Superman, Batman und Co. Wieso Superhelden uns ein Leben lang begleiten

Warum gibt es Superhelden? Sind sie wirklich nur eine pubertäre Fantasie, in der unser Körper endlich einmal kein Problem darstellt? Und wieso denken wir angesichts ihrer Körper nie an Sex?

Von: Markus Metz & Martin Zeyn 

Stand: 10.07.2020

Er soll ein Held sein, er hat aber nichts von Zivilcourage: Superman (hier Darsteller Brandon Routh im Film von Bryan Singer, 2006) | Bild: picture-alliance/dpa

Wo es Angst gibt, helfen nur Superhelden. Jedenfalls in der Welt, die ohne die Hilfe der Götter auskommen muss. Superhelden im allgemeinen, Superhelden-Comics im Besonderen sind mittlerweile wohl Teil unseres Kulturerbes. Das bringt eine neue Gefahr mit sich. Ihre Geschichte ist so lang und so reich, dass sie ebenso ins kulturgeschichtliche Seminar wie ins Museum gehört. Natürlich ist dort nicht mehr viel zu spüren von ihrer subversiven Kraft. Superhelden waren nämlich immer ein Trost in der Welt und zugleich ein Protest gegen sie.

Können wir uns Superman als glücklichen Menschen vorstellen? Wenigstens zwischen zwei Einsätzen im Kampf um die Rettung der Erde? Eher nicht. Denn zum Superhelden wird nur jemand, der seine Hoffnung auf Heimat und Ruhe aufgegeben hat. Er ist der ewig zerrissene Mensch, nicht nur zwischen der eher bescheidenen Existenzweise in der "Geheimidentität" und der kostümierten Präsentierung der Superkräfte. Seine Zerrissenheit geht viel tiefer. Er steht zwischen Mythos und Geschichte, zwischen Identität und Anonymität, zwischen Fortschritt und Ordnung, zwischen Rebell und Spießbürger, zwischen Magie und Technik. Eine Figur des ewigen Übergangs, sozusagen. Man könnte argwöhnen: Die Figur für Menschen, die keine wirkliche Kindheit mehr kennen, aber auch nie wirklich erwachsen werden.

Allein in den USA gibt es zwanzig verschiedene Gruppen von so genannten Real Life Superheroes. Die ziehen Superhelden-Kostüme an und verteilen dann Essen oder Decken und Kleider an Obdachlose. Helfen ihnen mit bürokratischem Kram. All so was. Und die Superhelden-Kostüme haben sie an, damit klar wird, dass sie ein gutes Beispiel sein wollen. Und dass die Leute keine Angst vor ihnen haben müssen. Eben weil man schon als Kind gelernt hat, Vertrauen zu Superhelden zu haben. Superman zum Beispiel hat schon in den sechziger Jahren Reklame für Unicef, das Kinderhilfswerk der UN gemacht.  

Der Böse als Erklärung für die Schlechtigkeit der Welt 

Aber warum fasziniert uns ihre übermenschliche Kraft ein wenig, die übermenschliche Bosheit und Durchtriebenheit ihrer Gegenspieler noch viel mehr? Der Schriftsteller, Journalist und Comickenner Dietmar Dath kennt die Lösung. Wir brauchen sie, damit wir überhaupt erst verstehen, wie gut die Helden überhaupt sind: " Dass jemand gut ist, kann man als Kürzel am besten dadurch herstellen, dass man jemand gegenübersitzt, der böse ist. Das ist so wie Beatles oder Rolling Stones. Zeichen sind ja immer Differenzzeichen zu irgendwas Entgegengesetztem. Und dazu kommt noch, dass genauso wie das eine Mischung aus Hoffnung und Angst und autoritär und Rebellion ist, was der Superheld macht, ist es natürlich so: Wenn ich noch einen Superschurken habe, dann ist es auch einerseits bedrohlich und andererseits tröstlich. Denn wenn ich einen Superschurken wie Luthor habe oder selbst einen Irren wie den Joker, da steckt hinter dieser ganzen Demütigung und Einschluss und Ausschluss und Ausbeutung und Unterdrückung und Horror und Krieg und Krankheit und Schwachsinn wenigstens irgendein Bösewicht, der mir es antun will. Also der Teufel ist einfach tröstlicher, als dass keiner am Ruder sitzt und wir einfach nur doof sind." 

Bezeichnend ist dafür ein legendäres Panel von Neal Adam, in dem ein alter Schwarzer Mann Green Lantern fragt, wenn er auf einem Planeten gerade denen mit oranger Haut geholfen habe, warum aber nicht denen hier mit schwarzer. Ein Widerspruch, der in einigen Comics, vor allem von Alan Moore, selbst thematisiert wurde: Wer super ist, sollte doch die großen Probleme angehen, ja lösen können. 

Sind Superhelden eine Form von Körper-Porno? 

Mit den Jahren haben die Mainstream-Superhelden immer mehr Muskeln in immer engeren Kostümen bekommen (einige haben sogar Muskeln, die es am menschlichen Körper gar nicht gibt). Interessanterweise ist die Aufrüstung des Körpers keine versteckte Kontaktaufnahme eingeschrieben. Es geht also nicht um Sex, jedenfalls nicht um Sex zwischen zwei Menschen, die daran Spaß haben. Dietmar Dath sieht sogar eine gewisse Nähe von Superheldenköpern zu Sexphantasien, wie sie Tom of Finland für die schwule Community gezeichnet hat: "Wenn du nämlich Superhelden aus Comics abpaust und dann einfach nur ein paar Teile noch explizit dazu malst, gewisse Organe - dann hast du unfassbar gut gemachte Pornocomics. Das heißt die Körperlichkeit als eine Sexualisierung von Heldentum und so weiter, und zwar in sämtliche Richtungen, also in die eher Sparta-Richtung, die dann eher nicht heterosexuell wäre, bis hin zu Gruppen-Geschichten." 

Die Veränderung ist vor allem beim Iron Man deutlich zu erkennen. In den frühen Comics war es ein Mann, der auch mal nicht kämpfen konnte, weil die Transistoren seiner Maschine noch aufgeladen werden mussten. Das heißt die Anforderungen seiner Maschine fesselten ihn an seinen Platz. Der Panzer war natürlich eine Ermächtigungsphantasie, aber es war auch klar, dass er wie jede Prothese nie den gesunden Körper ersetzen konnte. In den Filmen wächst die Kraft der Menschmaschine Iron Man von mal zu mal. Der alte Iron Man der Comics war fragil, weil ein Granatsplitter nahe seinem Herzen ihn jederzeit töten könnte, der Iron Man der Filme ist nie ein schwacher, verletzlicher Mann. Das nimmt der Figur viel an Tiefe. 

Superhelden sind eine moderne Version des Schutzengels. Aber Superhelden sind es auch, die dafür sorgen, dass immer wieder neue Angst in die Welt kommt. Weil sie in einer Welt ohne Angst überflüssig wären.