Franz Xaver Kroetz wird 75 Die Theater-Ikone hinter Baby Schimmerlos

Franz Xaver Kroetz hat das Volkstheater revolutioniert. Dennoch ist er vor allem als Schauspieler und Kultfigur der Fernsehserie "Kir Royal" in Erinnerung geblieben. Besuch bei einem (fast) Vergessenen.

Von: Benedikt Mahler und Maximilian Sippenauer

Stand: 24.02.2021 | Archiv

Franz Xaver Kroetz (Rolle: Toni Feistl). | Bild: BR/collina filmproduktion gmbh/Denise Vernillo

Ende Januar. Schwerer, nasser Schnee fällt auf die dunklen SUVs und Mittelklasseschlitten in einer kleinen Seitenstraße im Münchner Stadtteil Pasing. Hinter der weitläufigen Glasfassade eines modernen Einfamilienhauses tippt ein Pärchen synchron in ihre Laptops. Homeoffice. Vis à vis spitzt hinter einer hohen, dichten Hecke versteckt, ein bescheidenes altes Dächlein hervor. Hier wohnt, arbeitet und schreibt auch einer: der Dichter Franz-Xaver Kroetz.

An der Tür wartet ein älterer Herr mit schon etwas lichtem Schnauzbart. Er trägt ein blaues Jackett, T-Shirt, Jeans. An einem Kettchen baumelt ein geschnitzter, weißer Anhänger, wie ihn Surfer tragen. Dieser Kroetz, dem der Ruf vorauseilt, kein unbedingt angenehmer Zeitgenosse zu sein, lächelt. Freundlich. Ein bisschen verlegen. Er weist den Weg ins Wohnzimmer. Es läuft Vivaldi: Der Winter.

Niemand inszeniert Kroetz besser als Kroetz

"Bis 70 hab ich das Alter gar nicht so wahrgenommen. Ich bildete mir ein, die Natur hat mich dieses Ufer 70 noch gar nicht erreichen lassen", sagt der Kroetz zum steten Ticken der Wanduhr. "Jede Frau kann sich doch sofort in mich verlieben. Alles steht mir noch offen, hab ich mir vor fünf Jahren noch gedacht. Das hat sich inzwischen unheimlich verändert. Ich bin so weit, dass ich allmählich sage:  Bist ein alter Mann Franz!" Kroetz macht eine kurze Pause und wiederholt gebrochen: "Bist ein alter Mann. Franz!" Dann blitzt ein Lächeln über das kluge Gesicht dieses Herren und natürlich: Die fragile Stimme, Vivaldis Winter, die Wanduhr, niemand inszeniert Kroetz besser als Kroetz.  

Für diesen Mann mit dem Schnauzbart vom Format eines bajuwarischen Renegaten gibt es viele Etiketten: enfant terrible, Theaterstar, Kommunist, Kultschauspieler und Schwiegersohn von Maria Schell. Am häufigsten aber wird er gleichgesetzt mit seinem vermeintlichen Doppelgänger: dem Klatschreporter Baby Schimmerlos aus der Serie "Kir Royal" von Helmut Dietl. Manchmal wirkt es, als sei Kroetz, der einstige Erneuerer des Volkstheaters, selbst Opfer einer Verwechslungskomödie. Dabei ist dieser Kroetz kein Schauspieler, der auch Theaterstücke geschrieben hat. Er ist ein Dramatiker, Schriftsteller und Dichter, der gelegentlich schauspielt. Ein wichtiger Unterschied.

Zwei Winter im Keller

Geboren am 25. Februar 1946 in München. Der Vater niederbayerischer Finanzbeamter, die Mutter Hausfrau, Österreicherin, sehr katholisch. Die Familie nicht arm, aber sparsam. "Mein Vater starb 1961. Meine Mutter hatte Pension, aber wenig", sagt Kroetz. Deshalb hätten sie in dem kleinen Häuschen zeitweise zusammen mit einer anderen Familie gewohnt. "Ich hab zwei Winter im Keller geschlafen. Denn dieses Häuschen musste abbezahlt werden."

Der junge Kroetz ist ein Querkopf, Draufgänger - und er will Schauspieler werden. Am Max-Reinhardt-Seminar Wien fliegt er raus; das Schauspieldiplom holt er privat in München nach. Ein festes Engagement bleibt aus. Kurz spielt er in Rainer Werner Fassbinders Schauspielgruppe "antitheater" mit. Und er beginnt früh mit dem Stückeschreiben. Mit Anfang 20 wohnt er immer noch bei seiner Mutter in Pasing, hält sich über Wasser mit Gelegenheitsjobs: Irrenwärter, Lagerarbeiter, Bananenschneider in der Münchner Großmarkthalle.

Der junge Wilde des Volkstheaters

Nach dem Krieg, in den Fünfziger und Sechziger Jahren herrscht in der Bundesrepublik die Zeit der großen Verdrängung. Im Kino schaut man Heimatfilme, auf den bayerischen Bühnen dieselben Schmonzetten als Bauerntheater oder Komödienstadl. Heimat ist da, wo man vergisst. In diese Welt platzt Franz-Xaver Kroetz - der junger Wilde.

Seine frühen Stücke heißen "Heimarbeit", "Hartnäckig" oder "Wildwechsel". Es geht um Vatermord, Abtreibung und das mühsame Wahren des Scheins. Die Menschen, von denen Kroetz schreibt, haben genug zum Fressen, zu wenig zum Leben. Sie sitzen in ihren Stuben und drehen jeden Pfennig zweimal um. Ist das Kind finanziell drin oder doch abtreiben? Kroetz scheut dabei kein Tabu, beschreibt diese gesellschaftliche Einöde bis in die letzte Körperritze. Und trotzdem – oder gerade deswegen – entsteht dadurch eine ungemeine Empathie.

Kein Liebeskitsch vor Alpenpanorama

Als Theatertexter nutzt er das bereits vorhandene Inventar der Volksbühnen, entrümpelt aber alle Folklore. Statt Liebeskitsch vor Alpenpanorama präsentiert er beinharte Sozialdramen über Arbeiter und Bauern. Statt Trachtenbairisch, ein Bairisch, das karg ist, statt Geschwätzigkeit Dialoge, die von minutenlangen Pausen bis zur Kenntlichkeit zerdehnt sind. Dieser Sprachlosigkeit sind besonders oft Liebes- und Ehepaare ausgesetzt. Beziehungen, die an dem unauflöslichen Widerspruch zwischen Lebensanspruch und Lebenswirklichkeit kranken und darüber verstummen. Kroetz zeigt eine Arbeiterklasse, die unsichtbar ist, weil sich die Verlierer des Wirtschaftswunders scheinbar perfekt assimiliert haben, in Wahrheit aber nicht teilhaben können am Lebensziel der Allermeisten: Konsum.

Welttheater auf Bairisch

Diese Stücke provozieren schon früh große Theaterskandale. 1971 findet die Premiere von "Heimarbeit" und "Hartnäckig" an den Münchner Kammerspielen unter Polizeischutz statt. Konservative und Rechte machen mobil, skandieren vor dem Theater, unterbrechen die Vorstellung, die mit erbitterten Buhrufen gegen den Autor enden. Und plötzlich steht der Name Kroetz für genau das, was man Anfang der Siebziger Jahre will: Umbruch. In kürzester Zeit avanciert er zum gefragtesten linken Autor der Republik – zeitweilig ist er aktives Mitglied der DKP. Obwohl seine Stücke auf Bairisch verfasst sind, werden sie an den großen Häusern in Hamburg oder Frankfurt uraufgeführt und später in Dutzende Sprachen übersetzt.

"Heute ist der Dramatiker ja nur noch ein Arschloch"

Heute kündet eine Wohnzimmerwand von Kroetz‘ Erfolg in den Siebzigern und Achtzigern. Sie ist barock behangen mit Theaterplakaten von Inszenierungen seiner Stücke der letzten Dekaden. "Ein Teil meines Erfolges war sicher, dass ich beim Schreiben immer ans Theater gedacht habe, an die Bühnenmöglichkeiten", sagt Kroetz heute. Er war nie der textliche Metaphysiker, sondern einer mit präzisen Vorstellungen davon, was mit welchen finanziellen Mitteln umzusetzen ist. "Meine Regieanweisungen waren Hilfen für Schauspieler wie auch Regisseure. Das mögen sie heute überhaupt nicht mehr. Heute ist der Dramatiker ja nur noch ein Arschloch, nur noch ein Depp am Theater. Kein Schwein interessiert sich mehr für das, was man schreibt."

Mitte der Achtziger ist der Dramatiker Kroetz auf dem Zenit seines Erfolges: die Inszenierung von "Bauernsterben" - mit einer Szene, in der eine Frau einen Abgang hat und danach die Leiche des Kindes in den Bauch der aufgebahrten Großmutter legt - ein nationaler Theaterskandal. Danach beginnt der Stern des Dramatikers langsam zu sinken. Was auch damit zusammenhängt, dass ein anderer Kroetz in den Vordergrund tritt: der Schauspieler. 1984, nach einer regelrechten Casting-Odyssee voller Rückschläge und Fehlbesetzungen, gewinnt ihn der Regisseur Helmut Dietl für die Rolle des Baby Schimmerlos in der Fernsehserie "Kir Royal". Dieser Kroetz, maskulines Nitroglyzerin, scheint perfekt für die Rolle. Qualmt aus ihm doch jene polternde, oberbayerische Ignoranz, die man in München gerne als Weltläufigkeit missdeutet.

Schimmerlos – mehr Kroetz als Dietl

Heute scheinen in der kollektiven Erinnerung der Mensch Kroetz und die Figur Schimmerlos geradezu verschmolzen zu sein. Dabei betont Kroetz, der in seinem Leben auch an einigen Drehbüchern mitgearbeitet hat, auf den Schimmerlos habe er Dietl keinen großen Einfluss nehmen lassen. "Einmal gab es eine Auseinandersetzung," erinnert sich Kroetz an einen der ersten Drehtage. "Da sagte der Dietl zu mir: Franze, du musst ein bisschen eleganter, ein bisschen mehr Schlurfi sein und nicht so brutal. Und dann ich hab gesagt: Magst noch einmal umbesetzen? Ich bin so wie ich bin und damit basta! Und das hat er verstanden. Das war dann erledigt."

Mit dem sensationellen Erfolg von "Kir Royal" und vor allem seinem Hauptdarsteller Baby Schimmerlos rückt Kroetz immer stärker in die Öffentlichkeit. Eine Aufmerksamkeit, die den Dramatiker in den Schatten stellt und nicht selten explodieren lässt: "Wenn Sie von einer Lawine dann zugeschüttet werden und überhaupt nur noch als, ja, nicht einmal Schauspieler Kroetz, sondern als Dietls Fantasiefigur Baby Schimmerlos existieren. Dann fangen sie natürlich an, um sich zu schlagen."

Ex-KPDler schreibt für die Bild

Natürlich kokettiert Kroetz auch mit dem Image. Tritt auf Partys im weißen Schimmerlos-Smoking auf, den er von einem Fotoshooting für den Film erschnorrt hat. Er sucht die Öffentlichkeit eher, als dass er sie meidet. Als er Ende der 80er die 20 Jahre jüngere Marie-Theres Relin, Tochter von Maria Schell, kennenlernt und später heiratet, wird der Künstler Kroetz zur Boulevardfigur. Was nicht zuletzt den deutschen Feuilletons besonders sauer aufstößt. Viele Sympathien aber verspielt er sich in dem Moment, als der ehemalige Kommunist Kroetz anfängt, für den Springer-Verlag zu schreiben und Kolumnist der Bild-Zeitung wird.

"Das hat mir natürlich geschadet," erinnert sich Kroetz heute. "Bei ganz vielen Intellektuellen, auch bei gutmütigen Menschen, die dachten: Er ist wirklich unappetitlich und ekelhaft geworden, der Kroetz." Trotzdem bereut er seine Kolumnen nicht: "In einem Zwei-Millionen-Blatt schreiben zu können. In so einer riesigen Zeitung schreiben - egal was - das tut dir einfach gut."

Im Fernsehen über das Fernsehen schimpfen

In den späten Neunzigern und frühen Zweitausendern wird der Dramatiker letztlich vom Zeitgeist überholt. Seine Stücke geraten immer aggressiver, immer perverser und werden zum Teil gar nicht einmal mehr uraufgeführt. Gefragt ist er höchstens noch als ewig grantelnder Kulturpessimist. Kroetz besucht Fernsehshows, um über das Fernsehen zu schimpfen. Das Genie des einstigen Avantgardisten verblasst. Zumindest da sind sich die Feuilletons und Kroetz einig: Früher war alles besser.

In Pasing bei diesem Besuch kurz vor seinem 75. Geburtstag erinnert nichts an den bärbeißigen Zyniker mit der kurzen Zündschnur. Wenn Kroetz über sein Leben spricht, ist er schlagfertig, weltmännisch und scheint – zumindest heute – mit sich im Reinen. Warum auch nicht. Liest man seine Stücke fünfzig Jahre später besteht kein Zweifel: Sein Platz in der Literaturgeschichte ist ihm nicht mehr zu nehmen. Irgendwo zwischen Thomas Bernhard, Herbert Achternbusch, Rainer Werner Fassbinder oder Elfriede Jelinek.

Im Gegensatz zu diesen ist Kroetz aber nicht nur ein künstlerischer Monolith, sondern eine ganze Säulenhalle. Und dagegen kämpft er heute nicht mehr an. "Ich muss eben alles zusammennehmen. Ich brauche auch den Baby Schimmerlos. Den brauchen die nicht. Aber ich brauch diese verschiedenen Erfolge, damit ich richtig fett rauskomme. Und solche Leute bekommen keine Nobelpreise. Solche Leute bekommen... was weiß ich?!"