Doku-Tipp und neues Album Lyrics voller Wut: die Sleaford Mods

Mit Punk und Spoken Poetry auf Rumpelbeats haben sich die Sleaford Mods schnell einen Namen gemacht, wie die Doku "Bunch of Kunst" zeigt. Ihr neues Album "Spare Ribs" ist ein Generalangriff gegen alles, was gerade schief läuft in England (und dem Rest der Welt).

Von: Martin Zeyn

Stand: 21.01.2021

Cover Spare Robs | Bild: Rough Trade

Wenn Rap das CNN für Schwarze war, wie Public Enemy es einmal formulierten, dann sind die Sleaford Mods Twitter für all jene, die die goldenen Versprechen des Neoliberalismus nicht erreicht haben. Die kleinen Leute mit ihren großen Problemen, die Abgehängten, die nicht in den Londoner Glaspalästen leben, sondern in den ehemaligen Kohlerevieren versuchen müssen, mit der Stütze auszukommen. "Ich schreibe über das, was um mich herum passiert – was mich wütend macht", sagt Sänger Jason Williamson: "Da wird mir wohl nie der Stoff ausgehen. Zumal es auch therapeutisch ist, wenn ich mich mit Dingen befasse, die mich sauer machen."

Ihre Metaphorik ist dabei drastisch: Wir alle ähneln Mastschweinen aus der industriellen Fleischerzeugung, sind Spare Ribs (so lautet der Titel ihres neuen Albums), also Schweinerippchen, die genauso schnell auf Schlachtgewicht gebracht wie dann gegessen und entsorgt werden. "Deshalb hielt ich das für den passenden Albumtitel. Vielleicht ist er ein bisschen extrem, aber er basiert auf einer interessanten Beobachtung."

Gegen die Konsumsucht

"Für die Wirtschaft sind wir reines Kanonenfutter", erklärt der Leadsänger und beklagt so all jene Menschen, die in Großbritannien wegen des zu späten Lockdowns (Umsatz ist halt wichtiger als Leben) bereits gestorben sind oder noch sterben werden. Andere Bilder sind weniger drastisch, aber dafür umso deprimierender, etwa wenn es um unser aller Konsumsucht geht: "We are real, we are lucky, 20p in the 10p mix". Frei übersetzt: Wir suchen 20 Pence in einer Tüte für 10 Pence!" Die Fanbase liebt Sleaford Mods dafür: Auf ihren Konzerten bekommt man gesagt, was sich sonst nur selten wer zu sagen traut.

Bittere Momentaufnahmen einer Gesellschaft entstehen so. Williamson trägt seine Texte zynisch, bissig und sehr emotional vor – mit breitem Midlands-Akzent und jeder Menge No-Bullshit-Attitüde. Bei ihren Auftritten steht das Laptop von Compagnon Andrew Robert Lindsay Fearn dann einfach auf ein paar Bierkisten, so als würden sich die zwei Bandmitglieder im lokalen Pub Luft verschaffen.

Williamsons Auftritt befremdet erst einmal. Er wirkt, als habe jemand seine Ticks nicht unter Kontrolle. Immer wieder scheint er sich ans Ohr zu greifen oder sein Arm schnellt scheinbar unkontrolliert nach oben. Ist er runter von der Bühne, ist davon nichts mehr zu sehen. Seine scheinbaren Ticks sind eine Art von Method-Acting, so als schlüpfe er in die Rolle jener, von denen seine Lyrics erzählen. Und im Studio, so erzählt der musikalische Mastermind Fearn, "bringt er mich einfach zum Lachen" durch die Art, wie er Dinge sagt. Okay, das Lachen bleibt mir manchmal im Hals stecken, angesichts all der Probleme, die auf diesem Album angesprochen werden: der Brexit, die verkrustete Gesellschaft, das Aussortiertwerden nach neoliberalen Effizienzkriterien. Aber es tut gut, wenn einer wenigstens seine Wut darüber herausschreit.

"Spare Ribs" von Sleaford Mods ist bei Rough Trade / Beggars Group / Indigo erschienen. Der Dokumentarfilm über die Band "Bunch of Kunst" (siehe oben) ist bis zum 8. Februar in der Mediathek verfügbar .