Moderner Magier Zeichentricklegende Hayao Miyazaki wird 80

Ohne ihn wäre die Welt definitiv ärmer: Hayao Miyazaki hat mit seinen Zeichentrickfilmen Wunderwelten kreiert, die niemand sonst auch nur ansatzweise hätte schaffen können. Zum 80. Geburtstag des Studio-Ghibli-Mitgründers sagt unser Autor: Danke!

Von: Martin Zeyn

Stand: 05.01.2021 | Archiv

Anime-Regisseur und "Studio Ghibli"-Mitgründer Hayao Miyazaki | Bild: picture alliance / United Archives

Fabelwesen. Götter. Zauberer. Und Menschen. Sie alle leben in den Filmen von Hayao Miyazaki nebeneinander, ob in "Chirios Reise ins Zauberland", das in einem Badehaus für Götter und Dämonen spielt, oder in "Prinzessin Mononoke", wo Tiergötter mit den Menschen ums Land streiten. Das Fantastische hat in Miyazakis Welt einen festen Platz auch im Leben normaler Menschen. In "Porco Rosso", einem Film über Flieger nach dem Ersten Weltkrieg, ist der Kriegsheld ein Pilot mit Schweinekopf. Was niemand, weder Freunde noch Gegenspieler, wirklich zu stören scheint – Magie und Realismus sind beim japanischen Regisseur untrennbar miteinander verbunden.

Miyazaki wurde 1941 als Kind eines Flugzeugherstellers geboren – Fluggeräte aller Art, Zeppeline, Doppeldecker und riesige Flugschlachtschiffe begegnen einem auf Schritt und Tritt in seinen Filmen. Liebevoll ist jedes Detail gestaltet, etwa wie die Luftturbulenzen aussehen, wenn ein Flugzeug die Wolkendecke durchbricht. Wobei gerade bei den Fluggeräten Schrecken und Schönheit dicht beieinander liegen. Kein Wunder, die japanischen Städten litten furchtbar unter den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg. So sehr Miyazaki von Flugzeugen begeistert ist, er vergisst nicht, wozu sie im Krieg dienen. Im Film "Porco Rosso" steigt Flugzeug um Flugzeug zu einem wunderschönen Kreisel auf – nur dass es ein Friedhof über den Wolken ist, denn es sind alles abgeschossene Flieger, die nun auf ewig am Himmel kreisen. Damit hat der Japaner (in Anlehnung an eine Geschichte von Roald Dahl) ein großes, poetisches Antikriegs-Sinnbild geschaffen.

Vorbild für Pixar

Zwei Menschen seien entscheidend für die Entwicklung der Kunstform Animation: Walt Disney und Hayao Miyazaki – mit diesem Lob begann Pixar-Gründer John Lasseter seine Rede zu Ehren des japanischen Kollegen bei der Verleihung der Governor Awards.

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John Lasseter honors Hayao Miyazaki at the 2014 Governors Awards | Bild: Oscars (via YouTube)

John Lasseter honors Hayao Miyazaki at the 2014 Governors Awards

Immer wenn sie nicht weiterwussten, sagte John Lasseter seinen Mitarbeitern: Schaut bei Miyazaki nach. Die Filme des Japaners haben Maßstäbe gesetzt: in der Liebe zum Detail, in der Tiefe seiner Drehbücher, der Originalität der Handlung sowie der Vielschichtigkeit seiner Figuren. Miyazaki gibt sich sehr wortkarg, Interviews gewährt er nur selten. Seine Leidenschaft ist das Machen von Filmen – nicht das Promoten. Im Bonus-Material der DVDs suchen Fans nach den spärlichen Äußerungen des Meisters. Zum Beispiel, wie er seinem Team erklärt, wie man einen Drachen zeichnet, der gegen eine Wand fliegt (eine Szene aus "Chihiro").

"Geht auf den Fischmarkt und seht zu, wie Aale erschlagen werden" – so sein Rat, um ein Fabelwesen mit der Realität zu verbinden. Seine Filme stecken voller komplexer Details, denn er scheint überzeugt zu sein, die Psyche eines Wesens äußert sich in seinen Bewegungen. Zweimal muss Chihiro eine Treppe ohne Geländer heruntergehen – einmal zaghaft, überängstlich, Schritt für Schritt sich vorwagend, einmal mit Schwung in kaum einem Drittel der Zeit – so nebenbei zeigt Miyazaki, wie das Mädchen Vertrauen in sich selbst gewonnen hat.  

Takahata und Miyazaki – die Erneuerer des Zeichentrickfilms

Nach vier Jahren Ökonomie-Studium heuerte Miyazaki in einem Zeichenstudio an. Hier lernte er Isao Takahata kennen, mit dem er unter anderem an der Serie "Heidi" arbeitete und mit dem er später das Studio Ghibli gründete. Beide verband der Wunsch zu zeigen, dass Zeichentrickfilm nicht bloß ein Genre für Kinder ist. Takahata ging da allerdings weiter als Miyazaki – sein Film "Das letzte Glühwürmchen" sieht zwei Kindern im Nachkriegsjapan beim Verhungern zu. Beide reisten in der Vorbereitung von "Heidi" in die Schweiz und nach Frankfurt – ein nachhaltiger Eindruck, denn fast alle Städte sehen in Miyazaki-Filmen wie idyllische mitteleuropäische Gemeinden aus.

1979 konnte Miyazaki seinen ersten Langfilm realisieren: "Das Schloss des Cagliostro" nach der erfolgreichen Mangaserie "Lupin III" – doch hier lässt sich seine spätere Meisterschaft nur erahnen, weil offenbar zu wenig Geld für eine aufwändige Animation bereitstand.

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The Castle of Cagliostro (Remastered) - Official Trailer | Bild: Madman Anime (via YouTube)

The Castle of Cagliostro (Remastered) - Official Trailer

1982 schrieb er den siebenbändigen Manga: "Nausicaä im Tal der Winde". Ein Meisterwerk der Comicgeschichte und in Japan ein großer Erfolg, in dem Miyazaki eine post-apokalyptische Welt entwirft. Die Menschheit kämpft ums Überleben, immer mehr Lebensräume sind vergiftet, aber die Herrschenden haben nichts Besseres zu tun, als gegeneinander Krieg zu führen. Doch wie so oft bei Miyazaki – selbst die Antihelden haben gute Seiten, kümmern sich um ihre Untergebenen, einige zeigen sogar Einsicht und beenden ihr mörderisches Tun. Selbst seine Titelheldin, die junge Prinzessin Nausicaä, die tiefer als alle anderen die Ursachen der Umweltverschmutzung begreift, wird zwar allseits geliebt, muss aber mit in den Krieg ziehen und tötet – obwohl sie genau das nicht will.

Einer der schönsten Filme, die es gibt

Der Erfolg des Mangas erlaubt es Miyazaki, einen langen Zeichentrickfilm nach dem Nausicaä-Manga zu drehen. Auch der hat noch nicht die Meisterschaft seiner späteren Filme – kein Wunder, denn die Zeichner*innen müssen sich erst daran gewöhnen, nicht nur schnell wie in anderen japanischen Studios zu arbeiten, sondern sich Zeit zu lassen, um wirklich große Kunst zu schaffen. Mit jedem weiteren Film arbeiteten Miyazaki und seine Mitstreiter vom Studio Ghibli daran, den Zeichentrickfilm als gleichwertiges Medium neben dem Realfilm zu etablieren. Spätestens mit "Prinzessin Mononoke" gelingt es ihnen – einem der schönsten Filme, den es gibt.

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Prinzessin Mononoke - Trailer (deutsch/german) | Bild: LEONINE Studios (via YouTube)

Prinzessin Mononoke - Trailer (deutsch/german)

Menschen kämpfen gegen Tiergötter um die Vorherrschaft in einem Wald – die einen brauchen ihn als Lebensraum, die anderen müssen ihn abholzen, um Erz zu Eisen verhütten zu können. Die Menschen werden angeführt von der abgebrühten Iboshi, einer resoluten Frau, die sich nicht einmal davor fürchtet, Götter zu töten. Für die bedrohten Tiergötter und ihre Artgenossen ist Iboshi der Inbegriff des Bösen. Ihre menschlichen Mitkämpfer aber sind Leprakranke, die sie aufopfernd pflegt, und Frauen, die sie aus Bordellen herausgekauft hat. Auch das macht sie zu einer der komplexesten Figuren der Filmgeschichte.

Ich bin lieber ein Schwein als ein Faschist

Auffällig ist Miyazakis Widerwille gegen ein Happy End, ja über Enden überhaupt. "Arriety" scheint fast mittendrin aufzuhören, was mich beim ersten Anschauen regelrecht verärgert hat. Vielleicht glaubt Miyazaki, dass ein Ende die Betrachter*innen in ihrer Phantasie einschränken würde. Vielleicht ist es auch einfach eine Art von Realismus – welches Leben läuft denn schon auf einen einzigen Punkt zu? Es ist, als wollte er die Vielgestalt seiner Figuren erhalten – über das Ende des Films hinaus. Es ist lustig zu sehen, wie diese Mehrdeutigkeit die Texter*innen von Streamingdiensten und DVDs zu überfordern scheint – mit drei Zeilen Inhaltsangabe ist keinem Miyazaki-Film beizukommen. Denn selbst so scheinbar irreale Dinge wie Zauberei sind zutiefst in die Lebenswirklichkeit eingewebt bei Miyazaki.

Deutlich wird das beim Piloten Porco Rosso, der zweimal im Film mit seinem menschlichen Gesicht auftritt – so als könne er selbst darüber entscheiden, wann er ein Schwein, wann ein Mensch ist (Übrigens leidet seine Attraktivität bei Frauen kein bisschen). Glaubt er nur selbst, wie ein Schwein auszusehen? Ist es eine Psychose? Oder ein Schutz gegen eine Welt, die von ihm verlangt, zum Verbrecher zu werden? "Ich bin lieber ein Schwein als ein Faschist", sagt er einem alten Weggenossen, der ihn zu überreden versucht, zum italienischen Militär zurückzukehren.

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Porco Rosso - Official Trailer | Bild: Madman Anime (via YouTube)

Porco Rosso - Official Trailer

Ach, hätten Deutschland und Japan im Zweiten Weltkrieg doch ganz viele solche Schweine gehabt, die sich vor Pflicht und Vaterland gedrückt hätten. Wie auch immer: Was auch aus Porco Rosso nach einem (letzten?) Sieg wird, zeigt der Film nicht. Menschen wie Geschichten behalten bei Miyazaki einen Rest von Unerklärlichkeit – etwas, das ihre Würde in einer eigentümliche Schwebe belässt.

Alles – bloß kein Disney

Für den 2001 herausgekommenen Zeichentrickfilm "Chihiros Reise ins Zauberland" erhielt Miyazaki einen Oscar und einen Goldenen Bären in Berlin. Seither spricht er davon, sich zurückzuziehen – eine Drohung, die er bisher nicht wahr gemacht hat. Denn die Filme, die nach seinem Rückzug aus dem Studio Ghibli entstanden (mit Ausnahme derer von Takahata), sehen zwar aus wie typischen Ghibli-Filme (das Studio klaute schamlos bei sich selbst), aber die Stories und die Regie waren allesamt schwach. Das Erstlingswerk seines Sohns Goro "Chroniken von Erdsee" erhielt sogar die wenig schmeichlerische Auszeichnung "schlechtester Film des Jahres" in Japan. Nach Aussagen des Produzenten Toshio Suzuki arbeitet Hayao Miyazaki jetzt wieder an einem neuen Zeichentrickfilm nach einem Kinderbuch von Genzaburō Yoshino.  

Wie schon gesagt, in seinen wenigen Interviews gibt er sich wortkarg. Nur eines will er nicht: als "Disney Japans" bezeichnet werden. Auch als Lasseter ihn mit der US-amerikanischen Filmlegende in eine Reihe stellte, glaubt man zu sehen, dass sich sein Gesicht kurz mit Unwillen überzieht – bevor er wieder die Contenance wahrte.

Autorenfilmer und Grenzsprenger

Denn Walt Disney war kein Autor – nicht einmal Micky Maus hat er gezeichnet. Miyazaki aber ist ein Autorenfilmer. Er schreibt die Drehbücher, zeichnet selbst und führt Regie. Dank des Erfolgs und der Gründung des Ghibli-Studios (zusammen mit Toshio Suzuki und Isao Takahata, der 2018 verstarb) konnte er bis heute seine unabhängige Stimme bewahren. Und dank seiner Filme, die alle Grenzen sprengen und fazinierenderweise in Japan Kassenschlager sind – gleich vier der erfolgreichsten Filme, die je in japanischen Kinos gezeigt wurden, stammen von ihm.

Lasseter bezeichnet ihn als nationales Denkmal – es gibt selten einen Fall, wo so einer Aussage ganz und gar zugestimmt werden kann. Ohne Miyazaki wäre die Filmgeschichte um vieles ärmer! Oder wie es Lasseter ausdrückte: "Seine Filme sind Geschenke für all diejenigen, die Filme lieben."