Intendantin Kathrin Mädler "Theater fordert immer dazu auf, Widersprüche auszuhalten"

Der AfD ist ihr Spielplan zu feministisch, zu radikal, zu wenig unterhaltsam. Doch Theatermacherin Kathrin Mädler lässt sich bei ihrer Arbeit nicht reinreden, pariert solche Angriffe. Und setzt weiter auf die Kraft des demokratischen Dialogs.

Von: Andrea Mühlberger

Stand: 17.11.2021 | Archiv

Schwarz-weiß Porträt von Kathrin Mädler, Intendantin am Landestheater Schwaben | Bild: Landestheater Schwaben / privat

Theater ist demokratischer Dialog. Und eine bayerische Bühne, die sich intensiv an politischen Debatten beteiligt, den ständigen Austausch mit dem Publikum sucht, ist das Landestheater Schwaben in Memmingen. Zuletzt waren das Theater und seine Intendantin Kathrin Mädler heftigen Angriffen von rechts ausgesetzt. Ein Gespräch über das demokratische und widerständige Potenzial der Theater und die Freiheit der Kunst.

Andrea Mühlberger: Frau Mädler, die Schlagzeilen der letzten Wochen haben gezeigt: Dem Landestheater Schwaben ist es nicht nur sehr ernst mit dem demokratischen Dialog. Sondern auch der Spielraum dafür muss immer wieder neu erkämpft werden, weil er von außen bedroht ist – Stichwort: Freiheit der Kunst. Die AfD wirft Ihnen, mit Blick auf den Spielplan, eine "einseitige politische Agenda vor", mit Blick auf die Steuersubventionen "linken Staatsradikalismus". Sogar im Unterallgäuer Kreistag hat die AfD versucht, Einfluss auf ihr Bühnenprogramm zu nehmen. Wie ist denn diese Battle, diese Schlacht ausgegangen?

Kathrin Mädler: Na ja, leider muss man ja wahrscheinlich sagen, die Battle bleibt offen. Denn ich denke, die AfD wird nicht nachlassen, die Theater und Kultureinrichtungen anzugreifen, weil sie diesen Kulturkampf offenbar als probates Mittel ansieht, um eine Destabilisierung gesellschaftlicher, freiheitlicher Institutionen zu erreichen, zu denen die Theater nun mal glücklicherweise gehören. Und ich meine, man könnte es natürlich auch als eine gewisse Ehre auffassen, wenn das Demokratische, das Widerständige, das ambivalente Potential der Theater offensichtlich doch so groß ist, dass die AfD sie als probaten Gegner ansieht.  

Im Kreistag ist die AfD mit ihrem Antrag gescheitert, das Programm am Landestheater Schwaben mitzubestimmen. Der schwäbische AfD-Landtagsabgeordnete Christoph Maier wirft Ihnen weiter "politische Indoktrination" und "einseitige Propaganda" vor, Ihr Ansatz sei "radikal feministisch", "familienfeindlich", er hat sogar Ihren Rücktritt gefordert. Schaut man auf den aktuellen Spielplan, sind da Stücke wie "Wackersdorf", aber auch Klassiker wie Schillers "Jungfrau von Orleans" oder das "Dschungelbuch" für Kinder. Für jeden was dabei – oder? Wie kann man sich denn als Theater gegen solche Vorwürfe und Versuche der politischen Einflussnahme wehren?

Ich will das überhaupt nicht verharmlosen und finde das grundsätzlich einen total unerfreulichen und auch gefährlichen Vorgang, zumal er eben nicht vereinzelt dasteht, sondern wirklich Teil einer Strategie ist. Zum einen sehe ich eine Anschlussfähigkeit in so ein konservativ-bürgerliches, sicherlich auch populistisches Lager, das in seinem Diskurs immer wieder die Kultureinrichtungen und die Förderung durch die öffentliche Hand in Frage stellt und dabei auch viele Argumente vermischt: Da geht es dann schon auch darum, dass Theater trivialer sein und unterhalten soll. Und dann fürchte ich auch die Anschlussfähigkeit an ein rechtspopulistisches, rechtsradikales Lager. Und da gibt ja auch Kollegen und Theater, die  wirklich schon Morddrohungen, Bombendrohungen oder Gewaltandrohung erfahren haben. Das ist eine Strategie, die in beide Richtungen fischt, die destabilisiert und natürlich auch eine große Energie bündelt im politischen Diskurs. So und wie wir uns als Theater wehren, war eigentlich die Frage?...

…Genau – und was Sie konkret machen gegen solche Versuche der politischen Einflussnahme?

Also ich glaube, konkret ist es die Aufgabe, weiterhin sehr konsequent das zu machen, was wir eben als politisches Theater begreifen: ein Theater, das die Themen aufgreift, die uns gesellschaftlich zurzeit bewegen. Ein Theater, das eine Haltung einnimmt für eine offene Gesellschaft, für eine Gesellschaft der Vielfalt, das eine Multiperspektivität herstellt. Theater ist ja per se ein Ort der Empathie, in dem ich mich in viele verschiedene Haltungen zur Welt einfühlen kann. Und Theater ist natürlich per se uneindeutig, ambivalent, es fordert eigentlich immer dazu auf, Widersprüche auszuhalten. Es führt tatsächlich einen demokratischen Dialog. Und wenn wir den einer Gesellschaft immer wieder konsequent anbieten, ist das doch das beste Bekenntnis zur Freiheit der Kunst. Zu einem politischen Theater, das sich einer Eindeutigkeit, einer Popularisierung und einer Polarisierung widersetzt.

Wie gehen Sie denn eigentlich persönlich mit solchen Vorwürfen um? Inwieweit berührt Sie das denn?

Also ehrlich gesagt, persönlich bin ich an der Stelle wirklich sehr gelassen, weil ich darauf zählen kann, dass wir in Memmingen, in unserer Stadt und auch in unserem Spielgebiet einen großen Rückhalt haben. Wir sind in einem tollen Austausch mit dem Publikum, gerade über unsere politischen Stücke. Wir haben zum Beispiel diese Spielzeit mit "Wackersdorf" eröffnet, einem Stück über politisches Wachsen, über politische Mündigkeit. Da gibt es ein unglaublich tolles Echo beim Publikum. Und das ist ja das beste Zeichen dafür, dass wir als Theater hier in der Region in einem Dialog mit den Menschen sind. Und solange das der Fall ist, bin ich sehr gelassen gegenüber solchen Rücktrittsforderungen durch die AfD. Abgesehen davon haben alle anderen Parteien, die gesamte Lokal- und Regionalpolitik hier, die Freiheit der Kunst ganz fest hochgehalten und sich auch sehr eindeutig hinter uns gestellt.

Sie haben ja vorhin auch bemerkt, dass der politische Schlagabtausch, den Sie da führen müssen, letztlich auch unterstreicht, welche Bedeutung Theater und andere Bühnen bei gesellschaftlichen Debatten haben. Warum funktioniert das am Theater so gut?

Diese Live-Situation am Theater, einem Gemeinschaftsort, an dem Menschen wirklich zusammenkommen. Sie sitzen nebeneinander, spüren die Reaktion der anderen, kommen vor und nach einer Vorstellung ins Gespräch – auch mit uns, mit den Macherinnen und Machern. Also diese Versammlungssituation – der traue ich auch in unserer digitalen Zeit immer noch sehr, sehr viel zu. Und dann ist da natürlich jemand auf der Bühne, der es mir ermöglicht, unglaublich nah an andere Lebenswelten heranzukommen: emotional, intellektuell, ästhetisch. Also die vielen Ebenen, auf denen das Theater eine Annäherung ermöglicht, machen doch sehr viel mit einem Menschen, der das zulässt. Eine unglaublich große Kraft und Chance, eine Tiefe in der Auseinandersetzung zu erreichen!

Im Lockdown haben wir alle erlebt, was es bedeutet, wenn die Theater als Orte, an denen – wie Sie gesagt haben – Menschen zusammenkommen, um sich an einem Thema zu reiben, wegbrechen. Für Sie und Ihr Team muss das ja ein besonders quälender Zustand gewesen sein?

Ja, es war wirklich eine absolut quälende Zeit. Besonders, weil man natürlich immer wieder merkt, dass die Kraft und Energie des Theaters über diesen Austausch zwischen Publikum und Bühne überhaupt erst funktioniert und ihre Relevanz und Lebendigkeit erreicht. Und wenn das nicht da ist, ist das natürlich eine zutiefst frustrierende Erfahrung. Insbesondere, weil man ja das Gefühl hat, die Gesellschaft driftet auseinander. Und ich hatte immer das Gefühl, gerade das Theater könnte in dieser schwierigen Zeit sowohl emotional als auch intellektuell unglaublich viel dazu beitragen, dass man sich als Gemeinschaft nicht komplett verliert, wie das im Moment so passiert. Deshalb war die Erfahrung eben doppelt frustrierend…

…und wir bewegen uns ja leider wieder auf so eine ähnliche Erfahrung zu. Oder wie sehen Sie die momentane Entwicklung?

Ja, ich empfinde die Entwicklung als ziemlich düster, weil ich zum einen Angst habe, dass genau diese gemeinschaftlichen Orte wie Theater, Kinos und andere Kulturorte jetzt womöglich doch wieder zumindest reduziert werden. Gerade durch die Impfdiskussion gibt es ja eine Spaltung der Gesellschaft bis in die kleinsten Einheiten hinein, ob das am Arbeitsplatz ist oder in den Familien. Da denke ich, wir bräuchten gerade jetzt diese Kulturorte, die Gemeinsamkeit schaffen. Und die reduzieren sich jetzt wieder durch den Verlauf der Pandemie. Also das finde ich einen ganz gefährlichen Moment.

Im Lockdown vor einem Jahr hat das Landestheater eine Aktion auf Instagram gestartet, einen Aufruf, mal zu posten, was fehlt, wenn Theater fehlt. Da haben ja viele in der Region mitgemacht. Was würde denn unserer Demokratie fehlen, wenn diese künstlerischen Foren für gesellschaftliche und menschliche Fragen aller Art wieder wegbrechen?

Wir sehen ja jetzt schon wieder so einer großen Vereinsamung: Menschen, die auf sich selbst zurückgeworfen sind, die keinen Anschluss mehr finden an andere und an die Welt. Das macht ja diese Pandemie ganz stark mit uns, aber es ist auch das, was die Kulturinstitutionen aufheben können. Und was uns zurzeit ja fehlt, ist der Austausch über ganz existenzielle Fragen, die in der Corana-Zeit nochmal extremer geworden sind. Wir stehen gerade wirklich an so einem Transformationsmoment: ob das der Klimawandel ist, die Digitalisierung, die soziale Spaltung oder die Frage, wie wir in unserer diversen Gesellschaft zusammenleben? Es treiben uns gerade unfassbar große, existenzielle Themen um, die der Einzelne für sich überhaupt nicht bewältigen oder erfassen kann. Und gerade um uns über diese großen Fragen zu verständigen, brauchen wir, finde ich, Theater, Kulturorte, Gemeinschaftsorte, Austauschorte. Wenn die jetzt wieder in den Rückzug gehen müssen, wenn diese Foren nicht gegeben sind – das finde ich einen riesen Verlust.

Das Gespräch mit Intendantin Kathrin Mädler läuft am 18.11. in der Sendung KulturLeben auf Bayern2, zum aktuellen Spielplan des Landestheaters Schwaben geht es hier.