Anti-Rassismus Beste Freunde: Die Sesamstraße erklärt Kindern die Welt – meistens…

Flüchtlinge, Rassismus, People of Color: Die US-Sendung Sesamstraße nimmt gesellschaftliche Themen unter die Lupe. Und geht dabei im Moment neue Wege, zuletzt sind zwei afroamerikanische Puppen eingezogen.  

Von: Andrea Mühlberger

Stand: 25.03.2021

Die beiden neuen afroamerikanischen Puppen Wes und sein Vater Elijah unterhalten sich auf einer Parkbank  | Bild: Sesame Worshop

Ach ja, die Sesamstraße! Zu wenig Fortschrittlichkeit kann man den Machern der Sendung wirklich nicht vorwerfen! Schon in den 70er Jahren sorgte das Team um Jim Henson dafür, dass wir als Kinder nicht nur mit fröhlichen knallbunten Monsterpuppen bespaßt wurden. Schon damals war die Sendung ein Ort, an dem Studiogäste mit dunkler Hautfarbe ganz selbstverständlich mit dem Krümelmonster Kekse knabberten und uns Vorschulkindern nebenbei ein bisschen Kopfrechnen beibrachten. Eine Sendung, in der zwei männliche Puppen gemeinsam in die Kiste sprangen - was das hätte bedeuten können, verstanden wir damals natürlich noch nicht. Aber dass solche Dinge in der Sesamstraße ganz nebenbei passierten, uns Kindern als normal vorgelebt wurden, hat unsere Generation wahrscheinlich mehr geprägt, als uns bewusst ist.  

Dass Ernie und Bert, nachdem sie sich fast vierzig Jahre Schlafzimmer und Wohnung geteilt hatten, trotzdem nicht heiraten durften, steht auf einem anderen Blatt: Rund 7000 Menschen hatten sich im Sommer 2011 in einer Petition stark gemacht, für eine Hochzeit von Tollpatsch Ernie und Grantler Bert. Anlass war die Legalisierung der Homo-Ehe im US-Bundestaat New York Ende Juli desselben Jahres. Die beiden Schlafzimmergenossen Ernie und Bert hätten da gleich mit gutem Beispiel vorangehen können! Doch die Macher der Sesamstraße schmetterten das Anliegen damals ab: "Sie sind nicht homosexuell, sie sind nicht heterosexuell, sie sind Puppen. Sie existieren unterhalb der Taille nicht", erklärte der damalige Präsident der Sesamstraße, Gary Knell, in einer Stellungnahme. Auch andere Gegner der Kampagne forderten in der Debatte, die Puppen doch bitteschön in Ruhe zu lassen und "die Unschuld der Sesamstraße" zu erhalten.   

Niemand wird diskriminiert, nur weil er pink ist 

Da sind die Signale, die von den aktuellen Machern der Sesamstraße kommen, doch deutlich mutiger: Erst überraschten uns die Puppenspieler aus Bangladesh mit der Nachricht, dass ihr Sesamstraßen-Team um zwei Flüchtlingskinder erweitert wird: Zwillinge, Mädchen und Junge, aber vor allem: Angehörige der muslimischen Volksgruppe der Rohingya. Die Puppen Noor und Aziz sollen die Kinder in Flüchtlingslagern beim Lernen unterstützen. Und gleichzeitig allen anderen jungen Zuschauern Themen wie Migration und den Clash of Religions nahe bringen. Nach dem Mord an George Floyd Ende Mai vergangenen Jahres und den anschließenden Anti-Rassismus-Protesten in den USA gab es eine Sondersendung der Sesamstraße: Elmo, eine der beliebtesten Figuren, diskutierte da bei einer Art "Town Hall Meeting" mit Kids auf CNN über Rassismus. Dabei versuchte das rote Monster anhand seiner quietschbunten Mitbewohner zu erklären, warum es absurd ist, andere auszugrenzen, nur weil sie ein pinkes oder lila Zottelfell haben.

Aber es sind eben nicht alle Straßen so bunt und tolerant wie die Sesamstraße, in der sich alle liebhaben und respektieren! Und weil das Thema Rassismus weiter schwelt, bevölkern nun zwei weitere Puppen den Sesamstraßenkosmos: Papa Elijah und sein Sohn Wes, beide Afroamerikaner, machen die Wohngemeinschaft ethnisch diverser, aber auch weniger marionettenhaft. Denn wie mit den Rohingya-Zwillingen zieht auch mit den Menschenpuppen Elijah und Wes eine gute Portion Realität und Aktualität in die Sesamstraße ein. In Clips sprechen sie über unterschiedliche Hautfarben und woher die kommen: "Ich weiß, warum, Elmo! Meine Eltern haben mir gesagt, dass es an Melanin liegt, oder?" erklärt Wes seinem Zottelfreund. In der Hoffnung, dass Kinder schon im Vorschulalter für das Thema Rassismus sensibilisiert werden – und später ein offeneres Weltbild entwickeln.   

 Nicht schwul, nur beste Freunde 

Natürlich kann man darüber diskutieren, ob es richtig ist, Bildungssendungen für Kinder in dieser Form zu politisieren, sie upzudaten, und wie im Fall der Sesamstraße die Ebenen zu vermischen, zwischen Fantasy-Theater und Realität. Flüchtlingskinder und Afroamerikaner unter Krümelmonstern und Zottel-Elmos! Und auch wenn ich mir wünsche, dass die Aufklärungsarbeit in Sachen Flüchtlingsproblematik und Rassismus gelingt und Früchte trägt - ein bitterer Nachgeschmack bleibt: Ernie und Bert dürfen bis heute nicht mehr sein als geschlechtsneutrale, unterleibslose "beste Freunde": Als der Serienautor Mark Saltzman 2018 im Interview dem Online-Magazin Queerty erklärte, er habe Ernie und Bert beim Schreiben immer als Liebespaar gedacht,  auch seien er und sein langjähriger Lebensgefährte oft mit den beiden Kult-Puppen verglichen worden, sah er sich gezwungen, dieses "Outing" später zu relativieren – allen hartnäckigen Gerüchten und Parodien zum Trotz. Von offizieller Seite heißt es dazu bis heute: "Ernie und Bert sind beste Freunde, die zeigen, dass auch sehr unterschiedliche Personen zusammenleben und sich mögen können." Ach, Sesamstraße!