"Die beste Instanz" Was sich aus der YouTube-Talkshow lernen lässt

Enissa Amani antwortet auf die umstrittene "Letzte Instanz"-Sendung des WDR mit einer eigenen Talkrunde zu Rassismus auf YouTube. Ist das die Zukunft der Debatte: Jeder diskutiert in seinem Schrebergarten? Nein. Aber ein wichtiger Schritt. Ein Kommentar

Von: Beate Meierfrankenfeld

Stand: 10.02.2021 15:28 Uhr

"Die beste Instanz" als Replik auf die Sendung "Die letzte Instanz" | Bild: Screenshot: Enissa Amani/Youtube

Es gibt zwei Arten von Talkshows: das organisierte Scheingefecht und das Lagerfeuer. Für das Scheingefecht sollen sorgfältig auf Kontroverse hin gecastete Gäste in einem Studio über ein Thema streiten und tun das in den allermeisten Fällen sehr vorhersehbar. Im Lagerfeuer-Format dagegen setzen sich Prominente, Halb- und Ex-Prominente einfach zusammen und reden, stellen ihre Bücher, Platten, Filme vor, erzählen von sich – und verstehen sich prima. Manchmal auch zu prima, wie Ende Januar im WDR-Talk "Die letzte Instanz".

Eine fast unheimliche Einigkeit

Die Sendung lief schnell aus dem Ruder. Nicht weil eine oder einer der Beteiligten wie einst Wolfgang Bosbach bei "Maischberger" oder Alice Weidel bei "Wie geht's, Deutschland?" im ZDF empört den Schauplatz verlassen hätte. Sondern weil man sich in fast unheimlicher Weise einig war: Fünf weiße Menschen wunderten sich, beschwerten sich, nörgelten ein bisschen darüber, dass man jetzt schon nicht mehr "Zigeunersauce" sagen dürfe, weil irgendein Zentralrat, der irgendwie nichts Besseres zu tun habe, sich dann beschwere. So ähnlich jedenfalls.

Es folgte ein Shitstorm – und jetzt, eineinhalb Wochen später, eine Talkshow-Antwort: "Die beste Instanz". Nicht im Fernsehen, sondern auf YouTube. Enissa Amani, iranisch-deutsche Moderatorin und Comedy-Frau, lud fünf Gäste ein, die beim Thema Rassismus wissen, wovon sie reden: die Kommunikationswissenschaftlerin Natasha A. Kelly, den Lyriker und Buchautor Max Czollek, Nava Zarabian von der Bildungsstätte Anne Frank, den homosexuellen Comedian Gianni Jovanovic, ein Rom, der sich für die Belange von Sinti und Roma einsetzt, und den deutsch-marokkanischen Journalisten Mohamed Amjahid.

Talkshow-Replik: Die beste Instanz

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DIE BESTE INSTANZ presented by ENISSA AMANI | Bild: Enissa Amani (via YouTube)

DIE BESTE INSTANZ presented by ENISSA AMANI

Das naturwüchsig "Normale" gibt es nicht

Amjahid stellte bündig fest: "Man kann nichts verbieten, aber heutzutage gibt es halt Widerspruch". Seine Eltern hätten nicht die Möglichkeit gehabt, nach einer rein-weißen Talkrunde voller rassistischer Stereotype zu sagen: "Wir gehen jetzt zu Enissa Amani und reden darüber. Jetzt hat sich das geändert." Klingt simpel, ist aber fast schon der Kern der ganzen komplizierten Debatte um Sprachregeln, Wörter, die man nicht mehr sagen und Begriffe, die man stattdessen besser verwenden sollte: Redeweisen werden kritisiert, Haltungen müssen sich rechtfertigen, Perspektiven sind überhaupt erst als Perspektiven erkennbar. Und können sich selbst nicht länger als neutral und unmarkiert verstehen, wie Natasha A. Kelly betonte.

Den gesegneten, den unschuldigen Unort des "Normalen", des naturwüchsig gültigen "Das-haben-wir-doch-schon-immer-so-gemacht", den gibt es nicht mehr. Es hat ihn natürlich nie gegeben, er war schon immer der Ort von Privileg und Macht, und er war schon immer ein politisch abgesicherter Platz. Genau deshalb kann der Blick von diesem Platz seine Aussicht für die ganze Welt nehmen – bis er die schmerzhafte Erfahrung macht, dass das eben nicht so ist. Darauf kann man mit Lernbereitschaft reagieren, pathetischer Lernbereitschaft vielleicht sogar, wie der demokratische Kongressabgeordnete Dean Phillips, der erst beim Sturm auf das Kapitol verstanden hat, dass die Taktik, sich unter die Republikaner zu mischen, um von der anstürmenden Wut vielleicht verschont zu bleiben, für seine schwarzen Kollegen nicht aufgehen würde.

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Phillips Offers an Apology, Recounts Harrowing Story from the House Floor on January 6 | Bild: Rep. Dean Phillips (via YouTube)

Phillips Offers an Apology, Recounts Harrowing Story from the House Floor on January 6

Oder man reagiert unwillig, zum Beispiel weil man als deutscher Professor "einen Rechtfertigungszwang" verspürt, wenn man das Gendersternchen nicht verwendet. Und dadurch – eine fast bilderbuchschön verzerrte Ausmalung der Welt durch die Annahme der eigenen Maßgeblichkeit – nicht weniger in Gefahr sieht als die Wissenschaftsfreiheit.

Keine Talkshows nach dem Schrebergarten-Prinzip

Ja, die Dinge stehen unter Rechtfertigungszwang. Die politischen allemal und in der Demokratie sowieso. Alles ist verhandelbar, nichts kann sich rundheraus dagegen immunisieren, verhandelt zu werden. Das ist beinahe angewandter Habermas, und die Talkshow könnte, ideal und idealistsch gedacht, sogar der Raum dafür sein. Der Raum für die – angewandter Kant – "unschädlichste" aller Freiheiten, "nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen".

Aber ist das, was Enissa Amani da auf YouTube gemacht hat, tatsächlich eine Debatte – oder nicht eher eine Selbstbestätigung unter Gleichgesinnten? Ein Safe Space, in dem man sich, einander immer wieder die eigene Achtsamkeitsbereitschaft versichernd, unterstützt und rückhaltlos "empowert"? Darauf muss man zweierlei antworten: Erstens findet der Talk in aller Öffentlichkeit statt, setzt sich also auch denen aus, die aus Kommentarspalten gern eine Kampfzone machen.

Und zweitens ist er selbstredend kein Modell für die öffentliche Diskussion. Er ist eine Art Übergangsformat und ein drittes Talk-Genre: kein Scheingefecht und auch kein Lagerfeuer, das nur ein wenig Wärme verbreiten soll, sondern eine politische Erklärstunde. Mit offen didaktischen Elementen, zugegeben. Das war notwendig und richtig, gerade wenn das Ziel nicht heißt: Talkshows nach dem Schrebergarten-Prinzip. Hier die weißen Deutschen, da die nicht-weißen, die mit Migrationsgeschichte oder Rassismus-Erfahrung. Am Ende, das ist klar, müssen alle bei Anne Will sitzen, und zwar nicht als Repräsentanten einer Gruppe oder Identität, sondern einfach als Diskutanten, die etwas zu sagen haben.

Diskussionsverweigerung gilt nicht

Am Ende. Für den Weg dahin behelfen wir uns mit Identitätspolitik und ein bisschen Volkspädagogik. Natürlich müssen die Adressaten dieser digitalen Lerneinheit nicht einfach alles hinnehmen, was sie da hören, natürlich gab es in den eineinhalb Stunden bei Enissa Amani einiges, was man durchaus anders diskutieren oder kritisieren könnte. Aber die Diskussion zu verweigern, wie die fünf vom weißen Saucen-Talk das mit spätpubertärer Nöligkeit so wortreich tun wollten, das gilt eben nicht mehr. Der Safe Space des Selbstbildes, normativer Normalfall und als solcher die "letzte Instanz" zu sein, ist aufgebrochen. Wie weh das tut, ist an der heftigen Reaktion auf Gendersternchen oder die Reform von Schnitzelnamen abzulesen.