Interview mit Sophie Passmann "Weltliteratur ist nichts anderes als Männer, die sich nicht kurz fassen wollen"

Sprechen wie Twitter, cool rüberkommen, aber ja nicht anecken: Sophie Passmann schildert in ihrem neuen Buch "Komplett Gänsehaut" das Lebensgefühl der Millenials. Im Interview erzählt sie, welches Klientel sie dabei im Kopf hatte.

Von: Knut Cordsen

Stand: 02.03.2021

Zündfunk Netzkongress Sophie Passmann | Bild: Matthias Kestel

"Jeden Morgen frühstückt man so, wie alle behaupten, nicht zu frühstücken, hektisch mit dem Handy in der Hand, noch vor dem ersten Kaffee hat man sich schon drei Dutzend Meinungen aus dem Internet ins Hirn geballert, man weiß noch nicht, ob das Langzeitfolgen hat, man ahnt es aber, so wie man ahnt, dass man in zehn Jahren Probleme mit dem Rücken haben wird." Wenn das in etwa Ihre morgendliche Frühstückssituation beschreibt, dann ist Sophie Passmanns neues Buch genau das richtige für Sie. Wenn nicht, dann auch, denn Sophie Passmann liefert in ihrem neuen Buch "Komplett Gänsehaut" lauter aufschlussreiche Einblicke in die Lebensweisen und das Lebensgefühl der Millenials: jener Menschen, die so wie die Autorin irgendwann zwischen den frühen 1980er und späten 1990er Jahren geboren sind. Die Verfasserin des Bestsellers "Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch", ist eine so genaue wie selbstironische Beobachterin ihrer Generation. Knut Cordsen hat mit Sophie Passmann über ihr Buch "Komplett Gänsehaut" gesprochen.

Knut Cordsen: Sie sind gerade 27 geworden. Wenn man Ihr Buch liest, wirkt es eingangs fast so wie ein Gegenzauber. Gab das Erreichen des mythischen Alters von 27 Jahren, in dem so viele große Künstler von Amy Winehouse über Janis Joplin bis hin zu Kurt Cobain gestorben sind, den Anlass für Ihr Buch oder was war es?

Sophie Passmann: Nein, das war nicht die Motivation oder Inspiration. Aber das Buch beginnt ganz absichtlich damit, weil ich diese Anmaßung sehr schön finde, die darin zum Ausdruck, dass eine Erzählerin sich in den Raum stellt und sagt: Ich vergleiche mich jetzt implizit eigentlich auf eine Art mit Janis Joplin und Jimi Hendrix. Das war irgendwie ein ganz guter Beginn, finde ich, als Ton für das Buch.

Sie haben Ihrem Buch ein Motto aus dem Buch "Blue Nights" von Joan Didion vorangestellt: ein paar Zeilen, die diese große amerikanische Reporterin und Autorin mal auf eine Karteikarte geschrieben hat: "Do not whine / Do not complain / Work harder / Spend more time alone." Warum dieses Motto?

Also ich habe – das ist bestimmt nicht einfallsreich für eine junge Frau, die gerne liest – eine große Begeisterung für Joan Didion. Vor allem fasziniert mich die Härte und dieses Arbeitsethos, das sich ja in diesem Zitat zeigt, aber auch in ihrem gesamten Werk. Und auch diese genaue Beschreibung, dieses Sich-Konzentrieren auf die Fakten und dabei aber auch manchmal ein Sich-selbst-Auflösen beim Beschreiben der Fakten. Dieses Zitat habe ich mir ausgesucht, als ich angefangen habe, das Buch zu schreiben. Das war, bevor die Pandemie begann. Ich habʼs dann irgendwie stehen lassen, weil ich das Zitat in einer Zeit, in der sowieso alle ständig alleine sind und rumweinen richtigerweise, in seinem Zynismus mochte.

Sie schreiben, wenn man Joan Didion läse, würde man sich fragen "Wieso ist sie immer so schlecht gelaunt?" Missgelaunt ist oft der Ton Ihres Buches. Ist das ein Generationengefühl, ein Missvergnügen an der Welt, so ein Ungenügen?

Ich habe mir große Mühe gegeben, diese Erzählerin, die viele Gemeinsamkeiten mit mir hat – gleiches Alter, gleiche Stadt, gleiche Klientel – trotzdem so zu überzeichnen, dass man ihr folgen möchte bei dieser Beschreibung ihrer Klientel. Weil es natürlich ein Text ist, in dem diese Erzählerin immer wieder abrutscht ins Unsympathische. Das Ziel war aber, in ihren Beschreibungen so genau zu sein, dass man ihr eben dabei weiter folgen möchte. Das heißt, der überspitzte Selbsthass, aber auch diese schlechte Laune beim Beschreiben eines Milieus, das war mir wichtig. Dass es an manchen Stellen auch einfach abrutscht ins Unsympathische, hat damit zu tun, dass ich mich schon sehr bewusst stellen wollte gegen so ein Abfeiern von Leuten, die Dinge immer hassen. Ich hätte mich schlecht damit gefühlt, eine Erzählerin zu erfinden, die gut dabei wegkommt, wenn sie sagt: Meine einzige Einstellung zur Welt ist: Ich finde alles scheiße.

Man kann Ihr Buch durchaus als Rant lesen, also als Wutrede. Die Millenials, die Sie in Ihrem Buch beschreiben, sind selbstbezogen und haben einen Haltungsschaden der anderen Art: "Wir reden so, wie das Internet es gerne hat", schreiben Sie, und weiter: "Meine Freunde und ich konsumieren mit ein paar Nuancen Unterschied die gleiche Musik und haben die gleiche Haltung, wir sind alle ein und dieselbe Person, und zwar völlig absichtlich." Klingt ziemlich langweilig. 

Ja, klingt langweilig. Diese Szene, in der die Erzählerin ihre Freunde trifft, ist so ein Bruch. Man merkt: Ach so, die ist ja gar nicht cool, die ist ja gar nicht tough. Die ist eigentlich wahnsinnig gemein zu ihren Freunden und hält sich für was Besseres. Wenn ich über junge Menschen schreibe, die in dieser Erzählung alle das Gleiche konsumieren, die gleiche Musik hören, geht’s überhaupt nicht darum, alle Millennials oder alle Angehörigen einer Generation über einen Kamm zu scheren. Ganz im Gegenteil. Ich sträube mich sehr gegen den Generationen-Begriff und dagegen, alle jungen Leute eines Jahrgangs erklären zu wollen. Mir geht es um eine gewisse Klientel: ein akademisches linkes Bildungsbürgertum, das in meinem Alter sehr darüber nachdenkt, wie man nicht problematisch sein kann, wie man ein gutes Leben führen kann. Man reflektiert die eigenen Privilegien und hat im Hinterkopf ständig einen Shitstorm mitlaufen. Man fragt sich: Was von dem, das ich hier sage, wäre im Internet schon einen Shitstorm wert?

Es gibt in Ihrem Buch viele brillante Formulierungen, z.B. diese: "So wie es gerade ist, passiert nichts anderes, als dass wir uns gegenseitig in unserer Langweiligkeit radikalisieren" – das ist eine recht brillante Umschreibung von Twitter.

Danke schön. Es gibt so Stellen, bei denen ich mich freue, dass die mir gelungen sind. Gleichzeitig denke ich dann: Aber hoffentlich wirkt jetzt diese Erzählerin nicht so souverän, weil ich natürlich immer wollte, dass der Text gegen sie arbeitet. Ich wollte nicht, dass am Ende Leute das Buch zuklappen und denken: Was für eine tolle Frau, die findet ja mal richtig alles richtig doof. Natürlich gibt es Beobachtungen, die ich als Sophie Passmann erst machen musste, und es gibt Gedanken, die ich erst haben musste, damit ich sie dieser Frau in den Mund legen kann. Langweiligkeit, auch radikale Langweiligkeit und radikale Einfallslosigkeit im Internet gehört definitiv dazu.

Sie haben auf Twitter eine riesige Gefolgschaft, gut 160.000 Follower. Wieviel verdankt Ihr aphoristischer Stil mit Sätzen wie "Weltliteratur ist nichts anderes als Männer, die sich nicht kurz fassen wollen", der von Twitter verlangten Kürze?

Ich glaube, das bedingt sich gar nicht so sehr, wie es jetzt vielleicht in Ihrer Frage klingt. Es ist höchstens ein Epiphänomen von etwas ganz anderem, nämlich davon, dass ich mich selber in erster Linie als Unterhalterin verstehe und eben nicht als Literatin. In erster Linie möchte ich unterhalten, und das in dem Format, in dem ich mich gerade bewege. Auf Twitter möchte ich einfach nach den Kommunikationsregeln von Twitter spielen. Dazu gehört, dass ich so schreibe, dass es für Twitter funktioniert. Ich hab kein Problem damit, einen eigenen Gedanken zu verkürzen oder vielleicht auch mal dümmer zu machen, als er aus meinem eigenen Kopf eigentlich rauskommen könnte. Ich bin uneitel, was das angeht.

Margarete Stokowski hat vergangene Woche getwittert "sags ungern aber kenne keine feministische Autorin die sich auf den 8. März freut". Sie haben das retweetet. Der Weltfrauentag steht bevor, und um Ihre Haltung und die anderer Frauen zum Feminismus kreist ja auch Ihr jüngstes Buch immer mal wieder. Da steht dann trocken: "Wir sind ja nicht Feministinnen geworden, um uns für die anderen zu interessieren." Und über Männer, die sich Feministen nennen, schreiben Sie sehr komisch, "das ändert erst mal gar nichts an der Art und Weise, wie sie denken und sich verhalten, sie unterbrechen Frauen nur öfter, um ihnen Feminismus zu erklären". Das ist quasi dann Mansplaining galore. Ist Feminismus für Sie mehr als eine Pose?

Absolut. Feminismus ist für mich in den Bereichen, in denen ich ausnahmsweise mal nicht völlig ironisch und überspitzt spreche, wirklich ein Bekenntnis zu einer besseren Welt. Ich sage das absichtlich mal ganz pathetisch, weil: Auch wenn Feminismus glücklicherweise in meinen Augen in den letzten Jahren immer popkultureller wurde in der öffentlichen Wahrnehmung, ändert das in meinen Augen nichts an der absoluten Ernsthaftigkeit, mit der Feministinnen gewisse Dinge fordern. Für mich ist der popkulturelle Feminismus zwar wichtig, als Einstieg v.a. für junge Frauen, um sich mit Feminismus auseinanderzusetzen. Nur dahinter muss immer sehr ernsthaft der aktivistische Feminismus kommen. Weil mit Diskussionen, Narrativen und Wörtern allein lässt sich keine politische Situation verändern.

Sophie Passmanns Buch "Komplett Gänsehaut" ist für 19 Euro bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.