Stiko-Chef Mertens über das Impfen von Kindern Kein Wechsel ins Lager der Impf-Skeptiker

"Ich würde mein siebenjähriges Kind jetzt nicht impfen lassen", zitiert die FAZ den Stiko-Chef Thomas Mertens. Und hat damit einige Aufregung losgetreten. Jetzt sagt er in einem Interview, er bedauere seine Aussage. Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 11.12.2021

Die Stiko hat ihre Empfehlung noch nicht gegeben, aber ich Chef bereits | Bild: dpa-Bildfunk/Keith Birmingham

In einem FAZ-Podcast sagt Stiko-Chef Thomas Mertens, er "würde eigene Kinder nicht impfen lassen". Titelt die FAZ. Und hat so für einige Aufregung im Netz gesorgt. Wer sich dann die Mühe macht, den Podcast anzuklicken, findet die tatsächliche Aussage. Die Moderatorin fragt, wenn er ein siebenjähriges Kind hätte, ob er es dann impfen lassen würde: "Ich würde es wahrscheinlich jetzt nicht impfen lassen." Die Unterschiede: Aus der Impfverweigerung wird ein zum jetzigen Zeitpunkt und aus den eigenen Kinder eine rein potentielle Frage. Damit wird klar, Mertens ist nicht auf die Seite der Impfskeptiker gewechselt. Denn seine Argumentation ist von schlichtester Wissenschaftlichkeit geprägt: Es gebe zum jetzigen Zeitpunkt zu wenige Daten.

Ängste, getarnt mit Hörensagen, das von sich glaubt, auf Fakten zu beruhen

Das ist der fundamentale Unterschied. Mertens warnt nicht vor Impfungen, er schwadroniert nicht wie Richard David Precht etwas von einer Schädigung eines "im Aufbau begriffene[n] Immunsystem[s]" – für eine Beeinträchtigung gibt es nämlich keine Daten, denn nur weil das viele Anthroposophen glauben, ist es trotzdem nicht belegbar. Was der Stiko-Chef macht: Er wägt ab. Kinder hätten sehr selten einen schweren Verlauf. Und fragt sich dann, ob der Nutzen potentielle Nebenwirkungen, die wir noch nicht absehen können, überwiegt. D.h. er nimmt eine rationale Güterabwägung vor. Das klingt zwar so ähnlich, wie die Zurückhaltung von Kimmich und anderen Zögerlichen, ist es aber nicht.

Denn anders als bei Kindern wissen wir bei Erwachsenen aus milliardenfacher Erfahrung sowie einer extrem genauen Nachverfolgung von Geimpften: Die Nebenwirkungen sind viel geringer als die Gefahren durch eine Infektion mit Covid 19. Die Ängste der Impfverweigerer tarnen sich nur mit Hörensagen – einen Faktencheck haben sie nicht unternommen. Weil aber so viele Erwachsene sich nicht impfen lassen und wir deswegen mitten in einer vierten Welle stehen, befürworten jetzt einige Politiker und Wissenschaftler die Impfung der Kinder. Für Mertens heißt das, die Kinder badeten aus, was andere ihnen eingebrockt haben: "Die Indikation für die Kinderimpfung kann zum Beispiel nicht sein, dass man falsche politische Entscheidungen jetzt durch eine Impfung korrigieren kann." Nochmal zum Mitschreiben: Richtig wäre es gewesen, alle Erwachsenen zu impfen. Und Mertens kündigt sehr wohl an, dass es eine Empfehlung für alle Kinder mit Vorerkrankungen geben wird, die also "ein höheres Risiko für einen schwereren Covid-Verlauf" haben. Dieser wichtige Satz aber wurde offenbar überhört – und die FAZ (Stand 2.11., 11 Uhr) zitiert ihn nicht in ihrem Hinweis-Artikel auf den Podcast, der offenbar auf Clickbaiting angelegt war. Dem TV-Sender Welt sagte Mertens jetzt: "Die Entscheidung über die Impfung ist wirklich eine sehr persönliche Sache, und das reflektiert sich ja auch in unserer derzeitigen Impfempfehlung. Es war damals wahrscheinlich der einzige Fehler, den ich gemacht habe, dass ich überhaupt etwas Persönliches gesagt habe." Das berühmte Zitat in dem Podcast sei nach einer letzten Zusatzfrage in einem langen Interview gefallen, sagte Mertens. "Die ist dann völlig aus dem Zusammenhang genommen, sehr intensiv berichtet worden - dagegen kann ich letztlich nichts machen - aber es ist natürlich grober Unfug, wenn man mich als Impfgegner bezeichnen wollte", verteidigte sich Mertens.

Shitstorm im Clickbaiting-Wasserglas  

Und was sagt uns die ganze Aufregung? Die Debatten ums Impfen werden gerade sehr hart und sehr aufgeregt geführt. Eine Binsenwahrheit. So wie der Hinweis darauf, dass viele der bei Twitter aufgeregt Diskutierenden sich kaum die Mühe gemacht haben dürften, mal in den Podcast hineinzuhören (allerdings die Kollegen der FAZ ja auch nicht). Die sich anbahnende Impfpflicht führt offenbar dazu, dass jetzt noch mal alle Kräfte mobilisiert werden. Das war absehbar. Hoffentlich behält Markus Söder recht, wenn er glaubt, dass eine Impfpflicht die Spaltung der Gesellschaft eher abmildert. Wie das "Schnitzelimpfen" in Österreich gezeigt hat, trennte schon die Ankündigung die Zögerlichen von den Unbelehrbaren. Diese Hoffnung besteht auch für Deutschland. Und ich hoffe, dass wir in einem halben Jahr über den Shitstorm im FAZ-Twitter-Wasserglas schmunzeln können. Weil die übergroße Mehrheit sich nicht bloß aufgeregt hat, sondern die allermeisten daran gearbeitet haben, die Pandemie zu besiegen. Und wir damit hoffentlich im nächsten Sommer über den Wellen-Berg sein werden. Durchs Impfen und Boostern von mindestens 85 Prozent der Bevölkerung. Deswegen: Weniger auf Empörung titeln, weniger Clickbaiting, mehr impfen.