"Bruder Eichmann" on demand Was uns der Fall Adolf Eichmann erzählen kann

Der Prozess gegen Adolf Eichmann gilt als Zäsur in der Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus. Das Residenztheater fragt mit dem Stück "Bruder Eichmann", was uns heute mit diesem Ereignis verbindet. Vorab sehen Sie hier die Lesung zum Stück im Stream.

Von: Niels Beintker

Stand: 09.11.2021

Adolf Eichmann (Mitte) im kugelsicheren Glaskasten mit zwei Polizisten im Gericht in Jerusalem 1961. | Bild: BR

Als Leiter des "Judenreferates" im Reichssicherheitshauptamt war Adolf Eichmann verantwortlich für die Ermordung von sechs Millionen Menschen. Das Verfahren, das im April 1961 in Jerusalem gegen ihn eröffnet wurde, ist in verschiedener Hinsicht historisch bedeutend. Überlebende konnten erstmals öffentlich über das Auskunft geben, was sie – im Namen der Deutschen – erleiden mussten. Die Opfer fanden endlich Gehör. Gleichzeitig stand nach Jahren des akribischen Verschweigens deutscher Schuld erstmals wieder ein Angehöriger der nationalsozialistischen Elite vor Gericht. Mehr noch: Der von einem großen Medienecho begleitete Prozess markiert den Auftakt einer neuen, wenn auch noch lange schleppenden juristischen und gesellschaftlichen Beschäftigung mit der unvorstellbaren Gewalt. Und auch die Berichte über den Prozess –  darunter auch über die emotionale Kälte des Angeklagten – haben zu wichtigen, ebenfalls historischen Debatten geführt.

Kontroverse um "Bruder Eichmann"-Stück

Der Dramatiker und Schriftsteller Heinar Kipphardt hat sich an der intensiven Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte des Massenmörders in Form eines Dokumentartheaterstückes beteiligt. Das Drama "Bruder Eichmann" – lange konzipiert und 1983 am Münchner Residenztheater uraufgeführt – wollte Eichmann nicht nur als bürokratischen Massenmörder darstellen. Sondern ebenso als ganz gewöhnlichen Menschen, der im Beharren, eine angebliche Pflicht erfüllen zu müssen, der Barbarei alle Tore geöffnet hatte. In der "Eichmann-Haltung" sah Kipphardt eine gefährliche und weit verbreitete Disposition.

Die Münchner Inszenierung wurde damals von einer breiten Kontroverse begleitet. Einmal mehr stand die "Banalität des Bösen" – so die berühmte Formulierung der Prozess-Beobachterin Hannah Arendt – im Fokus. Und damit verbunden die Frage, ob man einen solchen Verbrecher überhaupt auf einer Bühne darstellen kann und darf.

Neuinszenierung am Residenztheater

Im Abstand von knapp 40 Jahren arbeitet das Residenztheater an einer Neuinszenierung von "Bruder Eichmann". Unter der Regie von Sebastian Baumgarten und in Zusammenarbeit mit dem Videokünstler Philipp Haupt entsteht ein filmisches Projekt, das im Dezember Premiere hat.

Im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus lesen Mitglieder des Ensembles schon vorab aus dem Theatertext von Heinar Kipphardt. Die Lesung entstand in Kooperation mit der BR-Kulturbühne. Einen Mitschnitt des Abends finden Sie weiter oben im Artikel im Stream.

Zusätzlich sehen Sie hier eine Diskussion über den Eichmann-Prozess, die Auseinandersetzung mit dem Gerichtsverfahren und über Formen des Erinnerns in der Zukunft, sie im Anschluss an die Lesung geführt wurde. Es diskutieren der israelische Hörspielautor und Regisseur Noam Brusilovsky, die Historikerin Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, und ihr Kollege Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.

Eine Kooperation von BR-Kulturbühne und dem Residenztheater München im Rahmen von "BR Kultur 24/7" von 17. bis 23. November.