Theater per Post Prä-MeToo-Drama "Oleanna" als VR-Erlebnis

Das Staatstheater Augsburg zeigt ein hochaktuelles Stück über die Grenze zwischen sexistischer Rede und handfester Belästigung. Dem kann man sich nur schwer entziehen – auch, weil wir Dank Virtual Reality mitten im Geschehen stehen.

Von: Christoph Leibold

Stand: 19.01.2021 | Archiv

Der zweite Akt: im Auto | Bild: Staatstheater Augsburg

Vor zwei Jahren feierte am Staatstheater Augsburg eine Neu-Inszenierung von David Mamets "Oleanna" Premiere. Der US-Dramatiker nahm in seinem bereits 1992 entstandenen Stück viele Themen vorweg, die heute, über zweieinhalb Jahrzehnte später, im Zuge der MeToo-Debatte stärker denn je diskutiert werden. Jetzt hat Axel Sichrovsky, Regisseur der Augsburger Produktion, das Stück ein weiteres Mal inszeniert. Diesmal aber nicht für eine Live-Vorstellung vor Publikum – denn die Theater sind ja derzeit geschlossen – sondern als Virtual-Reality-Theatererlebnis. Basierend auf seiner hochgelobten Bühnenfassung von 2019 hat Sichrovsky eine Bearbeitung für VR-Brillen entwickelt. Am Montagabend war sozusagen Premiere, denn da wurden die Brillen erstmals ausgeliefert. Eine Kritik von Christoph Leibold.

Das Theater kommt mit dem Paketdienst nachhause: Geliefert wird ein Karton, darin die VR-Brille. Die muss man einfach auspacken, aufsetzen, anschalten – dann kann man eintauchen in die virtuelle Wirklichkeit.

360-Grad-Rundumblick

Da stehe ich nun also als Zuschauer scheinbar mitten in einer alten Bibliothek. Wenn ich mich an meinem realen Standort, zum Beispiel daheim im Wohnzimmer, mit der VR-Brille vorm Gesicht einmal um mich selbst drehe, sehe ich nicht den eigenen Wohnzimmertisch, sondern im 360-Grad-Rundumblick einen Raum voller Bücherregale. Ich meine fast den spezifischen Geruch alter Wälzer zu riechen und spüre die ungeheure Macht des Wissens, das in diesen gewichtigen Werken steckt.

Für die Studentin Carol ist dieses Wissen eine Last, eine Belastung, deshalb sucht sie den Kontakt zu John, ihrem Professor. Mit schöner Mischung aus Verzweiflung und trotzigem Willen zur Selbstbehauptung berichtet Katja Sieder als Carol von ihrer Überforderung mit dem Lehrstoff, und ich werde zum stummen Zeugen dieser Begegnung von Studentin und Professor.

Sexismus, ja. Aber sexuelle Belästigung?

John zeigt Verständnis, bietet seine Hilfe an, plaudert aus dem Nähkästchen eigener Frusterlebnisse. Nicht unsympathisch, wie Andrej Kaminsky diesen Professor spielt, doch im gut-väterlichen Auftreten steckt auch eine gehörige Portion Paternalismus: Man spürt die Herablassung des alten Mannes gegenüber der jungen Frau, sieht klassisches Mansplaining nach dem Motto "Hey Mädel, ich erklär` Dir die Welt!" Das ist Sexismus, zwar nur latent, aber letztlich doch unübersehbar. Doch lässt sich der gleichsetzen mit sexueller Belästigung?

Mit eben dieser Anschuldigung, später gesteigert zum Vergewaltigungs-Vorwurf, konfrontiert Carol im Folgenden John, der nun um seine Universitätskarriere bangt. Ich bin der unsichtbare Dritte im Raum, den es nur in dieser virtuellen Realität gibt, aber in solchen Fällen nie im echten Leben. Ich könnte John freisprechen von den Vorwürfen, und würde Carol dennoch nicht der Verleumdung bezichtigen. Denn sie lügt und sagt doch die Wahrheit, denn ihr Machtmissbrauch ist aus alltäglich erfahrener Ohnmacht erwachsen.

Realismus wird zu Surrealismus

David Mamet hat dieses Spiel um Macht und Ohnmacht klug ausbalanciert, ein einfaches Urteil ist unmöglich. Und Axel Sichrovskys VR-Brillen-Inszenierung sorgt dafür, dass aus diesem Hörsaal- noch mehr als nur eine andere Art von Gerichtssaal-Drama mit Schlagabtausch zwischen Anklage und Verteidigung wird. Dem Realismus des ersten Aktes setzt er im letzten Akt Surrealismus entgegen.

Der Kampf um eine andere Hackordnung spielt nun auf einem Hühnerhof. Im virtuellen Rundumblick sehe ich neben John und Carol Hennen zu meinen Füßen im Gras picken und die Souffleuse auf einem Campingstuhl im Moorhuhn-Kostüm. Die VR-Technik dient nicht mehr dazu, möglichst "echtes" Erleben zu simulieren, sondern entführt in ein betont bizarres Szenario.

Der Vorwurf wird als Metapher begreifbar

Interessanterweise schadet das der Auseinandersetzung mit den wirklichkeitsnahen Fragen, die das Stück aufwirft, nicht im Geringsten. Im Gegenteil: Das Surreale der Situation, in die Axel Sichrovsky die Handlung verlegt hat, erlaubt sogar eine breitere Beschäftigung. Juristisch betrachtet sind Carols Bezichtigungen fragwürdig. In einem Setting aber, das der Eins-zu-Eins-Abbildung von Realität enthobenen ist, wird nicht nach geltendem Recht, sondern nach den Gesetzen der Kunst verhandelt. Carols Vorwurf wird so als metaphorische Anklage begreifbar: Gegen eine Gesellschaft, in der noch immer patriarchale Machtstrukturen herrschen. Diese Anklage ist nicht so leicht vom Tisch zu wischen.

Beim Abnehmen der VR-Brille nach der Vorstellung ist mir leicht schwummrig. Mein Kopf schwirrt angesichts der aufgeworfenen Fragen – und auch ein bisschen, weil die virtuellen 360-Grad-Bilder meinem Hirn Streiche gespielt haben, die Schwindelgefühle auslösen. Eine in jeder Hinsicht bewegende Inszenierung.

Oleanna – ein Machtspiel
Schauspiel von David Mamet, Inszenierung von Axel Sichrovsky
Carol: Katja Sieder
John: Andrej Kaminsky

"Oleanna – ein Machtspiel" und fünf weitere VR-Inszenierungen können auf der Webseite des Staatstheaters Augsburg für die eigene VR-Brille bestellt werden. Wer in Augsburg lebt, kann sich eine VR-Brille mit dem Fahrradkurier liefern zu lassen, deutschlandweit erfolgt der Versand postalisch. Mehr Informationen zum Stück und zur Bestellung der Brillen finden Sie hier.