Steffen Kopetzky: Monschau Ein Arzt kämpft gegen die Pocken

Ein Pockenausbruch 1962 in Deutschland. Steffen Kopetzky schildert in seinem historischen Roman, wie der Arzt Günter Stüttgen gegen die Seuche kämpft – und verweist damit auch auf die Pandemiesituation heute.

Von: Katrin Hillgruber  

Stand: 06.04.2021

Steffen Kopetzky | Bild: Marc Reimann

Vor zwei Jahren führte uns Steffen Kopetzkys Kriegsroman "Propaganda" tief in den rheinländischen Hürtgenwald. 1944 fand bei Monschau die "Allerseelenschlacht" statt, die mehr als 30.000 Soldaten das Leben kostete. Als Sanitätsoffizier erlebte der 25-jährige Günter Stüttgen diese lange verdrängte Katastrophe des Zweiten Weltkriegs mit. Er rettete Hunderte auf beiden Seiten der Front und verschaffte sich dadurch bei den Amerikanern als "German Doctor" Respekt. Nun macht Kopetzky den Düsseldorfer Dermatologen ein zweites Mal zum Helden: Günter Stüttgen erhält im Februar 1962 den offiziellen Auftrag, im Eifelstädtchen Monschau einen Pockenausbruch zu bekämpfen.

Auf einem Foto aus dem Jahr 1962 warnte ein Verkehrsschild in Großbuchstaben: "Achtung! Pockenverdacht. DURCHFAHREN". Die Pocken waren vor ihrer Ausrottung in Europa fast so gefürchtet wie die Pest: "Es gab eben nicht nur die Pocken und Polio, es gab auch Diphterie und Tuberkulose. Man macht sich überhaupt nicht klar, unter welchen Bedingungen die Menschen in den fünfziger und sechziger Jahren bis in die siebziger Jahre hinein gelebt haben, da waren Infektionskrankheiten wirklich an der Tagesordnung. Wir sind ja in einer Art und Weise mittlerweile geschützt durch unser Gesundheitssystem, dass wir jetzt eben so staunend in die Gegend schauen. Das war eben vor einigen Jahrzehnten noch komplett anders", erzählt Kopetzky.

Karneval als Spreading-Event

Anfang 1962 kam es in Monschau überraschend zu einem Wiederaufflammen der hochinfektiösen Krankheit. Das lag nicht zuletzt am deutschen Wirtschaftswunder, das es einem mittelständischen Unternehmen wie der Otto Junker GmbH ermöglichte, Hochtemperaturöfen nach Indien zu exportieren. Als ein Firmentechniker nach einem halben Jahr von dem Subkontinent in die Eifel zurückkehrte, steckte er seine kleine Tochter an. Aus der realen Waldtraud wird im Roman Bärbel – beide überleben die Krankheit.

Die Eifeler Epidemie begann Anfang Februar 1962, mitten im Fasching. Im Roman heißt es, man müsse "den Spuk schnell wieder einfangen", auch ist vom "Patienten 1" die Rede. Die Parallelität der Geschehnisse zum Karneval 2020 in Heinsberg, einem der ersten sogenannten Corona-Hotspots, erscheint gespenstisch. Hat das Steffen Kopetzky beim Schreiben inspiriert oder eher gehemmt? "Durch das viele Lesen und Schreiben über Ansteckung und Gefahr und Isolation und Windzüge, die Menschen infizieren, war ich ein bisschen hypochondrisiert sozusagen. Corona ist natürlich eine extreme Bedrohung für unser Gesundheitssystem und auch natürlich für das Individuum. Die Pocken aber sind von ihrer Gefährlichkeit her, von ihrer Übertragbarkeit her und von ihrer Todesrate noch einmal eine ganz andere Dimension gewesen. Da spricht man bei ohne Impfung ausbrechenden Epidemien von einer Todesrate von etwa dreißig Prozent."

Panorama des Jahres 1962

"Monschau" ist nicht nur ein ausgesprochen rasch verfasster Roman über eine Epidemie und deren vielfältige Folgen wie mediale Sensationslust und der Zwang zur Quarantäne. Der Autor entwirft ein umfassendes politisches und kulturelles Panorama des Jahres 1962, in dem noch der greise Kanzler Adenauer regierte und viele afrikanische Länder ihre Unabhängigkeit erstritten – was der Bundesrepublik neue Handelspartner bescherte. Auch in die berührende Liebesgeschichte zwischen Stüttgens griechischem Assistenzarzt Nikos und der modeaffinen Firmenerbin Vera, die existentialistisches Pariser Flair nach Monschau bringt, packt Kopetzky sehr viel Zeitgeschichte. Damit drohen die Informationen die Fiktion stellenweise zu überladen.

"Monschau" ist ein klassischer Gesellschaftsroman, in dem man trotz des unbehaglichen Themas Pocken als Leserin oder Leser geradezu mitwohnen kann. Kopetzky hat sich nach eigenen Angaben von einem Büroroman wie Joseph Breitbachs "Bericht über Bruno" inspirieren lassen, aber auch von der genial-chaotischen hessischen Fernsehserie "Die Firma Hesselbach" aus dem Jahr 1960. So ist es gerade nicht die Corona-Pandemie, die Steffen Kopetzky die Dramaturgie seines Romans in den Block diktiert hat. Mit "Monschau" erinnert er an eine fast vergessene Parallele zu heute – und nimmt sich die wohltuende Freiheit eines guten Ausgangs. Was reizt Steffen Kopetzky so sehr an dieser Grenzlandschaft im tiefen Westen, dass er dort mit "Monschau" erneut einen Roman angesiedelt hat? "Es ist einerseits natürlich die Figur Günter Stüttgen selbst, die mich jetzt geführt hat und die mich fasziniert hat und die mein Wegweiser war. Es ist ja sozusagen wirklich das Kernland des alten Europa, unweit von Aachen, der Residenz von Kaiser Karl. Man kann dort die europäische Geschichte, die deutsche Geschichte und die globale Geschichte wie unter einem Brennglas studieren, und noch dazu in einer Landschaft, die spektakulär, ganz einmalig ist."

Steffen Kopetzky: "Monschau" ist bei Rowohlt Berlin erschienen und kostet 22 Euro.