Zeitalter des Kolumnismus Über eine Kolumne, die zur Staatsaffäre wurde

"All cops are berufsunfähig": Mit dieser Kolumne hat taz-Mitarbeiter_in Hengameh Yaghoobifarah einen veritablen Shitstorm ausgelöst. Jetzt droht eine Strafanzeige durch Horst Seehofer. Ein Kommentar von Knut Cordsen.

Von: Knut Cordsen

Stand: 22.06.2020

Das Logo der Tageszeitung "taz" ist am Eingang des Redaktionsgebäudes in Berlin-Mitte zu sehen. | Bild: picture alliance/Sven Braun/dpa

Wollte man unser Zeitalter charakterisieren, so müsste man es wohl angesichts der Prominenz einer Margarete Stokowski, eines Jan Fleischhauer, einer Sibylle Berg, eines Harald Martenstein und nun auch eine_r Hengameh Yaghoobifarah das Zeitalter des Kolumnismus nennen. Damit ist keine einheitliche politische Ideologie verbunden – Kolumnisten können rechts wie links sein, manchmal sogar beides – all columnists are bastards –, wohl aber jede Menge provokatorisches Potential. Wer kolumniert (wie Max Goldt das genannt hat, ein großer Vertreter dieser Zunft), fordert Gegenreaktionen heraus. Mehr noch, es ist das Amt des Kolumnisten, Radau zu erzeugen, Rabatz zu machen, dafür holt man sie oder ihn ins Blatt oder Magazin. Aufregung ist seine oder ihre Geschäftsgrundlage. Eine kluge Kolumnistin früherer Tage durchschaute freilich schon 1969 dieses Spiel und weigerte sich, weiterhin Teil desselben zu sein. Ihr Name: Ulrike Meinhof.

"Kolumnismus" nannte sie ihren Beitrag in der Zeitschrift "konkret", und es lohnt sich nachzulesen, was Meinhof darin über den Beruf des Kolumnisten schrieb: "Kolumnisten haben Entlastungsfunktionen. So wird der Eindruck erweckt, in dieser Zeitung dürfe geschrieben werden, wie und was die Schreiber wollen ... Sie werden relativ gut bezahlt, ihre Namen werden fett gedruckt. Kolumnen sind Luxusartikel, Kolumnisten sind Stars, in ihrer Badewanne sind sie Kapitän." Check your privilege, würde Ulrike Meinhof vermutlich heute ihren Kolleg_innen zurufen. Und doch hat dieser Star-Status natürlich eine Kehrseite, so vor über 50 Jahren schon (im damals noch gebräuchlichen Sprache) die luzide Analyse Meinhofs. Niemand spreche davon, dass "der Kolumnist der beste Untertan des Verlegers" ist: "Kolumnisten sind die Neger im State Department, die Frauen in der Bundesregierung, Feigenblatt, Alibi, Ausrede."

Weshalb Meinhof sich auch in besagtem "konkret"-Artikel über den "Kolumnismus" angewidert abwandte: "Wir wollen keine Heiligen, wir verlangen nur, dass Widerstand geleistet wird, und die Unterwerfung unter die Gesetze des Marktes nicht als freier Journalismus ausgegeben wird und die Kunst, Termine zu halten, nicht mit der Kunst, die Wahrheit unter die Leute zu bringen, verwechselt wird, und Redaktionsdemokratie nicht Sand im Getriebe ist und Kolumnismusfreiheit erkannt wird als das, was sie ist: Ein Prestige-, ein Profitfaktor, ein Leserbetrug, ein Selbstbetrug, Personenkult." Das sind erhellende Sätze. Sie treffen auf einstige Spiegel- und jetzige Focus-Kolumnisten genauso zu wie auf taz- oder Zeit-Kolumnisten. Nur äußerst selten freilich eskalieren kleine Kolumnen zur Staatsaffäre wie nun im Falle des jetzt schon überberühmten Anti-Polizei-Stücks "All cops are berufsunfähig" von Hengameh Yaghoobifarah. Eine Kolumne, die sich um die Einsatzfähigkeit von Ordnungshütern außerhalb ihres angestammten Berufsfelds sorgt und zum Schluss kommt, dass sie anderweitig schlicht nicht einsetzbar sind – eine Eigenschaft, die Polizisten mit den meisten Kolumnisten teilen dürften. Aber käme deshalb jemand auf die Idee, letztere gleich auf die Mülldeponie zu schicken?

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Patrick Bahners 20.06.2020 | 00:46 Uhr Wollte man Bettina Gaus mit ihren eigenen Waffen auseinandernehmen, wäre hier die Bemerkung fällig, dass sich in machtgeschützter Polemik gegen journalistische Exegese auch Josef Goebbels gefiel, als er in den Feuilletons die Ersetzung der Kritik durch den Bericht anordnete.

Fruchtbarer als die reichlich bemühte Exegese, die der FAZ-Feuilletonist Patrick Bahners in verteidigender Absicht dem Text in einem Thread auf Twitter angedeihen ließ (nur um sich seinerseits heillos zu verrennen, indem er eine andere taz-Kolumnistin, Bettina Gaus, wegen ihrer unterdessen veröffentlichten Kritik an der Yaghoobifarah-Kolumne polemisch in die Nähe von Josef Goebbels rückte), aufschlussreicher auch als die müßige Erörterung der Frage, ob der Text nun eine gelungene Satire oder überhaupt eine solche darstellt, ist es vielleicht, den Typus des Kolumnisten ein wenig näher zu betrachten.

Er oder sie scheint, wo nicht eine Unfehlbarkeit, so doch eine gewisse Unantastbarkeit für sich zu reklamieren. Das Schlimmste, was ihr oder ihm offenbar widerfahren kann, ist Widerspruch. Wird solcher geäußert, müssen sofort Solidaritätsadressen her ("Volle Solidarität mit @habibitus", lautet ein oft zu lesender Satz der "Team Hengameh"-Unterstützer auf Twitter). Diese Dünnhäutigkeit gegenüber einer zunächst ja nur redaktions- und medienintern laut werdenden Kritik an einem Meinungsstück irritiert.

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Krsto Lazarević 21.06.2020 | 22:46 Uhr Eure Heimat ist unser Albtraum. Volle Solidarität mit @habibitus #Seehofer

Weicht die Autor_in der Kolumne, selbst nicht gerade zimperlich in ihrer Wortwahl, dem aus, was man immer noch eine Debatte nennt? Und ist es nicht whataboutism, wie er im Lehrbuch steht, wenn man von unliebsamer Kritik an Hengameh Yaghoobifarahs Artikel abzulenken versucht, indem man auf ihre nonbinäre geschlechtliche Identität und "Misgender"-Erfahrungen abhebt – so als hätte das eine irgendetwas mit dem anderen zu tun? Immunisiert die in Kiel geborene Verfasser_in ihre Selbstbeschreibung als "Migrantenkind" gegen jede Art von Widerrede?

Gewiss, es gab ad hominem, auf die Person zielende Angriffe wie jener mittlerweile gelöschte unsägliche Tweet des CSU-Generalsekretärs Markus Blume, auf dem mit dem Konterfei Hengameh Yaghoobifarahs gegen "die hässliche Fratze der hasserfüllten Linken" gehetzt wurde. Es gab die Charakterisierung Yaghoobifarahs als "degeneriert" durch Rainer Wendt, den Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft. Aber allem Anschein nach drehen gerade nicht nur die Kritiker der Autor_in hohl. Wie sonst kommt der Comedian Jan Böhmermann als ihr Fürsprecher dazu, sich mit dem Tweet "Recep Tayyip Seehofer" zum fleißig Herzen sammelnden Horst zu machen? Wie kommt er auf die Erdogan-Assoziation bei einer Autor_in, die 2019 vom Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier persönlich zur Matinee "100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland – Parität in der Politik" eingeladen wurde?

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Jan Böhmermann 🦠 🤨 21.06.2020 | 21:48 Uhr Recep Tayyip Seehofer https://t.co/GE1tZVIEXv

Recep Tayyip Seehofer https://t.co/GE1tZVIEXv | Bild: janboehm (via Twitter)

Es ist mehr als eine Koinzidenz, ausgerechnet in dem Moment vom höchsten Repräsentanten des Staates ins Schloss Bellevue gebeten zu werden, in dem man als Mitherausgeber_in des Sammelbandes "Eure Heimat ist unser Albtraum" fungiert (erschienen, nebenbei bemerkt, bei Ullstein, einem renommierten Verlag). Es erzählt etwas von eminenter Wertschätzung, nicht von Diskriminierung. Könnte es sein, dass die Autor_in ihre eigene Position beständig in die eines Parias verkehrt, obwohl sich dies überhaupt nicht mit der Wirklichkeit deckt? Zeigt nicht vielmehr die Kontroverse um sie, welche Macht sie hat? Wahrlich, wir leben im Zeitalter des Kolumnismus.