AfD-Einflussnahme auf Kultur "Man muss verstehen, dass solche Angriffe nicht isoliert dastehen"

Immer wieder versucht die AfD sich an der politischen Einflussnahme auf Kulturinstitutionen, zuletzt im Landestheater Schwaben in Memmingen. Peter Laudenbach sammelt in Dossiers diese Angriffe von Rechtsaußen, die stets nach einem ähnlichen Muster ablaufen.

Von: Knut Cordsen

Stand: 25.10.2021 | Archiv

Landestheater Schwaben | Bild: picture alliance / imageBROKER | Thomas Robbin

Es ist nicht der erste Versuch der politischen Einflussnahme: Vergangene Woche wurde im Unterallgäu ein Antrag der AfD abgelehnt. Der Antrag sprach sich dafür aus, bei der Programmgestaltung des Landestheaters Schwaben in Memmingen auch die "Interessen des konservativen Bürgertums“ und die Lebenswirklichkeit der dort lebenden Menschen zu berücksichtigen. Auch wenn der Antrag von allen übrigen Fraktionen des Kreistags abgeschmettert wurde – die Idee der AfD, gegen eine mit Steuermitteln finanzierte Kulturinstitutionen zu polemisieren, gegen ein angeblich "radikalfeministisches familienfeindliches, multikulturelles Theater“, dürfte aufgegangen sein. Knut Cordsen hat sich mit dem Theaterkritiker und Autor Peter Laudenbach über derartige Attacken der AfD auf die Kunstfreiheit unterhalten. Er arbeitet im Kulturbündnis "Die Vielen" an Dossiers, in denen er die Angriffe von Rechtsaußen sammelt und dokumentiert.

Knut Cordsen: Wenn der bayerische Landtagsabgeordnete Christoph Maier von der AfD die Absetzung der Memminger Intendantin Kathrin Mädler fordert, weil das LTS Schwaben "staatlich finanzierter Linksextremismus“ sei, dann wird Sie das nicht groß überraschen – denn solche Attacken auf Kulturinstitution mehren sich. Es passt gewissermaßen ins Schema, oder?

Peter Laudenbach: Ja, das kann man leider sagen. Wir haben das über Jahre hinweg beobachtet und dokumentiert, inzwischen sind es über 80 Fälle von rechtsradikaler Aggression gegen die Kunstfreiheit. Das sind AfD-Anfragen wie im aktuellen Memminger Fall, oft auch Forderungen, dass bestimmte Theater, die ihnen nicht gefallen, keine Zuschüsse bekommen sollen, oder teilweise auch gezielte Einschüchterungsversuche: Es gibt Forderungen der AfD, bestimmte Theaterstücke nicht zu spielen. Es gab Mails oder Drohungen an Regisseure: Wenn das Stück so gespielt wird, gehen wir juristisch dagegen vor. Es gibt aber auch ganz allgemein eine Grundaggression gegenüber einer liberalen, weltoffenen, toleranten Kultur. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Marc Jongen spricht offen von einem "Kulturkampf“ und sagt, seine Aufgabe sei es, den Kulturbetrieb zu "entsiffen“. Man muss verstehen, dass solche Angriffe nicht isoliert dastehen: Parallel dazu gibt es Morddrohungen gegen Künstler und Intendanten. Es gab Bombendrohungen gegen Theateraufführungen, es gab Brandanschläge, zum Beispiel auf Autos eines Buchhändlers oder auf ein Jugendzentrum in Bremen. Es gab Sprengstoffanschläge. Das ist natürlich nicht die AfD, die das macht. Aber solche Akteure fühlen sich ganz offenkundig ermuntert von Äußerungen aus der AfD. Sie hat in den vergangenen Jahren zu einem Klima beigetragen, das solche Aggressionen gegen Künstler, Künstlerinnen, Kultureinrichtungen fördert.

Das heißt, der von Marc Jongen ausgerufene "Kulturkampf“ stimuliert gewisse Menschen gewissermaßen?

Das kann man so sagen, der Soziologe Wilhelm Heitmeyer bezeichnet das als "Bedrohungsallianzen“. Die AfD in Berlin verlangt, dass ein Theater weniger Geld bekommen soll, weil der Intendant sich gegen die AfD ausgesprochen hat. Es entsteht eine öffentliche Debatte um diese Forderung der AfD. In diesem Zeitraum bekommt der Intendant mehrere Morddrohungen und eine Bombendrohung gegen eine laufende Theatervorstellung. Das sind nicht AfD-Mitglieder, die das machen, aber es passiert gleichzeitig und ermuntert sich gegenseitig. Man fühlt sich legitimiert.

Wie verteilen sich denn diese Fälle zwischen Ost und West? In Ostdeutschland dürfte die Einflussnahme aufgrund der hohen Stimmenanteile der AfD ja noch stärker sein als in Westdeutschland, oder?

Ich habe das nicht nachgezählt, aber es ist auf keinen Fall auf den Osten beschränkt. Die AfD in Baden-Württemberg hat gefordert, dass die Theater offenlegen, wie viele ihrer Mitarbeiter keinen deutschen Hintergrund haben. Das ist einfach sehr zynisch. Die AfD in Kassel polemisiert gegen ein Kunstwerk der documenta, teilweise auch mit sehr aggressivem Vokabular. Es ist in ganz Deutschland zu beobachten, muss man leider sagen.

Sie arbeiten ja seit längerer Zeit zusammen mit dem Kulturbündnis Die Vielen an Dossiers, in denen diese Angriffe von Rechtsaußen gesammelt werden. Für wie gefährlich beziehungsweise für wie erfolgsträchtig halten Sie diese Attacken, für die der aktuelle Fall in Memmingen ja nur stellvertretend steht?

Na ja, sie sind so gefährlich wie eine in Teilen offen rechtsradikale Partei, die in Teilen vom Verfassungsschutz beobachtet wird, sich aber inzwischen eine eigene Stammwählerschaft erarbeitet hat. Natürlich ist das nicht erfreulich für die Demokratie. Aber: Die Vielen nennen sich so, weil sie eben viele sind: Die Anderen sind die Minderheit, und man muss auch deutlich sagen, dass ein paar rechtsradikale Gewalttäter dieses Land nicht verändern werden. Ich bin nicht dafür, dass man jetzt zu aufgeregt darauf schaut. Für Betroffene allerdings kann es natürlich schon massive Folgen haben. Es geht aber gar nicht allein darum, dass man auf diese Weise Theatern Schaden zufügen kann. Es geht darum, Stimmung zu machen. Man muss auch verstehen, dass Angriffe auf einzelne Künstler, auf einzelne Kulturinstitutionen nicht nur diese einzelnen Theater, Opernhäuser, Museen meinen. Es geht eigentlich immer darum, den Riss in der Gesellschaft größer zu machen, die Gesellschaft zu spalten, zu teilen in "die“ und "wir“. Das ist das einzige, was Rechtsradikale können - aber das können sie leider sehr gut: Feindbilder herstellen, Feindbilder markieren. Und genau das geschieht auch in Memmingen, im LTS Schwaben. Dieses Theater wird als Ganzes zum Feind erklärt, weil es eine tolerante, weltoffene, liberale Gesellschaft repräsentiert.

Seit 2017 betreibt die Alternative für Deutschland eine eigene Kulturstiftung, die Desiderius-Erasmus-Stiftung. Welche Rolle spielt diese Stiftung im Rahmen der kulturpolitischen Interventionsversuche?

Weil die AfD zum zweiten Mal in den Bundestag eigezogen ist, hat sie rein formal Anrecht auf die finanzielle Unterstützung ihrer Stiftung. Wir reden von einem Betrag von mindestens 60 Millionen Euro im Jahr. Teil der Strategie der Rechtsradikalen ist, im vorpolitischen Raum Stimmungen zu verändern. Und genau diese Aufgabe wird so eine Stiftung übernehmen. Wenn man sich ansieht, wer da involviert ist, etwa Figuren wie Erika Steinbach, lappt das über zum offenen Rechtsradikalismus. Die Stiftung spielt in diesem Kulturkampf eine sehr verhängnisvolle Rolle. Man kann sich schon fragen, ob der demokratische Rechtsstaat mit Steuergeldern eine Partei finanzieren muss, die in Teilen diesen demokratischen Staat ablehnt.

Das Interview wurde für die kulturWelt vom 25. Oktober 2021 geführt – den Podcast können Sie hier abonnieren.