Die Erfindung der Gesellschaft Die letzte Kunst ist die Soziologie

Kunst und Gesellschaft – das ist ein so spannungsreiches wie zwingendes Verhältnis. Besonders augenfällig wird es, wenn Theater, Kunst oder Literatur Anleihen nehmen an der Soziologie. Beide – Gesellschaft und Kunst – gewinnen dabei, meint Tobias Krone.

Von: Tobias Krone

Stand: 17.11.2021 16:18 Uhr

Aufgeschlagenes Buch mit Aufschrift Soziologie. Zerknittert am Boden | Bild: picture alliance / Flashpic | Jens Krick

Wie Gesellschaft als Kunstwerk aussehen könnte? Vielleicht ein bisschen wie die Parade zum Motto "Global Angst" in München vor einigen Wochen. In einer Art Kunstdemonstration bringen hier mehrere Gruppen verschiedene Formen von Angst auf die Straße. Münchner Mietaktivistinnen und -aktivisten marschieren hier mit – ebenso wie die feministische Burschenschaft Molestia. Eine satirische Büßergruppe ist auch mit dabei und bittet den Allmächtigen vorsorglich um Milde für den scheidenden Innenminister Horst Seehofer. Alle, die wollen, können hier mitmachen – oder zumindest an der Straßenecke stehen und sich provoziert fühlen – Gesellschaft eben in gepflegt nassforscher Nacktarschigkeit. Und ganz am Ende dieser Kunstparade schleicht er, langhaarig, behangen mit grünen Zweigen: Der Münchner Künstler Stephan Janitzky im Kostüm eines Ziereremiten. Ziereremiten, erklärt Janitzky, waren Darsteller, die im 19. Jahrhundert für romantische Ölgemälde vor Ruinen Modell saßen – und sich vertraglich verpflichteten, ihre Fingernägel und Haare nicht zu schneiden. Sie sollten schließlich stilecht nach weltvergessenem Einsiedler aussehen.

Keine Angst vor dem Elfenbeinturm

Theodor W. Adorno

Die Aktion stellt die Frage nach der Rolle der Kunst in unserer Gegenwart. Janitzky fragt sich und uns, ob er nicht besser Eremit wäre. Er würde gerne einfach nur Kunst machen und sich nicht ständig mit seiner Kunst zur Gesellschaft verhalten, sich rechtfertigen müssen. Als einen Denkimpuls drückt er allen Interessierten die Kopie eines Adorno-Interviews von 1969 in die Hand – mit dem Titel: Keine Angst vor dem Elfenbeinturm. Womit wir nun endlich beim Thema wären. Denn so eine Elfenbeinsehnsucht ist ja im Grunde etwas sehr Soziologisches. Adorno ist ein Soziologe, und der Elfenbeinturm ist neben der Taxifahrerin das Klischee Nummer Eins, das man hierzulande der Soziologie anheftet. Ein veraltetes Missverständnis. Denn die Wissenschaft, die unsere Gesellschaft verstehen möchte, wagt sich mehr und mehr hinaus aus ihrem Elfenbeinturm. Und zwar teilweise über das Mittel der Kunst.

Keine Heldengeschichten sondern Summe sozialer Erfahrungen

Annie Ernaux

In Frankreich ist der Trend zum autobiografischen Sozial-Roman zu beobachten. Die Schriftstellerin Annie Ernaux ist hier gegenwärtig wahrscheinlich die wichtigste Stimme. Ernaux spürt in ihren Büchern ihrer eigenen Kindheit und Jugend nach und arbeitet deren soziale Strukturen heraus. Also die unsichtbaren Schienen, auf denen ihre Biografie aus dem ärmlichen katholischen Vorstadtmilieu über die Umwege eines Provinzlehramts ratterte, hin zu einer der prägendsten Literarinnen Frankreichs. Wer will, kann herauslesen, dass es sich bei der jungen Annie auf der Klosterschule um eine sehr talentierte Schülerin handelte. Doch darum geht es Ernaux genau nicht. Es geht ihr darum zu fragen, welchen Anteil so eine weißgekleidete Nonne an ihrem Bildungsaufstieg gehabt haben könnte, und welchen Anteil das schmutzige Nachthemd ihrer Mutter an einer sozialen Scham, die sie ein Leben lang mit sich trägt, egal wie groß irgendwann der Ruhm ist.

Didier Eribon

Das ist der soziologische Unterschied: Keine Heldengeschichten zu erzählen. Denn das Leben ist kein American Dream, es ist die Summe aus unserer Herkunft, unserer Sozialisation, unserer Bildung, unseren Beziehungen, unserer Klasse. Einer Klasse, aus der man sich oft nur quasi gewaltsam befreien kann, das liest man bei dem Soziologen Didier Eribon und seinem Zögling Edouard Louis – beide konnten ihre Homosexualität erst im Erwachsenenalter leben, beide brachen zeitweise die Beziehung zu ihren Eltern ab, beide ergründen die Frage, warum ihre Arbeiterverwandtschaft früher die Kommunistische Partei wählte – und heute die rechtsextreme Marine Le Pen.

Gesellschaft ist kein kriminalistischer Fall

In Deutschland liest man das mit Interesse, wenn sich auch die Mehrheit hierzulande lieber von Juristinnen die Welt erklären lässt. Da geht es mit Vorliebe um Parabeln von individueller Schuld und Intrige, die zwar gerne ins wilde Brandenburg verlegt werden, dann aber doch immer damit enden, dass der Mensch halt so ist wie er ist – meist eitel und schlecht: Die Juli-Zeh-infizierte Leserschaft, sie will die Welt als einen Krimi lesen, der sich auf 300 Seiten auflösen lässt. Aber die Gesellschaft ist kein Fall – und sie ist nicht löslich. Gesellschaft ist die Verstricktheit von uns allen – in Geschichte, Denkstrukturen und Zuschreibungen.

Shida Bazyar

Wie tief nicht-weiße Akademiker und Akademikerinnen in diesen Zuschreibungen gegenwärtig festklemmen, daran lässt uns zum Beispiel die junge Autorin Shida Bazyar in ihren "Drei Kameradinnen" teilhaben, einem Roman, der so rotzig wie nötig und so unaufgeregt wie möglich daherkommt. Und dann noch was: wer sich wirklich aufrichtig für brandenburgische Dörfer interessiert, dem sei Saša Stanišićs bester Roman "Vor dem Fest" empfohlen. Eine Stimme, die ein Dorf umschleicht wie eine Fähe – und seinen Geist in sich aufsaugt, seine Menschlichkeit, seine tiefe soziale Tragik – jenseits der Klischees.

Ein Beitrag aus der Sendung "Jazz und Politik" vom 20.11.2021 auf Bayern 2. Den Podcast zur Sendung können Sie hier abonnieren.