Sexismus Susan Arndt kombiniert subjektive Erfahrungen mit Analyse

Den Sexismus können wir nur erfolgreich bekämpfen, wenn wir ihn als über die Jahrtausende gewachsenes Wissens- und Moralsystem verstehen. Das erkannte Susan Arndt und schrieb darüber ein so informatives wie engagiertes Buch.

Von: Stephanie Metzger

Stand: 02.02.2021

Schaufensterfigur mit einem Klebeband mit der Aufschrift "Metoo" der Kunst-Installation «Broken» des Künstlers Dennis Josef Meseg steht zum «Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen | Bild: dpa-Bildfunk

Die Einleitung von Susan Arndts Buch überrascht, ja irritiert. Als emanzipierte Frau und Feministin bezieht die Autorin dieser Zeilen immer schon Position gegen Sexismus. Und das, obwohl sich ihre Erfahrungen mit sexistischer Diskriminierung oder sexualisierter Gewalt in Grenzen halten. Dass es Susan Arndt nun für wichtig hält, in einer kulturwissenschaftlichen Untersuchung zum Thema sehr persönlich von der demütigenden Ignoranz ihres Großvaters zu berichten, von Übergriffen durch Mitschüler und Lehrer oder versuchten Vergewaltigungen, lässt einen kleinlaut werden. Wusste man bisher überhaupt, wovon man redete? Zugleich kommt Trotz auf: Muss man kleinlaut werden?

Eigene Erlebnisse kombiniert mit analytischen Blick

Natürlich nicht! Denn konkrete Erfahrungen oder Betroffenheit sind für Susan Arndt nicht Voraussetzung für das Sprechen über Sexismus, sondern kommunikative Brücke: "Meine Erfahrung im Umgang mit Diskriminierung oder dem Sprechen darüber ist, dass viele, die diese Diskriminierung selber nicht kennen, bei dieser Struktur eben komplett aussteigen: ich hab doch keine Macht, ich hab doch keine Privilegien", sagt Arndt. "Aber bei persönlichen Erzählungen aufhorchen, weil es manchmal dann doch Empathie auslösen kann oder auch ein größeres Verständnis dafür, dass es etwas ist, dass sie selber auch nicht hätten erfahren wollen."

Dichte Beschreibung heißt die Methode in der Wissenschaft, mit der Susan Arndt ihre Erlebnisse kondensiert und in ihren analytischen und historischen Blick auf Sexismus einfließen lässt. Diese Beschreibungen sollen Hebel sein für die Erkenntnis, dass das Thema uns alle betrifft. Ob als diejenigen, die darunter leiden, oder als diejenigen, die davon profitieren. Denn bei Sexismus geht es um Macht und ihre Strukturen prägen unser Zusammenleben bis ins Kleinste, ob wir wollen oder nicht. Um zu zeigen, warum das so ist und weshalb sich dieses "System" Sexismus so beständig zeigt, nimmt Arndt es in seiner Geschichte und in allen seinen Verästelungen in den Blick. In eben dieser Vernetzung gründen Macht und Wirkung von Sexismus.

Strukturelles Problem und subjektieve Erfahrung

"Sofern es bei Sexismus nicht primär um Einzelfälle, sondern um systemisch bedingte Wiederholungen geht, die durch Macht, Recht, Ethik und Wissen fortgeschrieben werden, reichen weder individuelle Erfahrungen noch eine abstrakte Beschäftigung allein damit aus, um zum Kern des Sexismus vorzudringen. Das System kann nicht verstanden werden, ohne subjektive Erfahrungen ernst zu nehmen. Umgekehrt ist es ebenso verkürzend, individuelle Erfahrungen nicht zu systematisieren."

Susan Arndt, Sexismus

Es beginnt schon beim biologischen Geschlecht oder besser beim Unterschied: Mann ist nicht Frau und umgekehrt. Susan Arndt schlüsselt auf, wie sich an diese für sie kritikwürdige Idee von Zweigeschlechtlichkeit Normen, soziale Ungleichheit zwischen Mann und Frau, Ausschlüsse und Diskriminierungen koppeln. Diese verfolgt die Autorin durch die Geistes- und Rechtsgeschichte. Bis ins ausgehende 19. Jahrhundert etwa wurden Frauen als Rechtsubjekte nicht einmal erwähnt.

Susan Arndt

Auf dieser historischen Grundlage analysiert und diskutiert Arndt gegenwärtige Erscheinungsformen von Sexismus: sexuelle Gewalt, Benachteiligung in Bildung und Beruf, Prostitution, sexistische Sprache oder Fragen der Mode. Dass Sexismus dabei nicht nur die Diskriminierung von Frauen bedeutet, sondern immer auch die betrifft, die in die Norm von Frau und Mann nicht passen – Homosexuelle, Intersexuelle, Transsexuelle – macht das Buch von Beginn an klar. Am Ende steht der Überblick über Widerstandsbewegungen und Strategien gegen sexistische Diskriminierung: die verschiedenen Phasen des Feminismus, seine Verbindung mit Antirassismus, Kampf für Antidiskriminierungsgesetze.

Mit #Metoo ist es nicht getan

So entsteht eine umfassende, theoretisch und persönlich gesättigte Darstellung, die konkrete Fragen nach Frauenrechten, eher abstrakte Thesen der Gender Studies und historische Forschung verbindet: "Und mir war es jetzt wichtig, zu versuchen diese drei Stränge zusammen zu führen. Und dabei auch wirklich bis in die Antike zurück zu gehen, damit wir verstehen, das ist nicht damit getan, dass wir #Metoo haben oder dass sich ein Mann mal entschuldigt für irgendwas, wenn er eine Frau sexistisch beleidigt hat,", sagt Anrdt. "Das ist wichtig, das ist unverzichtbar, aber wir schaffen das nur mit dem Sexismus fertig zu werden, wenn wir ihn als über die Jahrtausende gewachsenes Wissens- und Moralsystem verstehen, das sehr viel mit uns auch in unseren Erwartungen und Einschätzungen von Situationen macht."

Es ist klar, dass bei solch einem Anspruch an der einen oder anderen Stelle Unschärfen entstehen. Stellenweise hält sich die Autorin nicht zurück, ihre persönliche Meinung zu forcieren, ohne jedoch die verschiedenen Standpunkte in den Debatten unerwähnt zu lassen. Wo diese Mischung aus Wissenschaft und persönlichem Engagement am Anfang verwirren mag, schlägt sie letztlich Funken. Den Impuls, kleinlaut zu bleiben, hatte die Autorin dieser Zeilen nach der Lektüre des Buchs jedenfalls nicht mehr. Vielmehr fühlte sie sich ausgestattet mit viel argumentativer Munition für einen engagierten Widerstand gegen Diskriminierung, den wir alle leisten sollten.

Ein Beitrag aus dem Büchermagazin Diwan auf Bayern 2 vom 7.2.2021. Den Podcast zur Sendung gibt's hier.
Susan Arndt, Sexismus. Geschichte einer Unterdrückung, ist bei C.H. Beck erschienen.