sicher fünf sehr unterschiedliche Abende. Mit Entwicklungen und Problemen, die auch ich noch nicht kenne.“ Diesen Entstehungsmoment mit allen Fragen und Rückschlägen zu zeigen, erfordere Mut, sagt Bremer. Vor allem aber reizt ihn daran die maximale theatrale Zuspitzung. Eine Theatererfahrung also, die die meisten Streams mit ihren abgefilmten Bühnen, nur bedingt liefern können.

Twitchs großer Vorteil gegenüber Youtube

Gewählt hat Bremer dafür erstmals die Streaming-Plattform twitch.tv. Also die Plattform, die darüber groß geworden ist, dass sie Gamer*innen zum Streamen und Kommentieren ihrer eigenen Spiele nutzen. „Das Coole ist, dass hier die Kommentare nicht unten wegplätschern, wie bei Youtube, sondern als zweiter Screen zu sehen und damit viel präsenter sind.“ Bremer will sowohl Fragen beantworten als auch bestimmte Regie-Entscheidungen mit den Zuschauer*innen diskutieren. Er hofft, dass man als Zuschauer*in dadurch mehrere Perspektiven auf den Stoff gewinnt.
Die restlichen Folgen sollen dann im nächsten Jahr zu sehen sein. Je nach Lage analog oder digital. Vielleicht sogar beides?

"W – Eine Stadt sucht eine Wohnung" vom 23.11. - 27.11.2020, täglich von 18 bis 22 Uhr, live auf twitch.tv/staatstheateraugsburg