Gespräch mit Sven Regener Warum "Glitterschnitter" einem Wimmelbild gleicht

In seinem neuen Buch erzählt der Musiker und Schriftsteller einmal mehr von der flirrenden Welt im freien und gleichzeitig eingemauerten Westberlin. Im Mittelpunkt: viele Freaks, eine eigenwillige Band und wilde Kunst.

Von: Niels Beintker

Stand: 08.09.2021

Sänger und Autor Sven Regener von der Band "Element of Crime" zeigt in Richtung der Kamera. | Bild: dpa-Bildfunk/Arne Dedert

"Glitterschnitter" heißt die Band, die im gleichnamigen Roman von Sven Regener von einem großen Gig auf einem Westberliner Kunstfest träumt: Ferdi am Synthesizer, Raimund am stets zu lauten Schlagzeug, Lisa am Saxophon und Karl Schmidt mit teurer Bohrmaschine und Betonklotz. Erst einmal aber gibt es nur ein Konzert in einem aufgegebenen Friseurladen namens "Intimfrisur". Sven Regeners Roman schließt an an den Vorgänger "Wiener Straße" aus dem Jahr 2017 und führt in den kalten Dezember 1980, ebenso zu Milchkaffee, Sechskant-Schlüsseln eines schwedischen Möbelkonzerns und zur Frage, wie der richtige Guss für eine Sachertorte beschaffen sein muss. Weitere Fragen? Sven Regener gibt Auskunft.

Niels Beintker: Was hat Sie denn schreibend einmal mehr an diesen Ort, an die Wiener Straße im Westberliner Stadtteil Kreuzberg geführt?

Sven Regener: Es ist ein Ort, so gut wie jeder andere, um einen Roman spielen und Dinge passieren zu lassen. Das sind fast alles Leute, die zwischen Anfang und Ende 20 sind – und miteinander agieren. Für mich ist entscheidend, dass das ein Alter ist, das sehr interessant ist für Romane. Man ist gerade so ein bisschen von der Kette gelassen und das ganze Leben steht einem offen. Aber man muss natürlich überhaupt erst einmal einen Platz in einer Welt suchen, deren Regeln man nicht gemacht hat und die man auch nur zum Teil durchschaut. Und das tun die Leute hier auch, aber unter besonderen Bedingungen. Einmal, weil viele von ihnen Künstler sind oder sich als solche zumindest sehen oder Lust haben, so etwas zu machen – und in einer Umgebung unterwegs sind, wo das auch relativ normal ist. In einer Zeit, in der das relativ normal ist, dass man einfach etwas auf die Beine stellt, Punk und Post-Punk, mit einer Explosion in der Kunst. Und das ist interessant, weil ich das natürlich gleichzeitig verweben kann mit allen anderen Problemen, die man als Mensch sowieso hat, in diesem Alter oder überhaupt als Mensch. Viele von diesen Dingen – wie der der richtige Guss auf eine Sachertorte kommt oder so – sind ja immer noch aktuell. Es ist ja gar nicht so, dass die Leute im 15. Jahrhundert oder 1980 oder eben heute so groß andere Probleme hatten. Nur das Drumherum ist ein bisschen anders. Ich bin mit diesen Figuren natürlich sehr vertraut. Es ist eine Welt, die ich mir geschaffen habe. Mit der spiele ich gern. Bei "Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt" gibt es diesen Verweis auf Raimund und Ferdi, die ja hier – 1980 – zum ersten Mal auftauchen. Später werden sie sehr erfolgreiche Techno-Unternehmer werden und sagen: "Ja, der Charlie kann mitmachen. Er hat früher schon die Bohrmaschine gespielt und das kommt uns hier entgegen." Hier (in "Glitterschnitter", die Red.) passieren jetzt plötzlich die Dinge, die damit zusammenhängen.

Also, die Geschichten finden damit auch irgendwie zueinander, in diesem Kosmos?

Diese beiden Figuren – Ferdi und Raimund bei "Magical Mystery" – sind sehr interessant. Das sind auch die Leute, die offensichtlich ein bisschen die andere Welt des Karl Schmidt sind, der dann später auch so ein richtiger Freund von Frank Lehmann wird, wie man dann bei "Herr Lehmann“ merkt. Aber der eben noch einen anderen Strang an Bekannten hat. Und das sind zum Beispiel Raimund und Ferdi. Ich habe diese Duos immer sehr geliebt. Es gibt in Bohème-Kreisen oft Leute, die immer zu zweit auftreten und zusammen Dinge machen. Das ist ganz bezaubernd, weil die sich gegenseitig so befeuern und am Laufen halten. Die strahlen eine ganz andere Energie aus. In diesem Fall sind das Raimund und Ferdi, die sich gegenseitig immer befeuern und sich eigentlich auch ein Gehirn teilen. Das war ein Ausgangspunkt für die Geschichte. Und gleichzeitig haben wir immer noch das Thema: Wie kommt Frank Lehmann eigentlich in diese Welt hinein? Er ist auch hier noch relativ neu in dieser Welt.

Der Roman "Glitterschnitter" erzählt einmal mehr von der flirrenden Künstlerszene in Kreuzberg. Wir begegnen den österreichischen Jungs oder auch den "Berufsösterreichern" aus der "ArschArt Galerie" erneut. Wir begegnen dem Künstler H.R. Ledigt und seiner Begeisterung für eine IKEA Muster-Wohnung. Und wir haben Teil an den Konzertträumen von Glitterschnitter. Der Auftritt in der "Intimfrisur", neben dem Café Einfall, soll ja nur die Vorstufe für ganz Großes sein. Wie finden Sie all diese Geschichten?

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Ich habe diese Zeit miterlebt. Ich bin 1982 nach Berlin gekommen. Und bis 1985 ging das so. Das Interessante ist, wie gesagt, dass die Leute diese unglaubliche Energie haben, Kunst machen zu wollen. Aber das relativ ungezielt und ungerichtet. Es gibt zwei Figuren, die einen ganz starken inneren Kern haben. Das ist zum einem H.R. Ledig, der offensichtlich ganz klare Vorstellungen hat, was er gerne macht und was er gut findet. Die kann man nicht erklären. Aber für ihn selber ist das völlig klar, dass eine IKEA Muster-Wohnung toll ist. Und dass es nichts Besseres gibt, als die einfach aufzubauen, als Ausstellungsstück. So eine Haltung ist sehr modern und in der Zeit auch begründet. Das erinnert an Kippenberger und solche Leute – und generell an viele Seiten moderner bildender, plastischer Kunst. Zum anderen ist das Raimund, von Ferdi und Raimund. Raimund will immer nur Schlagzeug spielen. Wie sagt er immer? "Wenn die Trommeln sprechen, schweigt der Kummer." Wenn er aufhört zu trommeln, gibt es immer wieder Probleme. Aber solange er trommelt, ist es okay. Und darum gruppieren sich die anderen Leute, die sehr viel unsicherer sind. Ein paar neue Figuren gibt es ja auch. Leo zum Beispiel, die einen völlig anderen Blick auf diese Kreuzberg-Sause hat. Sie sagt: "Es ist alles totaler Hippie-Scheiß hier. Ich hab darauf überhaupt keinen Bock!" Sie betreibt einen Club in Steglitz – den heißesten Club der Stadt, aber eben in Steglitz. Man bekommt so mal einen anderen Blick auf die Sache. Den Mythos Kreuzberg darf man nicht überschätzen. Es war tatsächlich so, dass Schöneberg zum Beispiel, was die Kunst betraf, in den frühen 80ern sicher eine mindestens ähnliche, wenn nicht sogar eine viel größere Rolle gespielt hat. Kreuzberg war eher dieses Hippie-Off-Theater-Selbsterfahrungs-Ding. Da gab es auch Freaks wie eben H.R., auch wenn der in eine ganz andere Richtung tendiert. Im Grunde genommen ist das so etwas wie ein großes Panorama- oder Wimmelbild, was ich da gemalt habe. Ich versuche, mich selbst auch als Autor, aber auch den Leser da durchzuführen. Und aus den verschiedenen Sichtweisen der Leute eine Vorstellung davon zu bauen, wie das Leben so spielen kann.

Mit Raimund ist ja dann auch jemand genannt, der auch gerne sein Ding machen will, am viel zu lauten Schlagzeug. Das führt zur Band "Glitterschnitter", zur Truppe um Ferdi am Synthesizer, Raimund am Schlagzeug und Karl Schmitt, der mit einer sehr teuren Bohrmaschine einen Betonbrocken bearbeitet. Im Lauf des Romans wird dann aus dem Trio auch noch ein Quartett mit Lisa, die Saxophon spielt und die aus Sicht der Frau, die sie ihre Tante nennt, allzu gerne und oft die Unwahrheit erzählt. Wofür steht denn diese Band?

Dieser Projektcharakter ist interessant. Ich erinnere mich, dass ich angerufen wurde: "Du, wir treten in zwei Stunden auf. Wir haben in einer Stunde noch eine Probe. Willst du mitmachen?" Und da kam man hin. "Ja, wir haben ein, zwei Lieder. Den Rest machen wir so aus der Hand." Dann wurde irgendwas gespielt. Und damit stellte man sich vor die Leute – und das war okay. Das war diese Punk/Post-Punk-Geschichte. Dass man einfach sagte: "Es ist doch okay, das ist interessant, warum nicht? Lass uns auf die Bühne gehen und gucken, was passiert. So." Und dieses ganze Ding – ist das jetzt gut, handwerklich – das war völlig egal. Hauptsache, es ist nicht langweilig. Und wenn es langweilig war, hat man die Leute beschimpft (lacht) und dann flogen irgendwelche Sachen. Und das war dann auch okay. Das war dann eben nicht langweilig. Es ist nicht so, dass man sagt: "Wir machen jetzt hier eine Band, mit der wollen wir dann Songs schreiben." Es war auch eine kurze Zeit, wo man mit Bands reine Instrumentalmusik machte – viel Noise-Kram und so weiter. Heute gibt es das natürlich auch noch, wie mit "Godspeed You! Black Emperor" – die aber viel elaborierter sind ihrem Selbstverständnis. Damals wurde das einfach so gemacht. Und wenn das nichts mehr brachte, hat man damit auch wieder aufgehört. Diese Flüchtigkeit dieser ganzen Aktion ist etwas, was eine ganz eigene Elektrizität schafft in so einer Szene. Das kann man eben ganz schnell machen und dann kann man auch ganz schnell wieder aufhören.

Ich habe mich so gefragt, gerade mit Blick auf Karl Schmidt und seine teure Bohrmaschine, ob man da durchaus Assoziationen haben darf zu einer anderen berühmten Berliner Band…

Die Einstürzenden Neubauten! Sie waren damals nicht die einzigen. Es gab eine Menge, Manda Machine und wie sie alle hießen. Es gab vor allem viele Performance-Gruppen die sehr viel mit Noise-Sachen arbeiteten, auch mit Industrial-Geschichten – die mit Hämmern irgendwo raufhauten. Das gab es an jeder Ecke. Die Einstürzenden Neubauten sind die bekanntesten davon. Und auch die, die es am weitesten gebracht haben, weil sie das verbunden haben mit Songwriting, mit der Lyrik von Blixa (Blixa Bargeld, d. Red.). Aber klar, das ist die Zeit, in der das alles hochkam – in der die Leute ins Café M gingen und irgendetwas aufführten. Dort trafen sie andere, die sagten: "Lasst uns doch mal sowas probieren!". Es gibt das sehr schöne Buch von Danielle de Picciotto ("Die heitere Kunst der Rebellion", d. Red.), in dem sie auch Bilder gemacht hat, über diese ganzen Akteure. Das ist jetzt etwas später, eher nach 1984/85. Aber letztendlich sind das natürlich noch dieselben Akteure. Nicht, dass ich die abgemalt hätte. Ich habe mir eher was überlegt, unter den Bedingungen: Wie hat sich das ergeben? Wie haben sie sich durch die Romane entwickelt? Mit Frank Lehmann, wie er in "Der kleine Bruder" nach Berlin kommt, seinen Bruder sucht und so weiter. Für mich ist das schon ein Riesenbild, weil immer mehr Leute dazukommen. Aber eben erfundene Leute. Das heißt, man muss da keine Rücksicht nehmen, man muss nicht irgendwie überlegen, wie war das wirklich oder so? Diese Leute hätten da auch super hineingepasst. Das sind meine Geschöpfe, das ist das Tolle. Ich kann mit ihnen machen, was ich will.

Ich würde auch nicht unterstellen, dass es reale Figuren sind. Es ist Fiktion.

Es kommt keiner, der sagt: "Hast du mich abgemalt?" Das wäre mir auch unangenehm. Das ist dann so, wie wenn man Leute in den Regen stellt. Das ist nicht in Ordnung. Das muss auch gar nicht sein. Sich die selber auszudenken, ist viel besser. Das ist wie, wenn man Menschen aus Lehm knetet. Und die fangen an zu laufen, plötzlich. Die haben alle ihr eigenes Leben, mittlerweile. Ich bin ja teilweise auch nur noch Zuschauer.

Und ja, die vielen anderen: P. Immel, auch er Künstler, Erwin Kärchele, Café- und Wohnungsbesitzer, Chrissie und ihre Mutter Kerstin, mit zu viel Nähe, dann KOB 1 und KOB 2 – die Kontaktbereichs-Beamten. Einer von ihnen kippt in Zivil vom Tresen. Dann Wiemer und Sigfried Scheuer, die großen Kunst-Agenten, diverse Punks, diverse Café-Einfall-Besucher…

… und die schwangeren Frauen. Helga, die schwangere Frau von Erwin, die hier plötzlich ihre eigene Stimme bekommt. Das ist sehr wichtig, glaube ich. Und eben Leo, die Club-Besitzerin aus Steglitz.

Und Frank Lehmann natürlich, der kleine Freddiebruder, der nicht mehr nur putzen, sondern auch bedienen darf im Café Einfall und der unter anderem das schöne Bremer Wort "opstanatsch" in Umlauf bringt. Ein großer Kosmos, der im Roman auch in seiner ganzen Vielstimmigkeit zu Wort kommt. Wie wichtig sind diese vielen Perspektiven, Blicke in die verschiedenen Welten, für Sie? Das kommt ja auch in einem Begriff wie Wimmelbild zusammen.

Ich habe ja viel mehr erweitert hier, im Verhältnis zu "Wiener Straße". Mir ist aufgefallen, dass das sehr ergiebig ist, gerade die vielen Frauen. Chrissie gab es mit ihrem eigenen Blickwinkel schon in "Wiener Straße". Sie und Kerstin sind hier sehr wichtig. Auch Helga zum Beispiel, von Erwin. Die Verunsicherung, die sich daraus ergibt, dass sie ein Kind bekommen, weswegen ja die anderen auch dann wegziehen mussten aus der Wohnung und so weiter. Und diese ganzen Gedanken und Ängste, die damit verbunden sind – und die dann aber einfließen in eine Welt, die eigentlich damit überhaupt nichts zu tun hat – das Café Einfall und diese ganze Welt. Die Vorstellung vom Kinderkriegen hat damit überhaupt nichts zu tun. Da wird aber dann eben dieser Schwangeren-Treff versucht zu etablieren – wo sozusagen Welten aufeinandertreffen. Das hat mir gefallen. Es ist nicht die Art von Geschichte, die man so linear erzählen könnte wie bei "Herr Lehmann" oder "Der kleine Bruder", wo man es nur aus der Sicht von einem sieht. Das finde ich so besser, weil dadurch, dass sich diese ganzen verschiedenen Gedanken auch entwickeln von den Leuten und deren Vorstellungen, kriegen auch das Aufeinandertreffen dieser Leute und ihre Unterhaltungen miteinander eine ganz eigene Komik. Weil man weiß, was sie eigentlich denken. Und dann kriegt man mit, was sie dann sagen. Und sind oft zwei völlig verschiedene Dinge.

Sven Regeners Roman "Glitterschnitter" erscheint am 9. September bei Galiani Berlin.
Das Hörbuch, gelesen von Sven Regener, erscheint bei Roof-Music. Im Herbst ist Sven Regener auf Lesereise. Die Termine in Bayern: am 6.10. in Bamberg (Konzert- und Kongresshalle), am 28.10. in Erlangen (Redoutensaal), am 17.11. in München (Volkstheater).