Sprachhüter vs. Gendern Bitte ein bisschen Respekt vor den Sprecher*innen!

Die Gesellschaft für deutsche Sprache geht auf die Barrikaden: Was der Duden zum Thema Gendern schreibt, gefällt den Sprachhütern gar nicht. Unserer Autorin wiederum gefällt das Gezeter nicht. Sie fordert Bewegung in der Sache.

Von: Iris Buchheim

Stand: 14.08.2020

Der neue Duden und das Gendersternchen | Bild: dpa/picture-alliance

Diese Woche ist die Neuauflage des Dudens erschienen. Und wieder einmal erwies er sich als treues Abbild unserer Zeit: Das Nachschlagewerk zeigt sich nicht nur offen für neue Wortschöpfungen wie "Katzenvideo", "genderfluid" und "Geisterspiel", sondern dokumentiert auch die verschiedenen Formen des Genderns, die sich in den vergangenen Jahren sozusagen im Wildwuchs eingebürgert haben. Die einen benutzen das Gendersternchen (Schauspieler*innen), andere den Gender-Unterstrich (auch Gender-Gap genannt; Schüler_ innen), wieder andere den Gender-Doppelpunkt oder das Binnen-I, um geschlechtergerecht zu formulieren.

Und jetzt wird’s richtig interessant: Der Duden dokumentiert nur deskriptiv den Stand der Dinge, betont ausdrücklich, dass "keine Norm" existiere und gibt keine Empfehlung ab. Trotzdem reagiert die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) mit einer klaren Absage an Stern, Gap und Doppelpunkt: "Aus sprachlicher Sicht" seien sie "kein geeignetes Mittel, um dieses Anliegen umzusetzen".

Keine Alternative zum Wildwuchs

Der Haken aber ist: Die GfdS bietet keine Alternative zu dem jetzt vom Duden gewissermaßen geadelten Wildwuchs an. Stattdessen verweist sie auf ihren alten Genderleitfaden, der zu Doppelungen (Bäcker und Bäckerinnen) und umständlichen, entpersonalisierten Partizipialkonstruktionen auffordert (die Radfahrenden, die Fahrzeugführenden) – also zu all den Umständlichkeiten, wegen derer Stern, Strich und Doppelpunkt eingeführt wurden. Darüber hinaus wird betont, man stehe am Anfang der Problemlösung.

Mit ihrer bisherigen Haltung aber wird die GfdS wohl im Anfang steckenbleiben. Denn sie friert die aktuellen grammatikalischen und orthografischen Regeln ein und macht sie zum obersten Gebot einer "diskriminierungsfreien Sprache". Verkannt wird dabei, dass unsere gegenwärtigen Regeln auch nur Teile eines Regelwerks sind, das auf Sprachgebrauch, Vereinbarung und Normierung beruht. Sprache wächst, ihre Worte und Regeln wandeln sich genauso wie das, was für uns verständlich und lesbar ist – sie wandelt sich wie all die Sprechenden selbst. Letztere wollen nicht mehr durch ihr Sprechen andere ausschließen und außen vorlassen.

Der Wandel ist nicht aufzuhalten

Wer – anders als der Duden – "aus sprachlicher Sicht" den neugewachsenen Formen der gendergerechten Sprache eine klare Absage erteilt, der will mit aller Macht einen Bewusstseinswandel aufhalten, der längst vielfältige Ausdrucksformen gefunden hat. Sprachhüter, die auch Respekt vor Sprecher*innen hätten, würden versuchen, sich möglichst bald auf eine (ja, natürlich: nur vorübergehend) legitime Form gendergerechter Sprache zu einigen.