Corona und die Filmbranche Stirbt das Arthouse-Kino?

Wie lange wird es noch das Kino geben, das Filme abseits des Mainstreams zeigt? Dafür braucht es engagierte Kinobetreiber*innen und Verleiher*innen. Die haben es besonders schwer in der Pandemie. Denn Filmverleihfirmen erhalten nur geringe Corona-Unterstützung. Was die Major-Companies möglicherweise wegstecken können, ist für viele Verleiher existenzbedrohend. Stirbt ein wichtiger Teil des Kinos?

Stand: 30.11.2020

Kino mit Buchregalen an der Wand | Bild: BR

"Wenn bei uns jetzt der komplette Winter wegfällt, dann werden wir das Problem vor allem im nächsten Sommer bekommen", fürchtet Christian Pfeil, Betreiber des Arena Kino in München. "Ich brauche im März ein volles Konto, um über den Sommer zu kommen. Im vergangenen März hatten wir ein volles Konto und sind halt auch ganz ok über den Lockdown gekommen mit den Hilfen, die dann auch geflossen sind. Aber die waren natürlich nur ein Bruchteil von dem, was wir ausgeben." Dabei hat Christian Pfeil sein Münchner Arena-Kino noch schmuck gemacht: ein besonderes Jugendstil–Ambiente für den besonderen Film. Eine Umgebung, die den Zuschauer*innen hilft, sich auf den Film zu konzentrieren.

"Wenn ich im Stream eine langweilige Stelle habe, dann mache ich doch den Film aus und suche mir irgendwas Anderes. Im Arthouse-Kino brauche ich aber unter Umständen genau diese langweilige Stelle, weil ich emotional bereit sein muss für das Erlebnis, das mich wirklich ins Herz trifft. Das geht nur im Arthouse. Nur im Arthouse-Kino vor allem. Da korrespondiert der Ort mit dem Produkt."

Christian Pfeil vom Arena Kino

2020 aber korrespondiert nichts mehr miteinander. Die Gewinner von Berlin, Venedig, Cannes. Viele waren nur ein paar Tage zu sehen, dann war Schluss. Andere haben es nicht einmal mehr auf die Leinwand geschafft. Etwa: "Doch das Böse gibt es nicht", der Film des iranischen Regisseurs Mohammad Rasoulof, der vom Widerstand gegen das autoritäre Regime erzählt. Jetzt liegt der Berlinale-Gewinner auf Halde, wie so viele. Tragisch für die Macher und die Verleiher wie die Grandfilm. Sie sind Mittler zwischen Produktion und Kino. Sie machen das Marketing, bringen den Film heraus.

Nur noch Popcornkino?

"Kein Autor kann sein Buch direkt in die Buchhandlungen tragen, sondern es braucht einen Verlag, der sein Sortiment zusammenstellt, der da auch eine gewisse inhaltliche Ausrichtung mittransportiert, der auch wie wir auch eine Mischkalkulation macht mit Titeln, wo man weiß, die sind jetzt eher kommerzieller und erfolgreicher", sagt Mikosch Horn vom Grandfilm Verleih. "Aber damit kann ich dann auch mal  einen gewagteren Film bringen, der mir am Herzen liegt. Ohne die Verleiher gäbe es kein Kino. Das ist schon eine wichtige Botschaft." Wenn die unabhängigen Verleiher nicht die kleinen, feinen Arthouse-Filme ins Programm nehmen würden, bliebe uns wohl nur noch Hollywood. Popcornkino. Die Kulturstaatsministerin hat deshalb auch die Verleiher in die Corona-Hilfe "Neustart Kultur" aufgenommen. Vierzehn Millionen Euro. Doch vergeben wird das Geld über die Filmförderanstalt FFA. Nach deren Kriterien. "Es können diese Hilfen nur für Filmprojekte, die bei der FFA oder beim BKM eingereicht werden, abgerufen werden", sagt Horn. "Das heißt, Filme wie 'Doch das Böse gibt es nicht' oder 'Zombi Child', also Filme, die keine deutsche Produktionen oder Ko-Produktionen sind, die sind schon mal von vornherein ausgeschlossen."

Wer zeigt sonst deutsch-mongolische Co-Produktionen?

Pech also für die Verleiher und die Kinos, die gerade eine große Vielfalt an französischen, italienischen oder iranischen Produktionen im Programm haben. "Wir spielen dann die Filme, welche die ganze Zeit nicht ins Kino gekommen sind, teilweise aus der Berlinale-Zeit, die dann fast ein Jahr alt sind, die dann endlich ins Kino kommen", sagt Christopher Bausch vom Casino Kino in Aschaffenburg.  Dann können wir auch "Die Adern der Welt" endlich sehen. Eine deutsch-mongolische Co-Produktion. Kinostart war eigentlich der 19. November 2020. Verleiher Björn Hoffmann fordert mehr Rücksicht auf die komplexen Abhängigkeiten zwischen Produktion, Verleih und Kino. "Es muss einfach sicher gestellt werden, dass man, wenn man das Kino als wirklich kulturellen Ort beibehalten will, die Verleiher, die diese kulturell wichtigen Filme ins Kino bringen, halt irgendwo mitnimmt. Ich glaube, wir sind da irgendwie runtergefallen."

Ende eines Filmgenres?

Viele der rund 40 unabhängigen Verleiher sehen von den 14 Millionen fast nicht. Denn die Filmförderanstalt vergibt über 60 Prozent der Corona-Hilfen an nur fünf Verleiher, darunter die Branchenriesen Warner und Constantin. Und für Filme, die noch vor Corona produziert wurden. Zeit für ein neues Modell? "So ein Fond wäre tatsächlich gedeckelt", sagt Hoffmann. "Wir haben konkrete Vorschläge gemacht für eine Deckelung. Die würde zumindest in unserem Modell bei 200.000 Euro liegen. Das wäre eine Größenordnung, die für eine Constantin und Warner nicht ganz uninteressant ist. Aber es ist tatsächlich ein Fonds, der für die unabhängigen deutschen Verleiher tatsächlich erst einmal Liquidität bringen und Investitionsmöglichkeiten ermöglichen soll.” Andernfalls – wenn die Verleiher wegbrechen, stirbt der Arthousefilm. Ein ganzes Kunstgenre stünde vor dem Aus.